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Fair Trade in Eutin : Wie fairer Handel auch wirtschaftlich sein kann

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mehr für das Gewissen, weniger für die Bilanz: Kaufleute aus Eutin setzen auf Produkte aus kontrollierter Herstellung.

Eutin | Gibt es ein deutsches Wort für fair? Hans-Peter Klausberger, Chef der Eutiner Bäckerei gleichen Namens und Fair-Trade-Aktivist, stutzt bei dieser Frage. „Ausgeglichen“ sagt er nach kurzem Überlegen. Dann fällt ihm auch „gerecht“ ein. Das Online-Wörterbuch „leo“ schlägt gleich sechs deutsche Adjektive für das englische Wort fair vor. Ähnlich wie es für das deutsche Wort Heimat nur eine erklärende Übersetzung im Englischen gibt, lässt sich auch der Begriff fair unterschiedlich interpretieren.

Verbraucher beklagen häufig schlechte Arbeitsbedingungen in afrikanischen und asiatischen Ländern. Doch den höheren Preis wollen nur wenige zahlen - und Anbieter ungern auf hohe Gewinnspannen verzichten. Damit die deutsche Konsumfreude nicht durch Ausbeutung in Billiglohnländern finanziert wird, hat sich die „Fair Trade“-Nische gebildet.

Erzeuger fair behandeln. Das ist der Anspruch von „Fair Trade“. Preise zahlen, die dem Verkäufer ein würdevolles Leben ermöglichen und im Idealfall auch eine Produktion im Einklang mit der Natur. Es ist eine vergleichsweise junge soziale Bewegung in der westlichen Welt. Ende der 1950er Jahre begann die Organisation Oxfam, Handwerksprodukte chinesischer Flüchtlinge aus Hongkong in Großbritannien zu verkaufen. 1967 stand in Kerkrade die Wiege des Handels von Kunsthandwerk aus der Dritten Welt durch die niederländische Stiftung SOS. Und 1971 breitete sich in Deutschland die Aktion „Dritte-Welt-Handel“ aus. Vier Jahre später begann der Aufbau eines flächendeckenden Netzes an Dritte-Welt-Läden vor allem in Kirchengemeinden.

Hans-Peter Klausberger und seine Frau Anja betreiben seit 1998 die „Stadtbäckerei Klausberger“. Es ist der letzte ortsansässige Bäckereibetrieb in der Kreisstadt Eutin, er hat fünf Verkaufsstellen und 48 Angestellte, davon sieben in der Ausbildung. Die Klausbergers gehören zu den Pionieren der Fair-Trade-Bewegung. Schon am 23. November 2013 wurde Eutin das Siegel Fair-Trade-Stadt verliehen. Es war die sechste Stadt in Schleswig-Holstein und die 216. in Deutschland. Aktuell sind es 15 Städte in Schleswig-Holstein. Sechs Städte, der Kreis Dithmarschen und die Hallig Hooge sind zurzeit auf dem Weg zum Siegel.

Hans-Peter Klausberger erinnert sich an den Beginn seines Engagements. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe mich schon immer für Nahrungsmittel interessiert,“ erzählt der 57-Jährige. Die Fair-Trade-Bewegung bewusst wahrgenommen habe er in den 1980er Jahren, als Kaffee aus Nicaragua nach Europa kam. Der Handel mit diesem Produkt wurde als Unterstützung für Bauern eines Landes verstanden, das sich von dem Regime der Sandinisten befreit hatte, die von den USA unterstützt worden waren. Die Absicht, mit fairem Handel die Welt zu verbessern, schwingt immer noch mit bei der Fair-Trade-Bewegung. Was mit Kaffee und Kakao begann, ist auf ein Sortiment von rund 1200 Produkten gewachsen.

In den Cafés und Verkaufsstellen der Bäckerei Klausberger wird ausnahmslos fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt. Den Kaffee liefert Gepa, das größte deutsche Handelsunternehmen für „faire“ Produkte, dessen Wurzeln in die 1967 gegründete SOS-Stiftung reichen. Für Gepa spricht nach Überzeugung der Klausbergers vor allem, dass es die Bedingungen des fairen Handels verschärft: Sowohl bei der Preisgestaltung als auch beim Umweltschutz fordere Gepa höhere Standards.

