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Schleswig-Holstein

25. August 2016 | 02:56 Uhr

Interview mit Thomas Sävert : Tornados in Schleswig-Holstein: „Die Gefahr ist real“

vom
Aus der Onlineredaktion

Tornados in Deutschland und SH spielen eine größere Rolle als viele denken, sagt Thomas Sävert. Eine Geschichte aus dem shz.de-Archiv.

Bochum/Flensburg | Thomas Sävert arbeitet als Meteorologe bei Kachelmannwetter und befasst sich seit mehr als 20 Jahren mit Tornados in Deutschland. shz.de hat mit ihm gesprochen. (Diese Geschichte stammt aus unserem Archiv (24. Oktober 2014) - wegen der aktuellen Tornados in Schleswig haben wir sie wieder hervorgeholt. Herr Sävert hat auf Nachfrage am Montag die Aktualität seiner fachlichen Auskünfte bescheinigt)

Herr Sävert, Sie sind gebürtiger Schleswig-Holsteiner?

Ja, geboren bin ich in Itzehoe und bin dort in der Nähe aufgewachsen. Danach habe ich dann eine Weile in Kiel gelebt und bin quer durch Schleswig-Holstein gezogen. In Leck habe ich auch ein Jahr gelebt – Schleswig-Holstein kenne ich also gut. Heute wohne ich im Bergischen Land und arbeite in Bochum in der Unwetterzentrale (damaliger Arbeitgeber von Thomas Sävert, inzwischen aufgelöst, die Red.).

Ist die Tornadoforschung Teil Ihrer Arbeit in der Unwetterzentrale?

Die Forschung selber leider nicht. Das ist auch ein großes Manko in Deutschland und Europa. Anders als in den USA wird in Deutschland nur in der Freizeit geforscht. Es gibt keine bezahlte Forschung in dem Sinne. Die Unwetterzentrale ist für Unwetterwarnungen zuständig. Zum Beispiel bei Sturm, starkem Schneefall oder Gewitter, aber auch – soweit möglich bei Tornados. Die Tornadoforschung als solche läuft auf privater Ebene.

Was fasziniert Sie an der Tornadoforschung und wann haben Sie damit angefangen?

Das ist schon über 20 Jahre her und hat in Schleswig-Holstein angefangen. Meinen ersten Tornado habe ich 1993 im Juli in Großenaspe bei Neumünster untersucht. Dabei ging es in erster Linie um die Schäden. Das war ein ziemlich starker Tornado der dort eine 13 Kilometer lange Schneise hinterlassen hat. Die Windhose hat unter anderem einen Wohnwagen von der Autobahn gefegt. Das habe ich damals im Radio gehört, bin sofort hingefahren und habe dann dort drei Tage verbracht. Meinen ersten Tornado habe ich als ich klein war bei Itzehoe miterlebt. Wenn man hinter einem Deich an der Nordsee aufwächst, wo das eigene Haus unter dem Meeresspiegel liegt, dann ist man, was Wetter und Unwetter betrifft, sehr sensibilisiert.

In über zwanzig Jahren erlebt man viel, nehme ich an?

Ja. Allein, was ich an Schäden gesehen habe! Tornados selbst bekommt man nicht so häufig live zu Gesicht. Ich wohne im Bergischen Land, wo ich bereits eine Windhose gesehen habe – auch in Amerika konnte ich schon Tornados beobachten. Es gibt ein großes Problem mit den Tornados: Man weiß noch nicht genau wie sie entstehen. Das, und wie man sie vorhersagen kann, möchte ich herausfinden. Auf der anderen Seite schaue ich, was da eigentlich passiert ist und wie stark der Tornado war. Oft muss auch geklärt werden, ob es sich überhaupt um ein Tornado gehandelt hat – auch das ist nicht immer einfach.

Sind Sie bei Ihrer Arbeit allein?

