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Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 12:46 Uhr

Verschwunden in Schleswig-Holstein : Student Georg Linnemann: Der letzte Gruß kam per Handy

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Student Georg Linnemann verschwand im Dezember 2014. Seitdem fehlt von dem Neumünsteraner jede Spur. Die Mordkommission ermittelt.

Neumünster | Seit über einem Jahr ist Student Georg Linnemann (28) aus Schleswig-Holstein verschwunden. „Viel Spaß – und passt beim Karussellfahren gut auf Euch auf“, lautete seine letzte Nachricht. Sie erreichte seine Freundin am 15. Dezember 2014 gegen 16 Uhr auf dem Handy. Als seine Lebensgefährtin mit ihrer kleinen Tochter wenig später vom Weihnachtsmarkt wieder nach Hause kam, war der Maschinenbaustudent nicht wie verabredet in ihrer Wohnung. „Bin wieder da“, schrieb ihm die junge Frau deshalb per Whatsapp. Doch da war Georgs Mobiltelefon bereits ausgeschaltet – die Nachricht ging nicht mehr durch. Seitdem ist der junge Mann aus Neumünster wie vom Erdboden verschluckt. Die Mordkommission in Kiel geht mittlerweile von einem Tötungsdelikt aus. Doch wer könnte den Motorrad-Fan umgebracht haben? War er in dunkle Geschäfte verstrickt?

In Schleswig-Holstein gibt es mehr als 40 ungeklärte Morde. Die Verbrechen lassen die Ermittler nicht los – und in den vergangenen Jahren sind etliche dank verfeinerter DNA-Analyse geklärt worden. Doch manchmal ist der Täter einfach nicht zu fassen.

Für Georgs Freundin (34) begann an dem Winterabend ein nicht enden wollender Albtraum. Bereits wenige Stunden nach dem mysteriösen Verschwinden ihres Lebensgefährten startete sie die Suche. Immer wieder wählte sie seine Nummer. Vergeblich. „Das war sehr untypisch. Georg war auf dem Handy eigentlich immer zu erreichen“, sagt sie. Auch bei Freunden war er nicht. Kein Krankenhaus hatte ihn aufgenommen. Deshalb ging seine Freundin am nächsten Tag zur Polizei. Die suchte zwar im Computer, ob sein Wagen irgendwo aufgefallen sei – doch mehr passierte nicht. Georg Linnemann, den seine Freunde „Grobi“ nannten, war verschwunden – und mit ihm sein Wagen.

Wohin fuhr Georg Linnemann mit seinem Auto, bevor er verschwand? Seine Freundin sucht seit anderthalb Jahren verzweifelt nach ihrem Freund. Sie möchte jetzt einen Suchaufruf auf das Auto drucken lassen.
Wohin fuhr Georg Linnemann mit seinem Auto, bevor er verschwand? Seine Freundin sucht seit anderthalb Jahren verzweifelt nach ihrem Freund. Sie möchte jetzt einen Suchaufruf auf das Auto drucken lassen. Foto: Moritzen

Wenige Tage später, am 20 Dezember 2014, dann die erste Spur: Der dunkelblaue Golf IV mit dem Kennzeichen NMS-ZX-88 wurde von der Polizei in Hamburg-Osdorf in der Nähe des Elbe-Einkaufszentrums sichergestellt. Allerdings gab es immer noch keine Hinweise auf ein Verbrechen. Also gab es von offizieller Seite auch keine öffentliche Suche. Doch Georgs Freundin kämpfte weiter. Mittlerweile hatte sie die Facebook-Seite „Vermisst wird Georg Linnemann“ einrichten lassen. Aber auch das Internet führte sie nicht zum Vater ihres ungeborenen Kindes.

„Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er einfach weggegangen ist“, sagt die Neumünsteranerin. Und auch nach fast anderthalb Jahren ohne Lebenszeichen kommen ihr die Tränen. Erst wenige Wochen vor seinem Verschwinden hatte Georg Linnemann erfahren, dass er Vater werden würde. „Er hat sich sehr auf das Kind gefreut“, erzählt seine Freundin. „Wir wollten zusammenziehen, als Familie leben. Auch mit meiner ältesten Tochter hat er sich prima verstanden. Die waren ein Herz und eine Seele“, berichtet sie. Mittlerweile ist Georgs Baby geboren. Vor zehn Monaten brachte seine Freundin ein gesundes Mädchen zur Welt. Seinen Vater hat es nie gesehen.

