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Schleswig-Holstein

24. Februar 2017 | 13:35 Uhr

Grosshansdorf, Ahrensburg, Reinfeld : Wie die IS-Verdächtigen ihre Helfer in Schleswig-Holstein täuschten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die mutmaßlichen IS-Terroristen lebten unauffällig. „Es war eine perfide Art der Tarnung“, sagt Innenminister Studt.

Kiel | Deutsch lernen, zur Schule gehen, um Ausbildung bemühen: Sie schlüpften gezielt in die Rolle von Flüchtlingen, die sich integrieren wollen. Zwei Tage nach Festnahme der drei Terrorverdächtigen wird deutlich, wie planmäßig sie ihr Umfeld getäuscht haben. „Es war eine perfide Art der Tarnung, alle Möglichkeiten unserer Hilfe auszunutzen“, sagte Innenminister Stefan Studt (SPD) am Mittwoch im Innen- und Rechtsausschuss. (Wie es mit den Verdächtigen weitergeht, können Sie hier nachlesen).

Am 7. Dezember betrat Mahir Al-H. (17) deutschen Boden und kam in den Kreis Stormarn – ebenso wie seine Komplizen wohl eher zufällig, wie der Innenminister vermutet. Der junge Mann hatte laut Generalbundesanwalt eine Einweisung in den Umgang mit Waffen und Sprengstoff erhalten und sich gegenüber einem Funktionär des „Islamischen Staats“ (IS) verpflichtet, mit seinen Komplizen für einen Anschlag nach Europa zu reisen.

Nun saß er auf dem Sofa einer Patenfamilie in Großhansdorf. „Ein ganz zurückhaltender, freundlicher junger Mann, den ich auf Anfang 20 geschätzt habe“, sagt Angelika Woge, die Paten für den „Freundeskreis Flüchtlinge“ vermittelt und Mahir Al-H. zu dem Kennenlerntermin begleitete. Mit einem Dolmetscher seien ihm die wichtigsten Dinge des Alltags erklärt worden: Wo ist die Kleiderkammer, wo die Tafel? Mahir Al-H. integrierte sich scheinbar problemlos. „Er sprach schnell sehr gut deutsch, ging zur Schule und machte den Eindruck, als wenn er hier neu anfangen will – mit Ausbildung und allem.“ Die Festnahme hat Angelika Woge deshalb schockiert. „Ich bin traurig und wütend.“

Der Terrorverdächtige Ibrahim M. (18) zog in das Reinfelder Flüchtlingsheim. Mitbewohnern erzählte er, dass er aus Aleppo käme, Kellner sei und nicht verheiratet. „Wir haben einige Male mit ihm über Politik und die Lage in Syrien diskutiert“, sagt Albrecht Werner von der Initiative „Asyl in Reinfeld“. „Er hat sich dabei klar gegen den IS und seinen Terror ausgesprochen. Ausgerechnet bei ihm hätte ich es am wenigsten erwartet.“ Ibrahim M. besuchte einen Deutschkursus, half beim Reinfelder Karpfenfest und trainierte mit anderen Flüchtlingen sogar in einer Rudermannschaft. Verschlossen war er allerdings seinen Mitbewohnern gegenüber. „Er hat die Mahlzeiten meist in seinem Zimmer eingenommen und sich kaum unterhalten“, berichtet einer. „Natürlich fragt man sich jetzt, ob man es hätte bemerken können“, sagt Werner und fügt hinzu: „Ich persönlich bin vor allem menschlich total enttäuscht.“

Trotzdem mache die Initiative mit ihrer Flüchtlingshilfe weiter. „Wenn wir an den Punkt kommen, wo wir allen misstrauen, dann haben die Terroristen erreicht, was sie wollten.“ Auch Mohamed A. (26), der in Ahrensburg lebte, war laut Bürgermeister Michael Sarach (SPD) ein Vorzeigeflüchtling. Über die Integrationsbemühungen sagt Sarach: „Man muss vermuten, dass es zu ihrer Strategie gehörte.“

Der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs hat gestern für alle drei Terrorverdächtigen Untersuchungshaft angeordnet. Sie schweigen zu den Vorwürfen. Ins Visier der Behörden geraten waren Mohamed A., Ibrahim M. und Mahir Al-H. knapp drei Wochen nach der Registrierung in Deutschland. Der US-Geheimdienst soll Fotos der Männer an die deutschen Behörden übermittelt haben. Hinzu kamen Hinweise aus Frankreich und Belgien, dass die Verdächtigen ähnliche Pässe hatten, wie die beiden Attentäter, die sich vor dem Stade de France in die Luft sprengten.

IS-Kämpfern sei es gelungen, mehr als 30.000 Blanko-Ausweispapiere zu erbeuten, erklärt Thorsten Kramer, Direktor des Kieler Landeskriminalamts. Die Verdächtigen aus Schleswig-Holstein waren zudem vom gleichen, mit dem IS liierten Schlepperunternehmen über die Balkanroute nach Europa gebracht worden wie die Attentäter von Paris. Am Tag der Anschläge dort wurden sie auf der griechischen Insel Lesbos registriert.

Wer sind die Hintermänner? IS-Funktionär Abu Musab al Suri schickte die Paris-Attentäter auf die Reise – und wohl auch die drei Syrer, die in Schleswig-Holstein landeten. Außerdem soll er auch das algerische Ehepaar instruiert haben, das mit Komplizen einen Anschlag auf den ehemaligen Checkpoint Charlie in Berlin geplant haben soll, der durch ihre Festnahme im Februar verhindert wurde. Auch dieses Paar war Ende 2015 mit falschen Pässen als Flüchtlinge getarnt nach Deutschland gekommen. Schleswig-Holsteins Verfassungsschutzchef Dieter Büddelfeld: „Der IS hat kein Interesse an dem Exodus, versucht so, die Flüchtlingsbewegung zu diskreditieren.“

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erstellt am 14.Sep.2016 | 21:25 Uhr

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