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Schleswig-Holstein

03. Dezember 2016 | 12:40 Uhr

Marineschule Mürwik in Flensburg : Wie die Bundeswehr attraktiv für junge Menschen werden will

vom
Aus der Onlineredaktion

Karriere bei der Bundeswehr? Ja, sagen immer mehr Menschen. Was das bedeutet, zeigt ein Besuch in der Marineschule.

Flensburg | Pittoreske Türme aus Backstein, Frühstück im historischen Remter: Hogwarts nennen die jungen Soldaten ihr neues Zuhause. Und in dem mehr als 100 Jahre alten Schloss hoch über der Flensburger Förde geht es tatsächlich mitunter zu wie bei Harry Potter. Hexerei gibt es an der Offiziersschule der Deutschen Marine zwar nicht, doch Fregattenkapitän Jens Pientka kümmert sich seit Sommer wieder um mehr als 240 neue Offiziersanwärter, die von Militär und Führung oft erst ähnlich wenig verstehen wie junge Zauberschüler von Magie.

Die Bundeswehr hatte zum Ende des ersten Halbjahres 2016 insgesamt 176.015 aktive Soldaten in ihren Reihen und damit die bislang kleinste Truppe. Dabei wollen immer mehr Männer und Frauen gern Offizier bei der Bundeswehr werden. Die von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen angekündigte „Trendwende Personal“ forciert eine Aufstockung der Truppe bis 2023.

„Aus Zivilisten machen wir Rekruten, aus Rekruten Seemänner und anschließend Offiziersanwärter“, sagt Pientka als Chef der Ausbildung der Marineschule. Im 15-monatigen Lehrgang stehen neben Nautik, Sport oder Gesetzeskunde auch Menschenführung auf dem Stundenplan. Der Lehrgang schließt mit der Offiziersprüfung ab, anschließend studieren die Absolventen meist an den Universitäten der Bundeswehr. Waren es bezogen auf die gesamte Bundeswehr 2013 rund 10.800 Bewerber, die sich für solch eine Laufbahn interessierten, stieg ihre Zahl laut Verteidigungsministerium 2014 auf 11.200 und auf 11.400 im Jahr 2015. Genommen wird demnach nur etwas mehr als jeder zehnte.

Die „Gorch Fock“ hat vor der historischen Kulisse der Marineschule Mürwik.
Die „Gorch Fock“ hat vor der historischen Kulisse der Marineschule Mürwik.
 

Die See kannten sie vorher nur aus dem Urlaub

Max Petersen, Jan Moser und Sebastian Eberlein haben das dreitägige Assessment-Center für Führungskräfte der Bundeswehr in Köln bestanden. Die See kannten die 20 und 19 Jahre jungen Männer, bis sie zur Bundeswehr kamen, vor allem aus dem Urlaub. Jetzt sitzen die drei Baden-Württemberger im engen Salon einer acht Meter kurzen Segeljacht auf der Förde. Die Wellen lassen den Kompass am Steuerstand bereits tanzen, dabei liegt das Boot noch im Hafen.

Mehr als eine Woche waren sie zuvor mit diesem und weiteren Booten vom Typ „Nadine“ durch die Ostsee gekreuzt. „Das enge Zusammenleben in Gemeinschaftsunterkünften kennt man, hier auf'm Segelboot ist es aber noch ein Stückchen enger“, berichtet Petersen, der wie seine beiden Kameraden erst vor Kurzem das erste Mal mit einem Segelboot unterwegs war. Nach Hogwarts kamen er und Jan Moser nach einem freiwilligem Wehrdienst, Matrose Eberlein direkt nach dem Abi. Sie alle haben sich für 13 Jahre bei der Marine verpflichtet. Nur manchmal sehnen sie sich noch nach den Bergen und zu Hause.

<p>Fregattenkapitän Jens Pientka, Kommandeur der Lehrgruppe, im Gespräch mit Offiziersanwärtern.</p>

Fregattenkapitän Jens Pientka, Kommandeur der Lehrgruppe, im Gespräch mit Offiziersanwärtern.

