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Schleswig-Holstein

03. Dezember 2016 | 05:44 Uhr

Zehn Unglücke seit November 2014 : Unfälle an Bahnübergängen: In SH lauert die Gefahr am Gleis

vom
Aus der Onlineredaktion

Regelmäßig gibt es Unglücke an den 900 Bahnübergängen in SH, zuletzt an Pfingsten. Eine Chronologie der letzten 18 Monate.

Kotzenbüll | Bahnübergänge erweisen sich zunehmend als unterschätzte Gefahrenpunkte im Verkehr Schleswig-Holsteins. Das zeigte einmal mehr das Pfingstwochende. Erneut wurde ein Auto an einem unbeschrankten Übergang von einem Zug erfasst. Der Fahrer stirbt, zwei Kinder können sich trotz schwerer Verletzungen wie durch ein Wunder noch aus dem zerstörten Wagen retten. Warum das Auto bei dem Unfall im nordfriesischen Kotzenbüll auf dem Bahnübergang stehen blieb, ist bislang völlig unklar.

Immer wieder fordern Bürger und Verkehrsverbände, die nur mit Andreaskreuz gekennzeichneten Übergänge besser zu sichern. Neben der Forderung nach einer kompletten Verschrankung aller Übergänge sind andere Verkehrsteilnehmer wiederum genervt von den zeitraubenden Befestigungen an Bahnübergängen. Nicht selten werden die Schranken ignoriert. In anderen Gebieten des Landes wird über eine verbesserte Signalisierung an unbeschrankten Gleisen diskutiert, um die Sicherheit zu verbessern. 370 der etwa 900 Bahnübergänge in Schleswig-Holstein sind unbeschrankt. Bei den meisten Unfällen ist es ein Fehlverhalten der Autofahrer, das die häufig tödliche Kollision herbeiführt. Auch ist es in den letzten Jahren häufiger zu Fehlfunktionen bei den Gleissicherungsanlagen gekommen.

Das Andreaskreuz, das zum Gewähren der Vorfahrt und damit praktisch zum Halt verpflichtet, wird häufig ohne nötige Einsicht des Überganges überfahren. Mancherorts beeinträchtigen Büsche die Sicht. In anderen Bundesländern gibt es Initiativen, das Andreaskreuz zusätzlich mit einem „Stop“-Schild zu versehen. Bei Modellversuchen führte dies zu Erfolgen. Doch es ist nicht immer das Andreaskreuz, das die Gefahr unterbietet, wie ein ein Überblick über die zehn Unfälle an schleswig-holsteinischen Bahnübergängen seit Ende 2014 zeigt.


Mitte Mai 2016 in Brunsbüttel

<p>Der Lastwagen wurde im Heckbereich von der Lok erwischt.</p>

Der Lastwagen wurde im Heckbereich von der Lok erwischt.

Foto: Daniel Friederichs

Es kommt es zum einem Lkw-Unfall mit einem Zug an einem unbeschrankten Bahnübergang in Brunsbüttel. Trotz kilometerweiter Sicht auf gerader Strecke übersieht der Lkw-Fahrer am Bahnübergang die herannahende Diesellok. Der Lokführer gibt Achtungssignale und leitet eine Schnellbremsung ein, erwischt aber dennoch den Lkw im Heckbereich. Der Lastwagen wird seitlich aufgerissen und landet im Graben. Die geladenen Mülltonnen fallen heraus. Die Beteiligten bleiben unverletzt.


Mitte März 2016 bei Heide

Foto: imago/Thomas Eisenhuth

Ein Triebwagenführer der Nordbahn muss auf der Strecke zwischen Neumünster und Heide eine Schnellbremsung einleiten, als ein Auto nur 50 Meter vor dem Zug den Bahnübergang überquert. Erst am Vortag ist es am selben Bahnübergang zu einem Unfall gekommen, bei dem ein Pkw von einem Zug der Nordbahn erfasst wurde. Trotz Schnellbremsung kann der Lokführer es nicht vermeiden, dass der Renault im hinteren Bereich vom Zug erfasst und herumgeschleudert wird. Die Feuerwehr Heide kann den Fahrer aus dem Fahrzeug befreien. Er kommt mit leichten Kopfverletzungen davon.


Weihnachten 2015 in Sandwehle

Der Regionalzug passierte den unbeschrankten Bahnübergang „Sandwehle“ und erfasste den aus Garding kommenden schwarzen VW Touareg.

Der Regionalzug passierte den unbeschrankten Bahnübergang „Sandwehle“ und erfasste den aus Garding kommenden schwarzen VW Touareg.

Foto: Helmuth Möller

Ein 66-Jähriger stößt mit seinem Pkw am unbeschrankten Bahnübergang „Sandwehle“ zwischen St. Peter-Ording und Husum mit dem Regionalexpress zusammen. Die Vorderseite des VW Touareg wird komplett zerfetzt. Der Mann hat Glück, dass der Triebwagenfahrer früh die Schnellbremsung einleitet. Der Zug ist zu diesem Zeitpunkt ohne Passagiere.

