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Schleswig-Holstein

05. Dezember 2016 | 03:35 Uhr

Nach Unfall auf der A24 bei Mölln : Tesla: „Der Autopilot hat nichts mit dem Unfall zu tun“

vom

Ein dänischer Reisebus wechselte die Spur - das übersah der Autofahrer, beziehungsweise sein Auto. Das soll selbst gefahren sein.

Gudow | Wie sicher ist der „Autopilot“ des Tesla? Anfang Mai machte der amerikanische Konzern mit einem tödlichen Crash Negativschlagzeilen – sein Model S war in Florida ungebremst in einen Laster gerast. Jetzt hat es auch in Schleswig-Holstein einen Unfall gegeben, bei dem das Assistenz-System des Elektroautos möglicherweise ein Hindernis nicht erkannt hat. Die Folgen waren glücklicherweise glimpflicher. Der Fahrer (50) aus Brandenburg wurde nur leicht verletzt.

Sein Tesla, ebenfalls eine Model-S-Limousine, war am Mittwoch um 14.20 Uhr auf der Autobahn 24 in Richtung Hamburg unterwegs. In Höhe der Raststätte Gudow (Kreis Herzogtum-Lauenburg) überholte ein Stück vor ihm ein dänischer Reisebus einen Laster. Kurz bevor der Bus sich wieder ganz auf der rechten Spur eingeordnet hatte, rammte ihn der Tesla. Polizeisprecherin Kathrin Bertelsen: „Der Wagen ist hinten auf die Ecke des Busses aufgefahren.“

Der Tesla-Fahrer gab an, dass er das Assistenz-System „Autopilot“ benutzt habe, das im November 2015 in Deutschland zugelassen wurde. Genau genommen ist der „Autopilot“ ein Abstandstempomat mit aktiver Spurführung und Bremsfunktion. „Der Fahrer ist verpflichtet, die Hände jederzeit am Lenkrad zu behalten“, betont Polizeisprecherin Bertelsen. Gegenüber den Polizeibeamten erklärte der Brandenburger, das getan zu haben. Er war nach ersten Erkenntnissen auch nicht zu schnell. Warum er dem Reisebus trotzdem  nicht auswich oder selbst bremste, müssen die Ermittlungen ergeben.

Tesla teilte mit: „Wir haben mit unserem Kunden gesprochen, der bestätigt hat, dass der Autopilot einwandfrei funktioniert und nichts mit dem Unfall zu tun hat.“ Wie diese Aussage zu deuten ist, ließ die Firma mit Sitz im kalifornischen Palo Alto offen. Vorstellbar ist, dass der Brandenburger das Lenkrad vor Schreck verrissen hat. Die 29 Insassen des Busses blieben unverletzt, die Schadenshöhe beträgt 55.000 Euro.

Auf den tödlichen Unfall im Mai reagierte Tesla mit einem Software-Update und kündigte an, man werde den Daten des Radarsensors künftig mehr Gewicht geben. Bislang vertraute das System  eher seinen Kameras samt Bilderkennung.  Bei dem tragischen Unglück in Florida wurde der Laster aber wohl als „Schilderbrücke“ interpretiert.   Die Software-Version 8.0,  die automatisch per Funk kommt, soll bislang bei deutschen Kunden kaum eingespielt worden sein. Somit ist unklar, ob der Unfallwagen sie bereits hatte. Tesla-Chef Elon Musk sagte, das überarbeitete System werde „fast immer“ die richtige Brems-Entscheidung treffen.

Fakt ist jedoch: Teslas „Autopilot“ verleitet dazu, ihm das Kommando zu überlassen. Das belegten Videos, in denen Tesla-Fahrer auf die Rückbank klettern oder mit dem Beifahrer Schach spielen. Solche Risiken aber auch die Chancen des automatisierten Fahrens diskutierten gestern 150 Experten beim Verkehrsforum des ADAC in Neumünster. „Wir wollen eine breite Debatte zum Thema  anstoßen“, sagte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Feldhusen. „Bevor die Entwicklung uns überrollt.“

Was kann der Autopilot von Tesla – und was nicht?

Der Name „Autopilot“ verspricht bei Teslas Fahrassistenz-Funktion zumindest bisher noch etwas mehr, als das System halten kann. Denn im Gegensatz zum Autopiloten im Flugzeug soll die Technik nicht komplett die Kontrolle übernehmen. Laut Tesla selbst hält das System im Autobahn-Verkehr Geschwindigkeit und Abstand, dazu beschleunigt und bremst es selbst.

Außerdem kann der „Autopilot“ in einer Spur bleiben und sie auch wechseln, wenn der Blinker betätigt wird. Ebenfalls enthalten ist automatisches Einparken. Zudem warnt die Technik den Fahrer bei der Gefahr eines Seitenaufpralls und versucht auch selbst, Kollisionen auszuweichen. Es gibt einige Internet-Videos, in denen der Autopilot einen Zusammenstoß erfolgreich verhindert.

Das System greift Tesla zufolge auf eine Kombination aus Kameras sowie Radar- und Ultraschall-Sensoren zurück, um die Umgebung zu erkennen. Angesichts dieser diversen Datenquellen dürfte noch die Frage geklärt werden müssen, wie es dazu kommen konnte, dass der Wagen im aktuellen Fall einen Lastwagen-Anhänger nicht erkannte. Für Kameras könnte das weiße Fahrzeug vor dem Hintergrund eines hell ausgeleuchteten Himmels eine Herausforderung sein, für den Radar eigentlich nicht.

Für den Kunden wichtig ist die Frage der Haftung, wenn die Technik versagt.  Komme es durch falsche Angaben, zum Beispiel vom Totwinkel-Assistenten im Außenspiegel, zu Unfällen, soll  künftig der Produzent belangt werden, sagte ADAC-Landeschef Ulrich Klaus Becker. Obwohl der Autofahrer eigentlich zum Schulterblick verpflichtet ist. Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) erklärte: „Ich kann mir vorstellen, dass  sich die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer durch selbstfahrende Systeme erhöht, da der überwiegende Teil der Unfälle auf menschliches  Versagen zurückzuführen ist.“ Geklärt werden müssten aber Fragen des Datenschutzes und der Cybersecurity, also der Verhinderung von Hackerangriffen.

Am Ende wird es aber auch um ethische Entscheidungen gehen: Wie soll sich ein System verhalten, wenn es die Auswahl zwischen der Kollision mit einem Kind, einer Rentnerin oder einem Baum hat? Neben Verkehrs-Experten und Ingenieuren beschäftigt die Zukunft des autonomen Fahren entsprechend vor allem Philosophen. Lesen Sie hier ein Interview mit einer Roboter-Ethikerin.

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erstellt am 29.Sep.2016 | 20:47 Uhr

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