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Schleswig-Holstein

04. Dezember 2016 | 11:16 Uhr

H5N8 in Schleswig-Holstein : Verunsicherung bei den Händlern: Essen die Menschen in SH noch Geflügel?

vom

Kantinen streichen Geflügel vom Speiseplan. Fleischer und Supermärkte klagen über verminderte Nachfrage.

Kiel | Während die einen sich eine heiße Hühnersuppe kochen, um ihren Körper für den Winter zu stärken, verspeisen andere Cordon Bleu &Co nur noch, wenn es aus Soja besteht. Seit vor rund drei Wochen die Geflügelpest in Schleswig-Holstein ausbrach, ist die Verunsicherung bei einigen Menschen in Deutschland scheinbar groß. Offizielle und verlässliche Quellen, unter anderen das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), das nationale Referenzlabor, stufen den Verzehr von Geflügel als unbedenklich ein. Trotzdem verschmähen manche Verbraucher im Norden Geflügelprodukte. Offenbar aus Angst vor der hochansteckende H5N8-Variante.

Seit November wurde in Geflügelbetrieben in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Italien das von Vögeln stammende Influenzavirus vom Subtyp H5N8 und damit die Geflügelpest festgestellt. Das Umweltministerium Schleswig-Holstein hat per Erlass an die Kreise die Aufstallung aller Geflügelbestände im Land veranlasst.  Landesweit wurden Sperrbezirke und Beobachtungsgebiete rund um die Fundorte von an Geflügelpest erkrankten Wildvögeln beziehungsweise betroffenen Tierhaltungen eingerichtet.

Dass eine Virusübertragung durch den Verzehr von Geflügelfleisch und Geflügelfleischprodukten unwahrscheinlich ist, bestätigt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): „Infektionen des Menschen mit H5N8 Viren sind bislang nicht bekannt. Eine Übertragung des Erregers über infizierte Lebensmittel ist theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich“, schreibt die wissenschaftlich unabhängige Einrichtung auf ihrer Homepage. Wer Federvieh essen möchte, sollte allerdings einige Hygieneregeln beachten.

„Was tun mit dem Huhn?“ lautet der Titel eines BfR-Videos das zum Umgang mit Geflügelfleisch in der Küche aufklärt.

Auf ihre tägliche Portion Geflügelproteine müssen die Werftarbeiter bei ThyssenKrupp in Kiel, zumindest Montag-bis Freitagmittag, zunächst verzichten. In der Kantine des Unternehmens für U-Boote und Marineschiffe - das laut eigenen Angaben 3700 Mitarbeiter beschäftigt - wird seit einigen Wochen kein Geflügel mehr angeboten. „Bis sich das alles beruhigt hat, gibt es bei uns kein Geflügel“, sagt der Leiter der Einrichtung, Frank Heilck. Er wolle „nicht in Konflikt kommen“. Auch das Martinsgans-Essen sei in diesem Jahr ausgefallen.

Gerichte mit Geflügel stehen in der KBA-Kantine nur noch einmal pro Woche auf dem Speiseplan.

Gerichte mit Geflügel stehen in der KBA-Kantine nur noch einmal pro Woche auf dem Speiseplan.

Foto: Albert
 

In der Kantine des Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg wird zwar noch Geflügel serviert, allerdings nur noch einmal pro Woche. „Die Leute sind vorsichtiger geworden, wir wollen sie nicht mit Geflügelgerichten überschwemmen“, sagt Michael Pohle, Vorstandsmitglied der Kantinengemeinschaft des KBA. Vorher sei bis zu dreimal pro Woche Hühnchen oder Pute serviert worden. Gegrillte Hähnchenbrust „Hawaii“ mit Kartoffelrösti und Salat steht hier demnächst auf dem Speiseplan. Der Küchenchef sei bei dem Thema „sehr sensibel“. Die angebotenen Geflügelgerichte würden allerdings trotz des seit drei Wochen in Deutschland grassierenden Virus weiterhin gern gegessen. Zum Weihnachtsessen am 16.Dezember soll eine Ente aufgetischt werden.

Radikaler bekommt Fleischer Jacob Clausen die Auswirkungen der Geflügelpest zu spüren: „Frisches Geflügel geht fast gar nicht mehr bei uns“, sagt der Leiter des Betriebes, der bereits 1941 in Flensburg gegründet wurde. Seit Ausbruch der Vogelgrippe bestelle er viel weniger Huhn, Ente und Gans. Hühnersuppe oder Putenschnitzel, die er mittags fertig zubereitet verkauft, liefen allerdings weiter ganz normal. „Da ist es den Leuten ganz egal - ich hab noch keine Portion weniger verkauft als sonst“, sagt der Fleischer. Wie das mit dem Weihnachtsgeschäft werden soll, wisse er „überhaupt nicht“, sagt er und seufzt. Bis dahin ginge halt mehr Rind und Schwein über die Ladentheke.

Frisches Geflügel wird in einigen Fleischereien nicht mehr so gut verkauft.

Frisches Geflügel wird in einigen Fleischereien nicht mehr so gut verkauft.

Foto: imago/CHROMORANGE

Mehr Säugetier, weniger Geflügel, so lautet auch bei Edeka in Flensburg die Devise an der Fleischtheke. Seit der Geflügelpest-Epidemie sind die Kunden ebenfalls zurückhaltend beim Konsum von Federvieh. „Wir verkaufen auf jeden Fall weniger Geflügel als sonst“, sagt eine Verkäuferin. So zu bestellen und die Mengen zu kalkulieren, dass es der Nachfrage entspricht, sei nicht immer leicht. „Vieles bleibt im Moment liegen, besonders in den Selbstbedienungs-Theken“, sagt die Fachfrau. Zum nahen Weihnachtsfest und dem damit zusammenhängenden Geflügelfleisch-Vorbestellungen der Kunden, wollte sich die Angestellte zunächst nicht äußern.