 


November 2015 in Tarp und Hemmingstedt


Wie sicher ist der Bahnübergang Bahnübergang direkt am Tarper Bahnhof? Diese Frage plagt die Einwohner des Ortes im Kreis Schleswig-Flensburg seit November 2015. Ein Güterzug erfasst zwei Autos an Bahnübergang, zwei Männer werden schwer verletzt. Wegen Bauarbeiten an der Strecke wird die Schrankenanlage nicht automatisch gesteuert, sondern durch Sicherungsposten bedient. Zunächst passiert ein Personenzug in Richtung Schleswig den Bahnübergang. Nach dessen Durchfahrt wird der Bahnübergang wieder für den Fahrzeugverkehr freigegeben – mit fatalen Folgen. Kurz nach dem durchgefahrenen Personenzug naht ein Güterzug. Dieser erfasst zwei Autos, die dabei sind, den gerade wieder freigegebenen Bahnübergang zu passieren. Beide Autos wurden bei dem Aufprall mehrere Meter mitgeschleift und total zerstört. Keine drei Wochen später fahren erneut zwei Züge bei offenen Schranken durch den Übergang – mitten im Berufsverkehr und während die Schulkinder unterwegs zum Unterricht im Schulzentrum sind. Es sei beinahe wieder zu einem schweren Unfall gekommen, berichtete ein Augenzeuge. Wieder bleiben die Schranken oben. Wieder bleibt das rote Warnlicht aus. Nur einen Tag später kommt  es zu einem weiteren Unfall an einem beschrankten Bahnübergang gekommen - diesmal bei Hemmingstedt im Kreis Dithmarschen: Ein Zug der der Nord-Ostsee-Bahn (NOB) erischt auf der Fahrt von Itzehoe nach Heide einen Pkw. In dem Auto sitzt ein älteres Ehepaar mit seinem Enkelkind. Die Insassen erleiden einen Schock.


September 2015: Crash mit der Museumsbahn

Der Museumszug „Karoline“ erwischte den Kleinwagen direkt mit dem Puffer vorne rechts.

Der Museumszug „Karoline“ erwischte den Kleinwagen direkt mit dem Puffer vorne rechts.

Foto: Jann
 

Eine Frau macht ein bei einem Wendemanöver über das kaum benutzte Bahngleis in Escheburg (Kreis Herzogtum Lauenburg) – doch dort ist gerade Museumszug „Karoline“ unterwegs. Die 56-Tonnen-Lok kracht in das Auto, die Fahrerin wird schwer verletzt.


Anfang September 2015 in Brunsbüttel

Dieses Foto veröffentlichte die Bundespolizei nach dem Unfall zwischen einem Auto und einem Zug.

Dieses Foto veröffentlichte die Bundespolizei nach dem Unfall zwischen einem Auto und einem Zug.

Foto: Bundespolizei
 

Auf einem Betriebsgelände in Brunsbüttel kollidiert ein Zug trotz langsamen Tempos mit einem Auto, weil der Fahrer des Pkw das rote Signal übersieht. Die Pfeifsignale des Lokführers können die Kollision nicht mehr verhindern.


Mai 2015: Auto fährt gegen fahrenden Zug

Völlig demoliert blieben  die beiden Wagen nach dem Unfall auf der Fahrbahn stehen. Die Feuerwehr war stundenlang im Einsatz.
Völlig demoliert blieben die beiden Wagen nach dem Unfall auf der Fahrbahn stehen. Die Feuerwehr war stundenlang im Einsatz. Foto: Jkg

Auf der Bahnstrecke Neumünster-Heide prallt bei Aukrug (Kreis Rendsburg-Eckernförde) ein Pkw mit einem Zug zusammen. Der Zug der Nordbahn ist auf dem Weg von Neumünster nach Heide, als der Zugführer das Auto auf den Bahnübergang zufahren sieht. Er gab noch Achtungssignale und leitet sofort eine Schnellbremsung ein. Doch der Ford Focus Turnier fährt seitlich in die Bahn. Der Fahrer wird von der Feuerwehr aus dem zerstörten Fahrzeug befreit und ins Krankenhaus eingeliefert. Erst 100 Meter hinter dem Bahnübergang kommt der Zug zum Stehen. Die Fahrgäste bleiben unverletzt.


Mai 2015: Ein Junge stirbt bei Zusammenstoß



Ein fünfjähriger Junge stirbt an einem Bahnübergang in Kirchspiel Garding. Ein Auto, in dem er mit seinen Großeltern, seiner Mutter und seiner einjährigen Schwester sitzt, stößt mit der Regionalbahn zusammen, der Ursache bleibt ungeklärt. Der 66-jährige Fahrer schwebt zunächst n Lebensgefahr. Es kommt die Debatte über die Sicherheit an den offenen Bahnübergängen auf. Auf der Strecke Husum-St. Peter-Ording hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Zusammenstöße an unbeschrankten Übergängen gegeben. Auf Eiderstedt gibt es laut Bahn insgesamt 73 Übergänge, von denen einige auch an kleineren Straßen oder Feldwegen liegen. Etliche von ihnen sind nur mit Andreaskreuz gesichert. Das Archiv der Husumer Nachrichten weist zwischen 2003 und 2013 zwölf Unfälle aus.


November 2014: Fahrzeug wird 500 Meter mitgeschleift

Am Morgen danach: Streckenposten sichern den Übergang mit Flatterband ab.
Am Morgen danach: Streckenposten sichern den Übergang mit Flatterband ab. Foto: Gus


In Rohlfshagen (Kreis Stormarn) stirbt eine Frau beim Überqueren der Gleise. Ihr Ford Fiesta wird von einem Regionalzug erfasst und 500 Meter mitgeschleift. Die Frau, die damals als Hausdame bei Altkanzler Helmut Schmidt arbeitet, hatte ihren Bruder besucht. Sie stirbt noch an der Unfallstelle. Es kommen Fragen auf: Haben Menschen oder Technik versagt? Wie konnte es zur Kollision von Zug und Auto kommen? Weil die Schrankenanlage im April 2013 bei einem Blitzschlag zerstört worden war, musste ein Schrankenwärter vor Ort eine Behelfsanlage bedienen. Dieser soll den Schlagbaum zu früh geöffnet haben. Er wird wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, der Prozess wird aber eingestellt. Laut Gericht trägt die Frau eine Mitschuld.
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erstellt am 17.Mai.2016 | 18:33 Uhr

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