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Verkehr

04. Dezember 2016 | 17:24 Uhr

Viel Verkehr in SH : Was hilft bei Stau? „Luft anhalten und bis acht zählen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am Wochenende droht der Mega-Stau. ADAC-Verkehrspsychologin Nina Wahn gibt den Schleswig-Holsteinern Tipps vor Reisebeginn.

Kiel | Sie beginnen spät in diesem Jahr – von Montag an haben die Schüler in Schleswig-Holstein Sommerferien. Bereits an diesem Wochenende wird die Reisewelle rollen und für Staus sorgen. Mit Vorfreude im Gepäck, aber auch mit dem besorgten Blick auf verstopfte Straßen. Wie können und sollen Urlauber damit umgehen? Wir fragten Nina Wahn (26), Verkehrspsychologin des ADAC in München.

Aktuelle Verkehrshinweise gibt es auf www.shz.de/verkehr.

Nina Wahn vom ADAC.
Nina Wahn vom ADAC.

 

Frau Wahn, die Schleswig-Holsteiner brechen auf in die Sommerferien – doch eine Autofahrt ohne Stress auf den Straßen ist für viele nur noch die Ausnahme. Ist ein Autourlaub ohne Stauangst überhaupt noch möglich?
Nina Wahn: Die Wahrscheinlichkeit, in den ersten Ferientagen auf dem Weg in den wohlverdienten Urlaub in einen Stau zu geraten, ist leider wirklich hoch. Das ist jedoch kein neues Phänomen: Generationen erzählen sich von ihren Stauerlebnissen zu Ferienbeginn – ein Austausch darüber kann die ersten Minuten eines Staus vielleicht schon verfliegen lassen.

Wir im Norden haben schnell das Gefühl, besonders benachteiligt zu sein. Die halbe A7 ist eine Baustelle und führt ins Nadelöhr Hamburg. Egal ob Niedersachsen, Rheinland oder Bayern – alles Lichtjahre entfernt, oder doch nur eine Frage der Einstellung?
Baustellen gibt es natürlich überall in Deutschland. Auch der Norden ist derzeit stark von Baumaßnahmen betroffen, die aber notwendig sind. Blickt man auf die Stauschwerpunkte der letzten Jahre, kommt Schleswig-Holstein jedoch eher gut weg. Tatsächlich kommt es uns aber gefühlt immer dann länger und wie eine Ewigkeit vor, wenn wir nicht wissen, wie lange ein Stau dauert. Umso besser, wenn als Belohnung für eine Lichtjahres-Reise ein schöner Urlaub wartet.

Dennoch – die Fahrten sind nicht schneller geworden. Im Gegenteil: Noch vor 20 Jahren sind wir Schleswig-Holsteiner schneller in München angekommen als heute.
Das liegt sicherlich auch daran, dass das Verkehrsaufkommen deutlich gestiegen ist, der Ausbau der Straßen diesem Anstieg aber nicht nachkam. Das erklärt dann wiederum die vielen Baustellen. Und die führen oftmals zu Staus, in denen dann auch die vielleicht schnelleren Autos nicht viel nützen.

Vielleicht einmal in umgekehrter Richtung geblickt: Hält ein zu erwartendes Stau-Erlebnis wie etwa über Jahre auf den Großbaustellen A7 und A1 in Schleswig-Holstein Menschen davon ab, sich für einen Urlaub im Norden zu entscheiden?
Sicher ist: Dieses Jahr werden mehr Menschen als in den letzten Jahren ihren Urlaub im eigenen oder nah benachbarten Land verbringen. Der Autourlaub erfreut sich wieder großer Beliebtheit. Das spricht erstmal für den Urlaub in unserem schönen Norden. Aber auch für erhöhte Staugefahr. Die trifft aber viele beliebte Reiseziele und sollte nicht zu einer Entscheidung gegen einen bestimmten Ort führen. Wichtig sind ausreichende Reisevorbereitungen und das Ziel fest im Blick zu haben.

Wie kann man den sich aufstauenden Aggressionen bei Unbeweglichkeit im Auto begegnen?

Es hilft, sich bewusst zu machen, dass der Ärger die Situation nicht verändert. Wir können die selten gewordenen Stillstand-Momente nutzen und uns umschauen, unsere Gedanken schweifen lassen. Auch eine bekannte Atemübung hilft, sich etwas zu beruhigen: die 4-6-8-Methode. Atmen Sie ein und zählen Sie dabei bis vier, Luft anhalten und dabei bis sechs zählen, anschließend ausatmen und währenddessen bis acht zählen. Wird der Ärger zu groß, sollte eine kleine Pause eingelegt werden. Bewegung und frische Luft senken den Stresspegel und wirken sich positiv auf die Konzentrationsfähigkeit aus.