Nein. Wir haben eine Tornado-Arbeitsgruppe die sich aus zwölf Leuten zusammensetzt. Da sind mehrere Meteorologen dabei, aber auch Kollegen aus anderen Fachgebieten: Ein Schornsteinfeger beispielsweise, ein Baustatiker und ein Forstexperte. Mindestens zwei Mal im Jahr setzen wir uns zusammen, um Fälle zu besprechen. Mit dabei ist dann auch die Unwetterzentrale und ein Vertreter vom Deutschen Wetterdienst. Zusätzlich bekommen wir Unterstützung von einem Wissenschaftler der Universität Mainz, der sich für die Forschung sehr interessiert. Niemand von uns wird für diese Arbeit bezahlt. Die gesamte Tornadoforschung in Deutschland läuft so ab. Wir sind alle dafür, dass es wieder eine vom Bund und den Versicherern unterstützte Forschung gibt.

Lassen sich die Tornados in den USA denn mit denen in Deutschland vergleichen?

Ja, definitiv. Das beste Beispiel ist ein Fall von 1979. Damals wurden Mähdrescher mit über zehn Tonnen Gewicht mehrere hundert Meter durch die Luft geschleudert. Dafür braucht es Windgeschwindigkeiten von um die 400 Kilometer pro Stunde. Glücklicherweise konnten wir damals mit dem Max-Planck-Institut in Heidelberg zusammenarbeiten. Ein Physiker, der sich mit Flugeigenschaften von Gegenständen auskannte, hat für uns damals die Flugbahn der Mähdrescher berechnet. So konnten wir 1979 auf die Geschwindigkeit schließen. Den Fall haben wir dann beim Hamburger Extremwetterkongress vorgestellt, der jährlich stattfindet und wo sich Wissenschaftler aus Deutschland und Europa austauschen. Die fliegenden Mähdrescher haben auch einige Forscher in den Fachkreisen aufgerüttelt – denn viele Meteorologen wussten nicht, dass es so starke Tornados in Deutschland geben kann.

Also ist das Thema in Deutschland noch nicht wieder so präsent wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Richtig. Man darf aber nicht vergessen, dass das Tornadogebiet in den USA, die sogenannte Tornado-Alley, riesengroß ist. Allein Texas ist zweimal so groß wie Deutschland. Das dort rund 1000 Tornados im Jahr auftreten, ist kein Wunder. Wir in Deutschland haben dieses Jahr bisher 43 bestätigte Tornados, es kommen aber mit Sicherheit noch ein paar dazu.

Wann treten Tornados denn auf?

Wir haben Hauptsaison von Mai bis September, aber auch den ganzen Winter durch kann es mal Tornados geben.

Wann und wie entstehen eigentlich Tornados?

Die Entstehung dieses Phänomens noch nicht vollständig geklärt. Wir kennen heute einige Grundzutaten: Es braucht eine Schauer- oder Gewitterwolke, außerdem ist ein starker Aufwind nötig – und der entsteht bei hohenTemperaturunterschieden zwischen dem Boden und den hohen Luftschichten. Die wärmere Luft ist leichter, will also nach oben. Somit hat man bereits eine Aufwärtsbewegung. Für einen Tornado muss die Luft zudem feucht sein. Wenn der Wind in der Höhe in eine andere Richtung und eventuell noch mit einer höheren Geschwindigkeit weht als unten, kann dann eine Windhose entstehen.

In Schleswig-Holstein sind die Bedingungen für die Entstehung von Tornados zu dieser Jahreszeit günstig. Hier ist das Wasser an den Küsten noch relativ warm, in den höheren Luftschichten kommt es gleichzeitig zu ersten Kaltluft-Vorstößen. Diese großen Temperaturgegensätze können dann Schauer und Gewitter auslösen – aber auch Tornados. Das heißt also, vor allem nach warmen Sommern sieht man im Spätsommer und im Herbst häufiger Wasserhosen – wie vor Sylt am 7. Oktober. Wasserhosen sind dabei nichts anderes, als Tornados über dem Wasser. Auch 2006 gab es sehr viele dieser Tornados in Deutschland, die in manchen Fällen vom Wasser an Land ziehen und dort Schäden anrichten. Das gab es in Büsum, das liegt ja recht exponiert, schon mehrfach. Da flogen dann die Strandkörbe über den Deich ins Hafenbecken.

Stichwort Klimawandel – das wird in diesem Zuge ja auch gerne gebraucht.