Während die einen über einen starken Verkaufs-Rückgang klagen, vertreibt Schröder's Bio Fleisch-und Wurtswaren genauso viel wie sonst. „Wir merken überhaupt gar keinen Unterschied - nicht mal eine Hähnchenkeule weniger haben wir verkauft“, sagt Thilo Weiß, der als Disponent für den Betrieb in Schwarzenbek (Kreis Herzogtum Lauenburg) arbeitet. Die schleswig-holsteinische Firma vertreibt ausschließlich Fleisch aus ökologischer Haltung - unter anderem an Restaurants und Bio-Einzelhändler in Schleswig-Holstein, Hamburg, Berlin und Hannover.

Auch Weiß habe von Fleischereien gehört, die jetzt weniger Geflügel verkaufen. Ihm sei es wichtig, die Kunden über die Hygiene-Bestimmungen aufzuklären, während der Virus H5N8 umgeht. „Wenn das Fleisch auf über 80 Grad erhitzt wird, werden ohnehin alle Keime getötet“, sagt Weiß. Zudem würden die Betriebe, von denen das Bio-Unternehmen sein Fleisch bezieht, laufend kontrolliert. Sowohl vor als auch nach der Schlachtung. „Die Ware ist tadellos“,sagt der Fleischexperte. Auch die Weihnachtsbestellungen liefen super und bisher so, wie in den Vorjahren.

In der Uni Hamburg kommt ebenso viel Geflügel auf den Mensatisch, wie vor dem Ausbruch der Epidemie.

In der Uni Hamburg kommt ebenso viel Geflügel auf den Mensatisch, wie vor dem Ausbruch der Epidemie.

Foto: imago/CHROMORANGE

Die Studenten in Hamburg und Flensburg scheint die Panik vor der Geflügelpest zunächst nicht ergriffen zu haben. „Da wir bisher keine Verunsicherung bei den Mensabesuchern feststellen konnten, bieten wir Geflügelgerichte weiterhin in der üblichen Vielfalt an“, sagt Kerstin Klostermann, Sprecherin des Studentenwerks Schleswig-Holstein. Die Nachfrage nach Geflügel habe sich nicht erkennbar verändert.

Das bestätigt auch Martina Nag vom Studierendenwerk Hamburg: Der Speiseplan sei nicht verändert worden und werde mit dem „sehr breiten Angebot“ weitergeführt, sagt sie. In den Mensen gäbe es eine große Vielfalt an Gerichten: In der Mensa im Philosophenturm würde zum Beispiel neben Fleisch auch Vegetarisches, Veganes und Fisch gekocht.

Auch wenn die Reaktionen auf die Geflügelpest sowie die Erfahrungen mit den Folgeerscheinungen des Virus eher unterschiedlich ausfallen - in einem Punkt sind sich die Geflügel verkaufenden Betriebe einig: Die Preise sind sowohl im Einkauf als auch Verkauf gleich geblieben, so der Tenor im Norden.

Geflügelfleisch, Eier und sonstige Geflügelprodukte aus betroffenen Beständen werden nach den Vorgaben der Geflügelpest-Verordnung vernichtet und gelangen nicht auf den Markt.

Erstmals war das hochansteckende Virus H5N8 der aktuellen Epidemie in Deutschland am 8. November bei verendeten Wasservögeln an Seen im Kreis Plön (Schleswig-Holstein) nachgewiesen worden.

Am Freitag (11.11.) waren bei zwei kleineren Höfen in der Nähe von Lübeck sowie in Vorpommern die ersten H5N8-Ausbrüche bei Hausgeflügel gemeldet worden. Auch der Verdacht auf Geflügelpest auf einem Hof in Lübeck (Ivendorf) hatte sich damals bestätigt. Dort waren 18 Puten verendet. Um den Hof war ein Sperrbezirk von drei Kilometern angeordnet worden. Die etwa 100 Tiere des Halters wurden getötet.

Einen Tag später, am 12. November, war in einem Zuchtbetrieb für Bruteier im kleinen Ort Grumby bundesweit die erste Massentierhaltung, der Welle 2016 betroffen. Der Erreger war auf der Hühnerfarm im Kreis Schleswig-Flensburg festgestellt worden. Alle 30.000 Hühner des Zuchtbetriebs für Bruteier mussten getötet werden.

Zuletzt war der hochansteckende Erreger H5N8 in Schleswig-Holstein am Freitag bei einer toten Möwe in Kollmar (Kreis Steinburg) nachgewiesen worden.

Geflügelpest und Vogelgrippe

Auch Vögel können an Grippeviren erkranken. Verläuft die Vogelgrippe besonders schwer, sprechen Experten auch von Geflügelpest. Bei der Vogelgrippe (Aviäre Influenza) unterscheiden die Fachleute schwach-, mittel- und hochpathogene (krank machende) Erreger. Die Viren enthalten auf ihrer Oberfläche Eiweiße, die mit der Abkürzung H (Hämagglutinin) und N (Neuraminidase) bezeichnet werden. Je nach der Kombination dieser Stoffe in der Hülle des Virus entstehen Namen wie H5N8.

Quelle: Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit

 

Wo genau im Norden die Geflügelpest schon aufgetreten ist, zeigt unsere Karte (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

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von
erstellt am 28.Nov.2016 | 17:36 Uhr

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