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Schleswig-Holstein

04. Dezember 2016 | 23:27 Uhr

Bundesagentur für Arbeit : Trotz Berufserfahrung: Kaum ein Flüchtling findet in SH einen Job

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

5838 Flüchtlinge im Norden sind auf Hartz IV angewiesen. Nur acht Prozent finden einen Arbeitsplatz. Woran liegt das?

Kiel | Es gibt sie: die Geschichten von Flüchtlingen, die einen Job als Tischler in Elmshorn bekommen, als Klinikarzt in Neumünster arbeiten oder im erlernten Beruf als Programmierer Computersysteme zum Laufen bringen. Doch die Regel ist das nicht. Die Hoffnung auf eine rasche Eingliederung hat sich für die meisten Flüchtlinge in Schleswig-Holstein nicht erfüllt. Ende August waren 5838 Flüchtlinge im Land als arbeitslos registriert und erhielten Hartz IV, teilte die Bundesagentur für Arbeit mit. Das sind gut 2500 mehr als vor Jahresfrist. Seit Januar 2016 konnten nur 609 Schutzsuchende eine sozialversicherungspflichtige Arbeit aufnehmen.

Je länger Flüchtlinge auf einen Job warten müssen, desto schwieriger gestaltet sich die Integration. Es ist also wichtig, Barrieren abzubauen und auf Deutschkurse zu setzen.

„Die Zahlen sind nicht überraschend. Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt braucht ihre Zeit“, sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord in der Bundesagentur für Arbeit, dem sh:z. „Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass nur rund acht Prozent den Sprung in den Arbeitsmarkt im ersten Jahr schaffen – trotz teils vorhandener mehrjähriger Berufserfahrung in den Heimatländern.“

Hauptgründe für die Schwierigkeiten, einen Job zu finden, seinen fehlende Deutschsprachkenntnisse und fehlende Abschlüsse nach deutschen Standards. „Viele Flüchtlinge befinden sich derzeit in Sprach- und Integrationskursen. Daneben stellen die Agenturen und Jobcenter ein umfangreiches Förderangebot zur Verfügung, um auf Arbeit und Ausbildung vorzubereiten“, erläutert Haupt-Koopmann. Die Arbeitsagentur rechnet zum Jahresende bundesweit mit 350.000 arbeitslosen Flüchtlingen im Hartz-IV-System.

Laut Innenministerium kamen im vergangenen Jahr 35.076 Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein. Von Januar bis Ende September kamen dieses Jahr weitere 8223 Flüchtlinge hinzu – 641 im gesamten August. Die meisten gaben als Herkunftsland Syrien, Irak, Afghanistan, Armenien, die Russischen Föderation und Iran an. Bei 52,75 Prozent geht das Bundesamt für Migration von einer sehr guten Bleibechance aus. Im vergangenen Jahr um diese Zeit lag der Prozentsatz bei über 62 Prozent.

Die Kapazitäten in den Erstaufnahmeeinrichtungen sind recht unterschiedlich ausgelastet. Während in Rendsburg von den 1472 Plätzen nur elf Prozent belegt sind, sind von den 850 Plätzen in Neumünster gut 43 Prozent voll.

Deutschlands Politik hat zu dem Problem beigetragen, kommentiert Till Lorenz:

Wundert es jemanden, dass Flüchtlinge nur schwer einen Job finden? Das sollte es nicht, denn Deutschlands Politik hat ordentlich dazu beigetragen. Früher galt Deutschland als Land ohne Bodenschätze. Heute muss diagnostiziert werden, dass auch die Ressource Mensch hierzulande ziemlich erschöpft ist. Deutschlands Wirtschaft benötigt Mitarbeiter – woher auch immer. Der Arbeitsmarkt hat sich radikal gewandelt. Wer das zu lange nicht begriffen hat, waren Politiker, die über Jahrzehnte hinweg alles daran gesetzt haben, den deutschen Arbeitsmarkt abzuschotten.

Stets galt es in ihren Augen, die Jobs für die eigenen Wähler zu sichern – der Stammtisch war der wichtigste Ratgeber. Regeln wie die Vorrangprüfung sind dabei entstanden, mit denen sichergestellt werden sollte, dass kein Flüchtling einem Deutschen die Arbeit wegnimmt. Erst im August dieses Jahres hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles die zugehörigen Fristen von 15 auf drei Monate heruntergefahren. Selbst qualifizierte Flüchtlinge waren zuvor oft zum monatelangen Nichtstun verdammt. Und die Vorrangprüfung ist nur ein Beispiel von vielen.

Deutschland hätte jahrelang Zeit gehabt, seinen Arbeitsmarkt zu öffnen, Barrieren für Ausländer abzubauen. Durch den aktuellen Zuzug der Asylsuchenden muss das nun mit der Brechstange erfolgen. Die Schuld der Flüchtlinge ist das nicht, sondern allein die des ängstlichen deutschen Michel.

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erstellt am 25.Sep.2016 | 19:56 Uhr

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