Den Klimawandel gibt es, das will ich auch gar nicht abstreiten. Die Frage ist nur: Wie wirkt er sich auf Tornados oder überhaupt auf lokale Unwetter aus? Eine Antwort darauf gibt es noch nicht. In Deutschland unter anderem deswegen nicht, weil die Tornadostatistik noch nicht ausreicht. Wir haben 1999/2000 damit angefangen, die Tornadoforschung wieder in Gang zu bringen. Es gibt also erst seit knapp 15 Jahren wieder Zahlen. Wie repräsentativ die sind, können wir nicht einschätzen – sie schwanken zu stark. Mal gibt es dreißig Tornados in einem Jahr, 2006 hatten wir über 120 bestätigte Fälle. Die Dunkelziffer ist allerdings sehr hoch. In den USA gibt es die Tornadoforschung schon etwas länger, aber auch dort sieht man keinen klaren Trend.

Aber es wirkt so, als würde es immer mehr Sichtungen geben.

Das liegt zum Beispiel daran, dass heutzutage die Möglichkeiten zur Dokumentation immer mehr werden. Es läuft beispielsweise fast jeder mit einem Smartphone in der Tasche herum und kann direkt Fotos machen. Wichtig ist auch, dass es inzwischen Anlaufstellen gibt – wie eben die Tornadoliste – an die man die Bilder und Beobachtungen schicken kann.

Wie schätzen Sie die Gefahr von Tornados in Deutschland ein?

Wir wollen mit dem Thema keine Panik verbreiten, das ist klar. Aber wir wollen die Bevölkerung schon sensibilisieren. Kaum jemand weiß: Was mach ich denn jetzt, wenn ein Tornado ankommt? Das ist aber wichtig, da Tornados in Deutschland genau so stark sein können wie in den USA. Trotzdem ist das Risiko von einem Tornado getroffen zu werden sehr gering. Die meisten Wirbelstürme sind sehr kleinräumig und treten in der Regel vereinzelt auf.

Wo sollte ich mich denn vor einem Tornado in Sicherheit bringen?

Man sollte am besten in einen möglichst fensterlosen Raum gehen. Das kann der Keller sein, der Flur oder das fensterlose Badezimmer. Da ist man gut aufgehoben. Die Gebäude in Deutschland sind zum Glück massiver gebaut, als die meisten in den USA. Bei einem richtig starken Tornado der Größenordnung F4 oder F5 spielt es keine Rolle mehr, in was für einem Gebäude man sich aufhält. Dann rettet einen höchstens noch der Keller. Das Hauptproblem bei einem Tornado ist aber nicht die Windgeschwindigkeit als solche, sondern die umherfliegenden Trümmer. Selbst bei schwächeren Tornados reicht es schon, wenn kleine Dachziegel oder Bretter durch die Luft fliegen. Wird man davon getroffen, überlebt man das nur schwer.

Und wenn ich draußen unterwegs bin?

In Großenhain in Sachsen ist das 2010 passiert, dort gab es 100 Millionen Euro Schaden – und einen Toten. Der Mann hat sich damals in sein Auto geflüchtet. Wäre er in ein Gebäude gegangen, wäre wohl nichts passiert. Bei einem ausgeprägten Tornado ist man im Auto also nicht sicher. Ist man zu Fuß oder mit dem Fahrrad im Freien unterwegs, sollte man eine Mulde oder einen Graben aufsuchen. Dann fegt der Tornado bestenfalls über einen hinweg. Das ist die einzige Chance, die man hat.

Wie groß sind die Chancen in Deutschland, einen so starken Tornado zu erleben? Ist das nur ein Jahrhundertereignis?

Die Stärke F2 fängt schon bei 184 Kilometern pro Stunde an und geht bis über 250. Von dieser Sorte gibt es in jedem Jahr bis zu fünf. Ein F3 fängt bei 255 Kilometer pro Stunde an und geht bis 335 km/h. Ein solcher Tornado kommt in Deutschland im Schnitt alle zwei Jahre vor. Es werden auch immer mehr historische Fälle bekannt. Demnach kommt es etwa alle 20 Jahre zu einem F4. Ein Wirbelsturm der Kategorie F5, der oberhalb von 420 Kilometern pro Stunde liegt, ist natürlich ein Jahrhundertereignis. Man muss aber dazu sagen, dass bisher nur zwei solcher Fälle in Deutschland bekannt sind. Die liegen lange zurück. Ob es danach noch einmal einen Fall gab, wissen wir im Moment nicht.

