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Schleswig-Holstein

23. März 2017 | 17:39 Uhr

Stadt, Land, Flucht : Wie Schleswig-Holstein den demografischen Wandel auf den Dörfern gestalten will

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Groß Wittensee sagt dem demografischen Wandel den Kampf an. Ein Besuch vor Ort. Der Beitrag wurde mit dem Journalistenpreis für Schleswig-Holstein geehrt.

Kiel | Wer nach Groß Wittensee fährt, der ahnt schnell: Hier lässt es sich gut leben. Links von der Hauptstraße liegt der Ponyhof, rechts die Apotheke. Generationenübergreifende Grundversorgung. Der Ort, der sich an den namensgebenden See schmiegt, ist ein kleines Idyll. Ein Idyll mit Einkaufsladen, Bankfiliale und Gasthof.

In Groß Wittensee hat auch die Verwaltung des Amtes Hüttener Berge, die für 16 Gemeinden im Kreis Rendsburg-Eckernförde zuständig ist, ihren Sitz. Hier, im Obergeschoss, Zimmer 2, residiert Amtsdirektor Andreas Betz. Er hat vor vier Jahren die Zukunft des Idylls am See in Frage gestellt. Betz hat den Menschen erzählt, dass sie hier vielleicht irgendwann nicht mehr leben können, wenn die Dorfgemeinschaft nicht noch enger zusammenrückt. Betz hatte die möglichen Folgen des demografischen Wandel geschildert – und dabei zunächst in verständnislose Gesichter geblickt. „Da hieß es schnell: Das betrifft uns doch nicht, hier ist es doch so schön.“ Am Ende hat der Amtsdirektor die Zahlen und Statistiken rausgeholt, „Da“, sagt Betz, „sind dann viele aufgewacht“.

Denn diese Zahlen haben es in sich, die Schleswig-Holsteiner werden weniger und – noch problematischer – sie werden älter. Sehr viel älter. Das statistische Amt hat errechnet, wie sich die Bevölkerung voraussichtlich entwickeln wird. So werden 2030 rund 35 Prozent – und damit mehr als ein Drittel – aller Schleswig-Holsteiner 60 Jahre und älter sein. 1990 lag der Anteil noch bei 21 Prozent. Auch im Amt Hüttener Berge, auch in Groß Wittensee. Und schon jetzt wohnen 73,5 Prozent der Schleswig-Holsteiner in städtisch geprägten Bereichen und nicht im ländlichen Raum, der 80 Prozent der Gesamtfläche des Landes ausmacht.

Die Kanzlerin und die Demografie

Ein paar Wochen nachdem Betz die Bürger seines Amtes informiert hat, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin: „Der demografische Wandel bringt neben der Globalisierung die größten gesellschaftlichen Veränderungen mit sich.“ Betz hatte damals in die Vereinsheime und Gaststätten seines Amtes geladen, die Kanzlerin im Oktober 2012 zum ersten Demografiegipfel nach Berlin. Sie sprechen über das gleiche Problem, nur aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Da wurde deutlich, wie vielfältig und kleinteilig die Probleme sind, die der demografische Wandel mit sich bringt. Berlin etwa ist kaum betroffen: Fachkräfte, Infrastruktur, kulturelle Versorgung, Pflegeeinrichtungen, öffentlicher Nahverkehr – all das ist in der Hauptstadt mehr als ausreichend vorhanden. Aber nicht in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein, nicht auf dem Dorf, nicht in Groß Wittensee.

Andreas Betz
Andreas Betz: „Wir werden alles versuchen, um unsere Infrastruktur zu erhalten.“ Foto: Michael Staudt
 

Eigentlich lieben die Menschen in Deutschland das Dorf. Trotzdem wollen sie lieber in der Stadt leben. Dieser Widerspruch, der durch zahlreiche Umfragen belegt wird, ist nicht neu, er zeigt vielmehr einen Trend, der seit Jahren anhält: Die Provinz wird zunehmend zum Sehnsuchts-Ort, das Leben in einer dörflichen Gemeinschaft zu einer Art Utopie des ursprünglichen menschlichen Daseins. Gelobtes Land, geliebtes Landleben. Magazine, die die Vorzüge von weitem Blick und naturnahem Leben, von guter Luft und blühenden Wiesen lustvoll und mit vielen sehenswerten Bildern beschreiben, erzielen Rekordauflagen. Die Provinz ist zum Ausstellungsobjekt geworden.