Was spielt sich im Kopf spontan ab, wenn das Gehirn registriert: Stau, Stopp, Ende, ich bin nicht mehr Herr meiner selbst?
Die Macht- und Hilflosigkeit, der wir in der Stausituation ausgesetzt sind, lässt uns manchmal verzweifeln. Haben wir es eilig oder kommt der Stau sehr unerwartet und ohne erkennbare Ursache, schlägt sich das schnell in Frustration nieder. Dann wird der logisch denkende Teil in unserem Gehirn gehemmt, die Bereitschaft zu impulsiven Handlungen wächst. Jetzt ist es ganz besonders wichtig, die Kontrolle über die aufkommenden negativen Gefühle wiederzuerlangen.

Mit welchen sonstigen Lebens- oder Stresssituationen ist das vergleichbar – oder ist der Stau-Stress eine Variante für sich?

Wir treffen im Alltag ja ziemlich oft auf Situationen, die uns zum Warten zwingen. Das kann beim Amt, im Supermarkt, in der Büro-Kantine, aber auch am Telefon in der gefühlt tagelangen Warteschleife vorkommen. Was diese Situationen von den meisten Staus unterscheidet: Wir könnten ihnen entfliehen. Aber wie im Stau ist auch hier die Fokussierung auf das Ziel entscheidend. Was ist schon ein bisschen Wartezeit, wenn am Ende das Glücksgefühl über eine lang ersehnte Erledigung – oder ein Belohnungs-Schokoriegel wartet.

Eine persönliche Frage an die ADAC-Verkehrspsychologin darf natürlich nicht fehlen: Was war Ihr persönlich härtestes Stau-Erlebnis – und wie haben Sie es bewältigt?
(Lacht) Ich übe mich jeden Morgen in Gelassenheit, wenn ich stadteinwärts zur Arbeit fahre. Ein kleiner Urlaubsstau bringt mich daher nur selten aus der Fassung. Als wir allerdings dieses Jahr aus der Toskana zurückkamen, standen wir wegen eines Unfalls ziemlich lange auf einer Stelle. Da musste ich wirklich darum kämpfen, die Urlaubs-Erholung nicht gleich wieder in Frust zu verlieren. Wir haben uns dann ganz auf die Planung unseres nächsten Urlaubes und die italienischen Köstlichkeiten, die wir mitgebracht hatten, konzentriert und die Zeit verflog dann doch recht schnell.

Wenn eine vierköpfige Familie mit Kindern nicht nachts auf die Reise gehen möchte: Welches sind generell die wichtigsten drei Vorbereitungen für den Stau-Fall?
Zunächst sollte sich umfassend informiert werden. Eine gründliche Routenplanung ist das A und O, am besten unter Einbeziehung von Stauprognosen. Auch mögliche Rasthöfe, die Spielmöglichkeiten für Kinder bieten, können im Vorhinein ausfindig gemacht werden. Dann ist es sehr wichtig, genügend Essen und Trinken an Bord zu haben, hungrig lässt sich ein Stau noch schwerer ertragen. Für die Kinder sind verschiedene Hörspiele, aber auch Autofahrspiele ein toller Zeitvertreib. Wenn die Eltern auch noch mitsingen oder -spielen, wird schon aus der Fahrtzeit wertvolle Familienzeit.

Und welches sind die wichtigsten drei Spontan-Entscheidungen?

Generell gilt: Umfahren Sie Stau frühzeitig und großräumig. Es gibt uns am Ende der Strecke ein besseres Gefühl, die Fahrt über in Bewegung gewesen zu sein. Eine Sicherheit für staufreie Schleichwege gibt es in Zeiten verbreiteter Navigationssysteme mit Stauumfahrungen natürlich nicht mehr. Bei einer Vollsperrung ist eine weiträumige Umfahrung hingegen tatsächlich zu empfehlen. Ansonsten sind ausreichende Pausen mit viel Bewegung und leichtem Essen immer eine richtige Entscheidung.

Sollten alle Stricke reißen – gibt es Situationen, in denen es besser wäre, mit dem Auto kehrt zu machen, um den Urlaub zu Hause zu verbringen?
Den Urlaub ganz abzusagen, obwohl der Weg schon begonnen wurde, führt kurzfristig wegen vielleicht fälliger Stornierungsgebühren und langfristig wegen des verlorenen Urlaubes wohl eher zu noch größerer Frustration. Steht man schon mittendrin, kann man sich vielleicht für einen spontanen Zwischenstopp entscheiden. Die ein oder andere schöne Altstadt liegt vielleicht nur eine Ausfahrt entfernt.
 

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erstellt am 21.Jul.2016 | 11:05 Uhr

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