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Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 20:25 Uhr

Bundestagswahl 2017 : Warum Robert Habeck Spitzenkandidat der Grünen werden will

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Robert Habeck ist im Wahlkampf für sich selbst: Er will Spitzenkandidat der Grünen im Bund werden – in seinem neuen Buch erklärt er die Gründe.

Kiel/Hamburg/Berlin | Die ältere Dame aus der zweiten Reihe ist besorgt. „Was passiert, wenn Sie nicht gewählt werden? Sie sind doch noch so jung.“ Robert Habeck, 47, lässt den Oberkörper nach vorne fallen, ein verkniffenes Lächeln auf dem Gesicht. Er kennt diese Fragen, er hat sie in den vergangenen Monaten unzählige Male gehört. Sie kreisen um das immer gleiche Thema: Was wird aus Habeck, der eine weitere Landtagskandidatur ausschließt, wenn die Grünen ihn nicht zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl machen?

Es ist die Frage, die die Öffentlichkeit mehr zu interessieren scheint als die Gründe für seinen geplanten Wechsel nach Berlin. Und es ist die Frage, die Habeck gar nicht interessiert, weil er es nicht weiß. Zumindest sagt er das. Auch an diesem Abend im Club „Haus 73“ im Hamburger Schanzenviertel.

Habeck spricht beim politischen Salon der „taz“ mit Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz über Politik. Die Luft ist stickig, die blaue Farbe blättert von den Wänden. Linkes Milieu, grünes Milieu. Natürlich ist die Bundestagswahl ein großes Thema, der Moderator witzelt, dass man möglicherweise die führenden Köpfe der nächsten Bundesregierung zu Gast habe: Scholz und Habeck, Kanzler und Vizekanzler.

Ein Politiker, zwei Jobs

Da lächelt auch Scholz verkniffen und antwortet reichlich umständlich: Der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel werde einen Kanzlerkandidaten für die SPD vorschlagen, das sei ein kluges Verfahren. Er sagt nicht: Ich stehe nicht zur Verfügung. Scholz und Habeck reden mehr als zwei Stunden über Politik, über Flüchtlinge, über die AfD, über CETA und TTIP, über Europa. Sie klingen wie Bundespolitiker. Habeck sagt hinterher, der Abend habe Spaß gemacht.

Wenige Stunden zuvor, während der Fahrt nach Hamburg, hat er über seine Ambitionen gesprochen – und darüber, warum er nach Berlin will. „Natürlich ist die Regierungsverantwortung das Ziel.“ Die Grünen sollen im Bund ans Ruder und den Kurs für Deutschland mitbestimmen. Habeck spricht gern in maritimen Metaphern.

Aber zwischen ihm und der Umsetzung seiner Ideen stehen zwei Wahlen – die Bundestagswahl natürlich, im Herbst 2017, und davor eine parteiinterne, bei der er Spitzenkandidat seiner Partei werden will. Werden muss. Deshalb hat Habeck derzeit zwei Jobs, den des schleswig-holsteinischen Umweltministers und – am Abend, am Wochenende, im Urlaub – den des Wahlkämpfers in eigener Sache.

Er tourt durchs Land, um die grünen Parteifreunde außerhalb Schleswig-Holsteins von sich zu überzeugen. Er gibt Interviews, er sitzt in Diskussionsrunden, und er hat ein Buch geschrieben. „Wer wagt, beginnt“ erscheint am Donnerstag, und darin hat Habeck die Leitlinien seiner Politik notiert, aber auch die Erfahrungen der vergangenen Jahre zusammengefasst.

Eine vorausschauende politische Biografie, wenn man so will, und ein ausführliches Bewerbungsschreiben an die 60.000 Grünen, die Ende des Jahres darüber abstimmen müssen, wer 2017 ihre Partei als Spitzenkandidat in die Bundestagswahl führt: Habeck, der Parteivorsitzende Cem Özdemir oder der Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter.

Ein Wettbewerb, den viele in der Partei nicht richtig finden, weil er unnötig viele Verlierer produzieren könnte. Und nur einen Gewinner. Es gibt Grüne, die sagen, es gehe Robert Habeck vor allem um sich selbst und weniger um die Partei.

„Dort materialisiert sich Politik“

Habeck aber sagt, er möchte die Grünen in ein neues Zeitalter führen – vom Spielfeldrand ins Mittelfeld. So heißt auch ein Kapitel in seinem Buch. Das Mittelfeld liegt in Berlin, dort will er mitspielen. Und seiner Partei will er ein neues Selbstverständnis verschreiben: „Grüne Themen sind keine Zusatz-Themen mehr. Wir müssen uns als politische Kraft verstehen, die Bindekräfte über das eigene politische Milieu hinaus entwickelt. Wir müssen Verantwortung übernehmen.“

Seine Partei soll die Lücken füllen, die durch die Schwäche der großen Volksparteien entstehen. Oder, weil er es gern maritim sagt: „Dynamisch bleiben, weiterfahren und nicht warten, bis das Boot absäuft“. Das Boot hat schon ein bisschen Schlagseite bekommen seit der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern. Dort sind die Grünen aus dem Landtag geflogen, sie haben ihr Ergebnis fast halbiert. Sie sind, man muss es wohl so sagen, abgesoffen.