Aber mit der Frage, wer überhaupt auf dem Land leben will, geht auch eine andere einher: Wie kann man dort künftig noch leben? Denn immer dann, wenn Romantik und Realität aufeinander treffen, klingt Dorfleben schnell nach Rückständigkeit, nach einer Welt von gestern: Langsames Internet, mangelnde ärztliche Versorgung, eingeschränkte Mobilität, kaum Einkaufsmöglichkeiten und kulturelle Angebote.

Städter und Landbewohner unterscheiden sich zwar durch ihr Lebensumfeld, nicht aber durch ihre Interessen und Ansprüche. Allerdings wird die Infrastruktur in vielen Landstrichen nur schwer aufrecht zu halten sein. In diese ohnehin schon ausgedünnten Lebensräume wird der demografische Wandel weitere Schneisen schlagen. In Sachsen-Anhalt gibt es bereits den Plan, erste Dörfer aufzugeben – und die Menschen umzusiedeln.

Landesentwicklungsstrategie 2030

So weit ist es in Schleswig-Holstein noch nicht. Und so weit soll es auch nicht kommen. Deshalb wird in der Kieler Staatskanzlei, die für das Thema „Demografischer Wandel“ im Land zuständig ist, derzeit an einer sogenannten Landesentwicklungsstrategie 2030 gearbeitet. In den kommenden Wochen soll der 150 Seiten umfassende Band vorgestellt werden. Darin geht es um Bildung, Digitalisierung, Wirtschaft, Mobilität, um Regionen im Wandel; das klingt zunächst nach viel und ist dann – bei genauerem Hinsehen – doch wieder wenig. Der demografische Wandel ist aufgrund der vielen Ursachen und vermeintlichen Lösungen als Thema tatsächlich nur schwer zu fassen. Deshalb gilt er in der Politik auch als Verlierer-Thema, inoffiziell natürlich. Profilieren kann man sich auf diesem Feld nicht. Nur kommt man im Bund wie in den Ländern an dem Thema auch nicht mehr vorbei.

„Wir müssen in diesem Bereich besser werden, auch in der Landesregierung“, sagt Staatssekretär Thomas Losse-Müller. Ein ehrlicher Satz. Der Chef der Kieler Staatskanzlei hat über seinem Schreibtisch das Bild einer Stadtszene hängen, aber sein Thema ist derzeit vor allem der ländliche Raum: „Schleswig-Holstein braucht eine flexiblere und weniger restriktive Landesplanung, das betrifft vor allem Standards und Gesetze. Der ländliche Raum braucht hier sicher in Zukunft etwas mehr Bewegungsfreiheit.“

<p>Thomas Losse-Müller: „Schleswig-Holstein braucht eine flexiblere und weniger restriktive Landesplanung.“</p>

Thomas Losse-Müller: „Schleswig-Holstein braucht eine flexiblere und weniger restriktive Landesplanung.“

Foto: Staatskanzlei
 

Losse-Müller plädiert für Breitbandausbau, einen deutlicheren Fokus auf die Lebensqualität als Standortfaktor und dezentrale Strukturen als Mittel gegen den demografischen Wandel auf dem Land. Im Klartext: Das Land schreibt weniger vor und lässt den Gemeinden mehr Raum für individuelle Lösungen. Das betrifft alle Bereiche der Daseinsvorsorge, aber auch Baustandards, Pflegemodelle und Mobilitätsangebote wie Bürgerbusse. Und dort, wo dieser Raum entsteht, sind die Menschen gefragt. „Das ehrenamtliche Engagement der Bürger wird entscheidend für die Zukunft der ländlichen Gemeinden sein“, sagt Losse-Müller.

Eine Studie des Bundesinstituts für Bau, Stadt- und Raumforschung zeigt, dass die Bereitschaft für diese besondere Form der Privatisierung bei den Landbewohnern durchaus vorhanden ist: „Die Mehrheit derer, die in ländlich geprägten Gebieten Deutschlands wohnen, scheint genau dort leben zu wollen. Die Ortsbindung ist höher als in Städten und die Lebensstile sind traditioneller.“ Traditionelle Lebensstile sind ein guter Nährboden für das Ehrenamt. Bislang scheitert dieses Engagement aber oft an Gesetzen; etwa dann, wenn nicht geklärt ist, wie die ehrenamtlichen Fahrer der Bürgerbusse aus der Haftung genommen werden können.