Neben Kaffee bezieht die Bäckerei auch Schokolade und Kuvertüre von Gepa. Und im Gedanken an mehr Nachhaltigkeit setzt der Betrieb auch auf Regionalität: „Wir beziehen unser Mehl seit vielen Jahren von der Hobbersdorfer Mühle“, schilderte Klausberger, ein familiengeführtes Unternehmen nahe Lübeck, 23 Kilometer von Eutin entfernt. Der Versuch, in der Bäckerei eine Linie mit Bioprodukten aufzubauen, ist allerdings gescheitert: Zu aufwändig, zu kompliziert. Vor allem aber: Die Kundschaft goutiert es nicht. Da macht sich Klausberger auch beim fair gehandelten Kaffee keine falschen Hoffnungen: „Den meisten Kunden ist das vermutlich völlig egal“. Sie spüren es auch nicht am Preis, Klausbergers Kaffee ist nicht teurer als die Getränke der Konkurrenz. Die kleinere Gewinnspanne kann die Bäckerei Klausberger verkraften. Bei anderen Produkten hat es sich nicht gerechnet: Die Idee, Zucker von der Gepa zu beziehen, hat er verworfen: „Das wäre zu teuer geworden.“

Womit ein Knackpunkt auch des fairen Handels angesprochen wäre: Grundsatz eines Kaufmannes ist es, möglichst gute Ware für einen niedrigen Preis zu kaufen. „Das ist Kapitalismus pur. Aber dazu kommt ja noch eine ethische Komponente“, sagt Frauke Knorr, die mit ihrem Mann Stefan Knorr eine Wein- und Feinkosthandlung in Eutin betreibt. Beide zählen ebenfalls zu den Fair-Trade-Akteuren.

Im „Weingeist“ gibt es Schokolade mit dem Fair-Trade-Siegel, außerdem Weine aus Südafrika. „Der Anteil von Fair-Trade-Wein ist in unserem Sortiment naturgemäß klein,“ erläutert Stefan Knorr, „da wir unsere Weine meistens von inhabergeführten Winzereien und Weingütern beziehen.“ In Südafrika gebe es aber Genossenschaften, bei denen die Forderungen von Fair Trade an Löhne und auch Arbeitssicherheit beachtet würden: „Da wird zum Beispiel darauf geachtet, dass die Arbeiter eine Atemmaske tragen, wenn sie Pflanzenschutzmittel spritzen.“

Wie Hans-Peter Klausberger schätzt Stefan Knorr den Werbewert von Fair-Trade-Produkten für den Betrieb begrenzt ein: „Man spricht eine bestimmte Klientel an. Kunden, die auf Qualität achten, finden es gut, wenn es auch noch ein Fair-Trade-Produkt ist, die machen aber ihre Kaufentscheidung nicht von dem Siegel abhängig.“

Für Frauke Knorr erfüllt aber nicht nur Fair Trade eine moralische Qualität im Handel. Sicher müsse man einen höheren Einkaufspreis – zum Beispiel bei der Fair-Trade-Schokolade – an den Kunden weitergeben. Andererseits gebe man im „Weingeist“ aber auch bessere Preiskonditionen an die Kunden weiter, die man zum Beispiel durch den Direktbezug von einem Weingut erziele.

Wie so oft im Leben sind es wirtschaftliche Zwänge, die dem guten Willen die Grenzen setzen. Ein Beispiel ist das Modell „coffee to go“, das Hans-Peter Klausberger zuwider ist: „Was für einen Genusswert hat es denn, Kaffee unterwegs aus einem Pappbecher zu trinken?“ Er hat die Aktion „coffee to go again“ dagegen gesetzt: Wer einen Becher mitbringt, bekommt ihn mit Kaffee gefüllt. Das komme etwa einmal die Woche vor. Im gleichen Zeitraum gingen etwa 120 Pappbecher über den Tresen. Es ist nicht leicht, die Welt zu ändern. Häufig zweifelt Klausberger, dass es gelingt. Aber was sagte schon Martin Luther: „Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Dieser Text erschien zuerst in der Zeitung „Die Wirtschaft im Norden“, der Wirtschaftszeitung für Schleswig-Holstein.

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erstellt am 18.Apr.2017 | 19:58 Uhr

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