Auf der Fahrt nach Hamburg, kurz vor der Autobahnausfahrt Henstedt-Ulzburg: Habeck zeigt auf Strommasten, die entlang der A7 liegen. Sie sollen demnächst aufgebaut werden. „Dort materialisiert sich Politik“, sagt Habeck. Die Strommasten sind für ihn Beleg dafür, wie politisches Handeln Wirkung entfaltet und gleichzeitig Grenzen erfährt. Sein Einfluss in den großen Politikfeldern endet meist an der Landesgrenze. Und die großen Politikfelder, das sind für ihn auch die Themen seines derzeitigen Ressorts: „Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Umwelt-, Agrar- und Energiethemen in jede sicherheits- und außenpolitische Diskussion gehören.“ Ökologische Veränderungen als Lösung für globale Probleme – in diesen Momenten klingt es, als sei Habeck seinem Amt als Landesminister schon entwachsen.

Habeck hat eine ungewöhnliche – und ungewöhnlich schnelle – Politikkarriere hinter sich, und er gilt auch heute noch, nach vier Jahren als Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident, als unkonventionell: Weniger wegen der fehlenden Krawatte, als vielmehr wegen seiner Konfliktfreudigkeit und seiner persönlichen Präsenz auch bei den Menschen, die ihm und seinen politischen Ideen – freundlich gesagt – skeptisch gegenüberstehen. Manchmal wird diese Konfliktfreudigkeit zur Schwäche, wenn er zu emotional wird, etwa dann, wenn er sich oder seine Kabinettskollegen ungerecht behandelt glaubt. Und womöglich erklärt diese Emotionalität auch seinen Kurzzeit-Rücktritt aus dem Jahr 2012, den er im Buch erstmals öffentlich macht.

Es ist der Tag der Landtagswahl, die Grünen werden im zweistelligen Prozentbereich erwartet, als am Nachmittag bereits eine erste Prognose hereinweht: sieben Prozent. Habeck holt seine engsten Vertrauten zusammen und verkündet um 16 Uhr, zwei Stunden vor den ersten offiziellen Hochrechnungen, seinen Verzicht auf das Landtagsmandat und das Ende seiner politischen Karriere. Es werden dann doch 14 Prozent und Habeck tritt vom Rücktritt zurück. „Ich glaube, die emotionalen Extreme zwischen Erschöpfung und Kampfeslust sind mit dem Amt sogar noch größer geworden“, sagt er.

Ein politischer Freund könnte zum Verlierer werden

In seinem Buch beschreibt Habeck auch, wie die Politik den Menschen verändert: „Sie zerrt an einem, versucht, einen ins System zu trimmen. Wie in jedem System erkennt man die Regeln, nach denen man agiert, oft selbst nicht. Es gibt keine Null-Linie der Moral, die man irgendwann überschritten hätte.“

An diesem Punkt könnte man doch mal nach Konstantin von Notz fragen. Denn Habecks Entscheidung kann seinen alten Freund „Konsti“ den Posten im Bundestag kosten.

Der gebürtige Möllner Notz ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag, ein profiliertes Berliner Grünen-Gesicht, von denen es nicht so viele gibt. Er könnte der große Verlierer sein, wenn sein Freund Robert die Urwahl der Grünen gewinnt. Denn wenn Habeck Spitzenkandidat wird, rückt er gleichzeitig auf den Listenplatz zwei im Land – der war bislang Notz vorbehalten und für diesen ein sicheres Ticket in den Bundestag. Die Grünen und das Land Schleswig-Holstein könnten also einen profilierten Politiker in Berlin verlieren.

Ist es das wert, Herr Habeck? „Er hat mir gute Gründe genannt, warum er meine Entscheidung für die Spitzenkandidatur für einen Fehler hält. Aber ich habe die nicht geteilt.“ Das klingt hart, wahrscheinlich härter, als er es meint. Vielleicht merkt Habeck das selbst auch, denn er schiebt hinterher: „Ich weiß, dass ich sein Leben damit nicht leichter gemacht habe.“ Ein Satz, der auch für seine Parteifreunde im Bund und in Schleswig-Holstein gelten könnte.

Spät am Abend, während der Rückfahrt von Hamburg, die Uhr zeigt Mitternacht. Habeck hat Geburtstag, er ist jetzt 47 Jahre alt. Das ist sehr jung für jemanden, der vielleicht bald Vize-Kanzler sein könnte. Aber noch lange nicht zu alt für einen Neuanfang – sogar in der Politik. Dann, wenn Robert Habeck bei der Urwahl verliert, oder, wie er selbst es wohl ausdrücken würde: Wenn er während der Überfahrt nach Berlin auf Grund läuft.

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erstellt am 08.Sep.2016 | 18:20 Uhr

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