Im April 2015 dann die Wende: Plötzlich wurde aus der Vermisstensache ein Tötungsdelikt. „Ich fiel aus allen Wolken, als die Kripo plötzlich bei mir vor der Tür stand und Fragen stellte“, erzählt seine Freundin. „Im Rahmen anderer Ermittlungen hatte sich der Tatverdacht gegen zwei 28 und 26 Jahre alte Männer aus Neumünster und Kappeln, die dem persönlichen Umfeld des Herrn Linnemann zuzurechnen sind, erhärtet“, so Matthias Arends, Pressesprecher der Polizeidirektion Kiel. Doch die Männer, die damals wegen Diebstählen in Untersuchungshaft saßen, schwiegen. Im November 2015 wurden sie vom Landgericht Flensburg zu fünfeinhalb beziehungsweise dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Möglicherweise war auch Georg Linnemann in Straftaten verstrickt. Laut Polizei besteht der Verdacht, dass er zu einer Bande gehörte, die in Schleswig-Holstein Garagen und Lagerhallen aufbrach, Aufsitzrasenmäher und Motorräder klaute. Er soll Motorradteile im Internet angeboten haben. Möglicherweise liegt hier das Motiv für sein Verschwinden. „Für mich gab es damals keine Anzeichen, dass er etwas Komisches gemacht haben könnte. Er war täglich bei mir. Mir ist nichts aufgefallen. Ich habe ihn als extrem aufopfernden, herzlichen und sensiblen Menschen kennen gelernt“, sagt seine Freundin.

Doch sie weiß mittlerweile auch, dass es einige dunkle Geschichten in seiner Vergangenheit gegeben haben muss und dass es möglicherweise irgendwo Menschen gibt, die von ihrer hartnäckigen Suche nach der Wahrheit nicht begeistert sind und vor Gewalt nicht zurückschrecken. Deshalb möchte sie auch ihren Namen nicht nennen und ihr Gesicht nicht zeigen. „Er hat mir sicher nicht alles von sich erzählt. Wir kannten uns erst seit dem Frühjahr“, sagt sie. Auch über seine Jugend und Familie sprach der Arztsohn aus Bremervörde kaum. Er zog erst wenige Monate vor seinem Verschwinden nach Neumünster, zuvor wohnte er in Flensburg. Seine Leidenschaft waren schnelle Motorräder. Doch als Familienvater wollte er sein Hobby einschränken.

Die Suche nach dem jungen Mann glich von Anfang an der Suche nach der Nadel im Heuhaufen: Wichtige Spuren waren für die Polizei das Auto des Opfers sowie ein gelber Leihanhänger: Der Hänger wurde am 3. Januar 2015 in Neumünster am Wernershagener Weg/Ecke Weberstraße umgestürzt am Straßenrand entdeckt. Linnemann selbst hatte ihn gemietet, wahrscheinlich für den Transport von Diebesgut, meint die Polizei.

Zwei Mal suchten die Ermittler konkret nach einer Leiche: Sie sind sich sicher, dass Georg Linnemann getötet, verbrannt und dann in Neumünster oder im Umland vergraben wurde. Im Juli 2015 durchkämmten sie vergeblich eine Wiese in Wasbek. Mitte Oktober suchten sie nach einem Hinweis ein Kleingartengelände ab. „Doch die Suchhunde schlugen nicht an“, so Arends. Auch eine Belohnung von 1500 Euro für Hinweise, die zur Lösung des Falls führen, brachte die Mordkommission nicht weiter. „Doch die intensiven Ermittlungen dauern an“, so der Polizeisprecher.

Was auch immer passiert ist: Georgs Freundin möchte Klarheit – für sich und ihre Töchter. Deshalb geht sie ungewöhnliche Wege. Vor einigen Wochen hat sie Georgs Golf von der Polizei zurück bekommen. Das Auto soll ihr jetzt bei der Suche helfen. Quasi als fahrende Litfaßsäule will sie den Wagen von Freunden und Bekannten durch Schleswig-Holstein, Hamburg und Dänemark fahren lassen – überall dorthin, wo Georg in seinen letzten Jahren war. Dazu möchte sie sein Bild, die Facebook-Seite und einen Suchaufruf auf das Auto drucken lassen. Eine teure Angelegenheit, für die die alleinerziehende Mutter noch Sponsoren auf ihrer Facebookseite „Vermisst wird Georg Linnemann“ sucht.

Das Auto selbst zu fahren, schafft sie noch nicht. Zu stark sind die Erinnerungen an die kurze, gemeinsame schöne Zeit. Als sie den Wagen zurück bekam, war nichts Persönliches mehr darin. Sogar der Kindersitz fehlte und tauchte bisher nicht wieder auf. Nur ein kleines Spielzeugauto der ältesten Tochter klemmte noch zwischen den Sitzen. „Das habe ich jetzt immer bei mir im Portemonnaie“, sagt die Freundin. 

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erstellt am 30.Apr.2016 | 15:50 Uhr

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