Wenn aber die Bürger den Staat ersetzen sollen und Improvisation von Gemeindeseite gefragt ist, dann müssen auch gesetzliche Vorgaben überholt – oder ganz abgeschafft werden. „Eine Gesellschaft, die sich in den ländlichen Räumen erneuern muss, braucht den Mut, Neues auszuprobieren, notfalls auch Grenzen unsinniger Gesetze großzügig auszulegen“ schreibt etwa Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in seiner Studie „Von Hürden und Helden – Wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt“. Laut Klingholz könnten so Schulen erhalten bleiben, alternative Verkehrsmittel entstehen, Gemeinden selbst Arztpraxen betreiben, Alten-WGs und Kindergärten gründen. Grundlage ist die Rückkehr zu einem Sozialgefüge, das viele Menschen nur noch aus Geschichten von früher kennen, aus der Zeit, als mehrere Generationen unter einem Dach wohnten und die Welt für viele Menschen am nächsten größeren Ort endete.

Auch Andreas Betz kennt diese Geschichten. Auch er glaubt, dass viele ländliche Gemeinden nur dann eine Zukunft haben, wenn die dörfliche Gemeinschaft gestärkt wird. Deshalb hat er in allen Gemeinden des Amtes Hüttener Berge Arbeitsgruppen gebildet, die über Zukunftsthemen der Orte diskutieren, auch über neue Formen des Zusammenlebens.

Virtueller Dorfplatz für Dienstleistungen

Sein Amt ist gewissermaßen ein Modellprojekt. Und die Zeit drängt, denn mittlerweile wird offen über den Rückzug der staatlichen Infrastruktur aus der Fläche gesprochen. Unlängst hat Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) bei der Vorstellung einer Mobilitäts-Studie prognostiziert, dass sich feste Buslinien auf dem Land kaum noch finanzieren ließen. Meyer warb für individuelle Lösungen.

Lösungen wie den Marktbus, der die Bürger des Amtes Hüttener Berge zum Wochenmarkt in das rund zehn Kilometer entfernte Eckernförde bringt. Oder das Netzwerk „Nachbarschaftshilfe“, das im Amt etabliert wurde. „Für mehr Miteinander in der Gemeinde“, steht auf dem Flyer, den jeder Haushalt erhalten hat. Vom Schachgegner bis zum Babysitter, vom Opernbegleiter bis zur Einkaufshilfe kann dort alles gesucht werden. Ein Markt der sozialen Dienstleistungen, ein virtueller Dorfplatz, Landleben 2.0.

Das ist ein Anfang. Es bleibt die Frage: Was passiert, wenn die ersten Dörfer Baustandards herabsetzen oder Vorgaben für den gesetzlichen Brandschutz an Schulen verändern? In diesen Fällen ist kaum vorstellbar, dass die Kommune für die Haftung bei möglichen Unfällen einsteht. Die müsste das Land übernehmen. Bei über 1000 kleineren Gemeinden, die in Ämtern organisiert sind, wäre das ein kaum überschaubarer Teppich an individuellen juristischen Lösungen in Schleswig-Holstein. Nach heutigen Maßstäben ist so eine Lösung kaum vorstellbar.

Andererseits: Vielleicht können die ländlichen Regionen künftig sogar zum Vorbild für die Städte werden, zu einer Art Sozial-Labor, in dem in kleinen Einheiten die Abschaffung vermeintlich überflüssiger Paragrafen erprobt wird. Feldforschung für die deutsche Bürokratie.

Auch in den Gemeinden des Amtes Hüttener Berge. Dort werden die kommenden Jahre und Jahrzehnte zeigen, ob sich die Folgen des demografischen Wandels über starke Dorfgemeinschaften auffangen lassen. Amtsdirektor Andreas Betz wagt keine Prognose: „Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Wir werden alles versuchen, um unsere Infrastruktur zu erhalten“. Damit für Groß Wittensee und die anderen Kommunen des Amtes noch möglichst lange gilt: Hier lässt es sich gut leben.

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erstellt am 10.Feb.2017 | 11:40 Uhr

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