Foto: dpa

„Marine klang interessant, weil man viel rum kommt“, erzählt Jan Moser. Irgendwann würde der junge Heilbronner gern mal eine Fregatte steuern. Auch Seebataillone, die Piraten jagen, interessieren ihn. Die Rekruten wissen, dass sie als Offiziere außer in der dänischen Südsee später auch vor Somalia in Kojen schlafen werden. „Das gehört dazu und da bin ich bereit, meinen Dienst zu tun“, sagt Moser trotz aller Gefahren. Bereits angelaufene Häfen hält er in einer kleinen Kladde fest, die er aus der Uniformhose zieht. Dazu trägt er Turnschuhe, Kampfstiefel sind an Deck tabu.

Im Wettbewerb um die klügsten Köpfe und geschicktesten Hände

Geht es nach Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), sollen künftig wieder mehr Männer und Frauen eine militärische Ausbildung bei der Bundeswehr absolvieren wie Moser und seine Kameraden. Die 177.000 Soldaten starke Truppe soll bis 2023 um 7000 Soldaten wachsen, unter anderem für eine eigene Cyber-Truppe. Bei dieser „Trendwende Personal“ befindet sich die Armee einer Sprecherin des Verteidigungsministeriums zufolge „im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern, die klügsten Köpfe und geschicktesten Hände zu gewinnen“. Das gelte besonders seit dem Aussetzen der Wehrpflicht.

Auf den „Nadines“ schrubben derweil einige Offiziersanwärter die Decks, sammeln Müll ein und arbeiten Checklisten ab. Die Ausrüstung muss vollständig sein. Bereits vor sechs Uhr waren sie am Morgen geweckt worden, täglich müssen sie ihre Stuben aufräumen. Anders als bei einem Bürojob gehört all das zum Beruf. Dennoch: „Die Bundeswehr ist nach wie vor in der Lage, sich ihre Bewerber aussuchen zu können“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete und Verteidigungsexperte Rainer Arnold.

<p>Nur manchmal vermissen sie die Bergen in der Heimat: die Offiziersanwärter Sebastian Eberlein, Max Petersen und Jan Moser(v.l.n.r.).</p>

Nur manchmal vermissen sie die Bergen in der Heimat: die Offiziersanwärter Sebastian Eberlein, Max Petersen und Jan Moser(v.l.n.r.).

Foto: dpa

Lediglich in von der Industrie stark nachgefragten Fachrichtungen wie Informatik oder Medizin habe die Armee Nachwuchssorgen. „Der öffentliche Dienst hat wegen seiner Gehaltsstruktur dabei einen erheblichen Nachteil“, sagte er. Außerdem schlage der demografische Wandel zu. Angesichts dessen kämpft die Bundeswehr eifrig mit Plakaten, YouTube-Videos und Schulbesuchen um künftige Fachkräfte.

Menschführung wird an der Pinne trainiert

Petersen, Eberlein und Moser haben sich für die Armee entschieden. Moser will nach der Offiziersprüfung das nachgefragte Fach Luft- und Raumfahrttechnik studieren, die anderen Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften. Selbst der Marine, die wegen der langen Abwesenheitszeiten von zu Hause bei vielen eher unbeliebt ist, gewinnen sie Vorteile ab. Das Segeln schweiße zusammen, an der Pinne werde Menschenführung trainiert, sagt Petersen. Außerdem könne man sich den Segelschein später in einen zivilen umschreiben lassen.

<p>Segeln schweißt zusammen: Die Offiziersanwärter Jan Moser, Max Petersen und Sebastian Eberlein (v.l.n.r.).</p>

Segeln schweißt zusammen: Die Offiziersanwärter Jan Moser, Max Petersen und Sebastian Eberlein (v.l.n.r.).

Foto: dpa

Auf eines müssen die drei Offiziersanwärter jedoch verzichten. Das Segelschulschiff „Gorch Fock“ liegt auch 2017 noch in der Werft, die Ausbildungstörns fallen aus. Sie alle wären gerne mitgefahren. „Das ist bestimmt eine seemännische Erfahrung“, sagt Petersen. Anlässlich der Umgestaltung der historischen Aula der 1910 eröffneten Marineschule wird nun überlegt, ein Gemälde des Dreimasters zu integrieren - arbeitende Offiziersanwärter inklusive. So bekommen die drei Offiziersanwärter die „Gorch Fock“ zumindest hin und wieder zu Gesicht. 

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erstellt am 17.Okt.2016 | 15:32 Uhr

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