Gibt es dafür Beispiele?

Groden, ein Cuxhavener Stadtteil ist einst von einem Tornado komplett zerstört worden. Dort stand kein Haus mehr, nur noch Grundmauern. Das kann man noch sehen, wenn man vor Ort ist. Weil es nicht genug Daten gibt, haben wir diesen Tornado zunächst als F4 eingestuft. Persönlich bin ich aber relativ sicher, dass es sich damals um einen F5 gehandelt haben muss. Es gibt auch einen Fall von 1936 in Mecklenburg-Vorpommern, wo aus einem Feld sämtliche Rüben herausgerissen worden sind. Von einer angrenzenden Straße wurde der gesamte Asphalt weggerissen. Auch hier könnte es sich um einen Tornado der Kategorie F5 gehandelt haben. Erst kürzlich habe ich ein Bild von 1920 aus Bargteheide bekommen. Es dokumentiert einen Sturmschaden, bei dem wir bislang von einem F3 ausgegangen sind. Jetzt wo ich das Bild gesehen habe bin ich nicht mehr sicher, ob das ausreicht.

Wird das Phänomen Tornado in Deutschland noch immer unterschätzt?

Ja. Man hat das zum Beispiel 2006 in Hamburg gesehen, als in Harburg auf einer Großbaustelle drei Baukräne umgestürzt sind, in denen noch die Kranführer saßen. Zwei von ihnen sind damals gestorben, einer wurde schwer verletzt. Die Bauarbeiter sind durch einen Tornado ums Leben gekommen und ich frage mich, warum die bei dem Gewittersturm überhaupt noch da oben gesessen haben. Hier wurde die Gefahr ganz einfach unterschätzt. Viele trifft es nicht, daher werden Windhosen als Gefahr nicht so stark wahrgenommen. Wir versuchen darauf aufmerksam zu machen und auch die Versicherer zu sensibilisieren. Die Gefahr ist real. Gefährlich sind aber auch normale Gewitter, aufgrund von Blitzschlag, Starkregen oder Hagel. Die Medien sprechen noch immer gerne von Mini-Tornados. So etwas wie Mini-Tornados gibt es aber nicht.

Gibt es in Deutschland ein Tornadowarnsystem?

Wir von der Unwetterzentrale haben bereits eins. Warnen können wir allerdings nur, wenn jemand einen Tornado beobachtet oder wenn ein Tornado aus einer sogenannten Superzelle heraus entsteht. Eine Superzelle ist ein Gewitter das sehr langlebig ist. Das können wir anhand von Radarbildern feststellen und eine entsprechende Warnung herausgeben.

Für die Unwetterzentrale aber auch für den DWD ist der Verein Skywarn dabei sehr wichtig. Dort sind über 250 Sturmjäger und Unwetterinteressierte organisiert. Es ist bereits mehrfach vorgekommen, dass ein Mitglied von Skywarn einen Tornado gemeldet hat. Dafür gibt es eigens eine Hotline. Wir können dann innerhalb von 30 Sekunden den Standort des Mitglieds bestimmen und eine Tornadowarnung ausgeben. Dieses System ist bereits recht weit forgeschritten. Mehr geht im Moment leider nicht.

Was muss getan werden, damit das Thema Tornado in den Köpfen der Menschen präsenter ist?

Es muss mehr darüber berichtet werden, das ist klar. Und es muss von „oben“ was kommen – von der Politik. Wir versuchen, die Versicherer von der Wichtigkeit der Forschung zu überzeugen. Von dort aus sollte es eine offizielle Förderung geben. Das fehlt einfach. So ist das Vorankommen sehr schwierig. Das Verkehrsministerium ist zuständig für das Wetter. Wenn von dort aus die Forschung gefördert würde, wäre uns sehr geholfen. Bislang stößt man allerdings auf taube Ohren. Die meisten denken noch immer, dass es bei uns lediglich ein paar harmlose Windhosen gibt.

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erstellt am 06.Jun.2016 | 10:45 Uhr

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