zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

02. Dezember 2016 | 19:17 Uhr

Kälteeinbruch in Schleswig-Holstein : Wie uns eine Kaltluftzunge den April verhagelt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schnee im April! Das setzt den Schleswig-Holsteinern und ihrem Spargel zu.

Kiel/Alt Mölln | Mütze, Schal und wetterfester Wintermantel statt Frühlingslook – niedrige Temperaturen, Hagelschauer und Schnee setzen derzeit den Schleswig-Holsteinern zu. Beim meteorologischen Dienst Wetterwelt in Kiel stehen die Telefone nicht still. „Wir stehen unter anderem mit Landwirten täglich im Kontakt“, sagt Diplom-Meteorologe Sebastian Wache (31). Die Kälte hat Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche.

Schleswig-Holsteins Spargelsaison ist am Dienstag in Alt Mölln im Kreis Herzogtum Lauenburg offiziell eröffnet worden. Den niedrigen Temperaturen zum Trotz wird in Norddeutschland auf einzelnen Betrieben bereits die weiße Köstlichkeit gestochen. Nächste Woche könne auf den meisten Flächen geerntet werden, sagte Thomas Hanf von der Landwirtschaftskammer.

Wie sich das Angebot in der Saison entwickeln werde, hänge maßgeblich von der Temperatur ab, sagte der Präsident der Landwirtschaftskammer, Claus Heller. „Der April war sehr kühl, so dass die Saison leicht verspätet mit noch kleinen Mengen startete.“ Bodenfrost habe an manchen Stellen die Spargeltriebe zerstört, wegen der Frostschäden seien die Stangen zum Teil nicht mehr zum Verkauf geeignet gewesen.

Spargel braucht Temperaturen um die zwölf Grad, um zu wachsen. Möglich werde das durch riesige Plastikplanen, mit denen viele Spargelbauern ihre Felder schützen, sagte Kammersprecherin Daniela Rixen. Die sogenannten Tunnelfolien bewahren die empfindlichen Pflanzen vor dem Aprilwetter und den zum Teil bitterkalten Nächten. Unter der Plastikhaube können den Angaben zufolge bei Sonnenschein zum Teil mediterrane Temperaturen herrschen.

Ein Meer aus Plastik schützt die kulinarischen Begehrlichkeiten des Frühlings: den Spargel.
Ein Meer aus Plastik schützt die kulinarischen Begehrlichkeiten des Frühlings: den Spargel. Foto: dpa
 

Die Haupternte in Schleswig-Holstein werde aber erst im Mai beginnen. „Dann steht den Verbrauchern überall im Lande das königliche Gemüse aus regionaler Erzeugung zur Verfügung“, sagte Rixen. In Schleswig-Holstein produzieren rund 60 Betriebe auf 400 Hektar vorwiegend weißen Spargel. Sie setzen zu 95 Prozent Tunnelfolien ein und ernten insgesamt rund 1600 Tonnen Spargel; das entspricht rund 32 Millionen Stangen. „Heimischer Spargel ist von der Qualität nicht mit Ware aus Übersee zu vergleichen, die gerade zu Beginn der Saison oft zu Dumpingpreisen angeboten wird“, betonte Kammerpräsident Heller.

Das Herzogtum Lauenburg ist den Angaben zufolge das größte Spargelanbaugebiet Schleswig-Holsteins. Die Spargelsaison endet traditionell am Johannistag, dem 24. Juni.

Bleibt das Wetter noch länger so?

Beim kalten Wetter bleibt nun nicht nur für den Spargel Durchhaltvermögen angesagt: Das ungewöhnlich kalte Schmuddelwetter halte noch die komplette Woche an, sagt Sebastian Wache. In fünf Kilometern Höhe führe derzeit eine „Kaltluftzunge“ die Polarluft vom Nordpol über Skandinavien nach Mitteleuropa. „Das ist selten“, erklärt der Wetterwelt-Meteorologe. Instabile Luftschichten stünden unter dem Einfluss der bereits energiereichen Sonnenstrahlung, es bilden sich Schauerwolken, die die kalte Luft anzapfen. Der Effekt: Hagel, Graupel, seltener Schnee. Eine Besserung sei erst zum Wochenende in Sicht, sagt Wache.

Braucht man doch wieder Winterreifen?

Bis dahin müssen Autofahrer im Norden besonders vorsichtig sein, wie eine Massenkarambolage am Sonntag auf der A23 während eines starken Hagelschauers zeigte. Etwa 20 Fahrzeuge waren bei Albersdorf in Dithmarschen ineinander gerast – und viele davon bereits mit Sommerreifen unterwegs. Vom Versicherer seien in diesem Fall aber „keine Nachteile zu erwarten“, teilte Sebastian Kaltofen von den Itzehoer Versicherungen am Montag mit. Und: „Keinesfalls muss jetzt wieder hektisch auf Winterreifen zurückgerüstet werden“, so Kaltofen. Auch am Dienstmorgen waren viele Autos im Schneetreiben, wie diese Aufnahme von der A7 bei Bordesholm zeigt:

<p>Auf der A7 bei Bordesholm beeinträchtigt am Dienstagmorgen Schnee und Graupel den Verkehr.</p>

Auf der A7 bei Bordesholm beeinträchtigt am Dienstagmorgen Schnee und Graupel den Verkehr.

Foto: Daniel Friederichs
 

Verwöhnt durch die vergangenen Jahre haben viele Schleswig-Holsteiner dieses Aprilwetter nicht mehr auf der Rechnung, deutet Sebastian Wache an. „Vor einem Jahr hatten wir um diese Zeit schon 20 Grad Celsius“, sagt der Meteorologe. Dass es im April besonders kalt und ungemütlich war, sei lange her: 1986, 1988 und 1991.

Wie werde ich trotz Schmuddelwetters glücklich?

„Es gibt keine schlechte Jahreszeit, sondern nur schlechte Kleidung“, sagt dazu der Diplom-Psychologe Michael Thiel in Hamburg. Der 56-Jährige hat darin Erfahrung, wohnt er doch zeitweise auch „bei euch da oben, nahe Schleswig“. Der Psychologe rät: „Nicht rumjammern, sondern rausgehen.“ Ein Spaziergang an der frischen Luft setze auch bei diesem Aprilwetter im Gehirn Substanzen frei, die für Wohlbefinden sorgen und damit antidepressiv wirken.

Elin Lippert aus Geesthacht an der Elbe hat die Spargelsaison eröffnet.
Elin Lippert aus Geesthacht an der Elbe hat die Spargelsaison eröffnet. Foto: Daniela Rixen, Landwirtschaftskammer
 

So hält es auch die neue Spargelherzogin Elin Lippert aus Geesthacht an der Elbe. Die 18-Jährige hat am Dienstag in Alt-Mölln im Kreis Herzogtum Lauenburg die Saison für das Edelgemüse eröffnet. „Ich bin mit Gummistiefeln, Regenmantel und Schirm gegen das Wetter gewappnet“, ließ sie durchblicken, zeigte sich aber auch zuversichtlich. „Wir werden eine schöne Spargelsaison haben.“

Zudem wird Spargel teurer. Nicht wetterbedingt – sondern aufgrund des steigenden Mindestlohns.

zur Startseite

von
erstellt am 26.Apr.2016 | 14:09 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen