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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 17:39 Uhr

Autobahn-Ausbau : Straßenwärter auf der A7: „Der Job kann mordsgefährlich sein“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer wieder geraten sie in Gefahr: Straßenwärter in den 77-Baustellen – ein Besuch bei denen, die ganz nah dran sind am deutschen Autofahrer.

Brokenlande | Es sind nur ein paar Zentimeter, die über die Sicherheit entscheiden. Holger Wagner steht auf der Baustelle der Autobahn 7 bei Brokenlande, südlich von Neumünster. Neben dem Straßenwärter steht eine Betonbarriere, dahinter donnert ein großer Lastwagen mit geschätzt Tempo 100 vorbei. „Da musst Du besonders aufpassen“, sagt Wagner zu seinem Kollegen Jan-Philipp Fischer, der als Straßenwärter vor seiner ersten Wintersaison bei Via Solutions Nord steht – dem Konsortium, das den Ausbau der A7 zwischen Bordesholm und Hamburg organisiert und dessen Autobahmeisterei sich in Nützen (Kreis Segeberg) befindet.

Die rund 20 Straßenwärter stehen an vorderster Front, wenn es um den Verkehr auf der Autobahn geht. Und gerade im Herbst, wenn es nass und rutschig auf den Straßen wird, sind die Menschen, die auf den Straßen arbeiten, in Gefahr. „Dieser Job kann mordsgefährlich sein“, sagt Holger Wagner. Warum, das erklärt er an einem Beispiel. „In einer Nacht stand ich auf der gesperrten Seite einer Baustelle und wollte ein rot-weißes Hütchen umstellen – das hat mir ein Audi-Fahrer direkt aus der Hand gefahren.“ Nur wenige Zentimeter haben gefehlt, der 43-Jährige hätte tot sein können.

Autofahrer halten auf der A7 an und fragen nach dem Weg

Manchmal ist es Unaufmerksamkeit, manchmal auch schlicht Leichtsinn der Verkehrsteilnehmer, der Straßenwärter, Bauarbeiter und Autofahrer selbst in Gefahr bringt. „Einmal hat in einem Stau ein Autofahrer direkt hinter meinem Fahrzeug angehalten, ist ausgestiegen, zu Fuß über die Autobahn gelaufen, und hat mich nach dem Weg gefragt. Dem musste ich erstmal erklären, dass das gar nicht geht“, sagt Straßenwärter Sebastian Pachali.

Jeder Straßenwärter hat so eine oder so eine ähnliche Situation schon erlebt – und oft sind sie nicht lustig. „Manchmal fliegen Sachen in unsere Richtung“, sagt Pachali. „Dosen, Papier oder sonstwas. Einmal hat mich eine volle Bierflasche nur um ein paar Zentimeter verfehlt.“

Oft ist es der Frust über das schleppende Tempo, der die Autofahrer ausflippen lässt. „Die wollen eben so schnell ans Ziel kommen als gebe es keine Baustelle“, sagt Wagner, der selbst jeden Tag von Neumünster durch die Baustellen zu seiner Arbeitsstätte in Nützen im Kreis Segeberg fährt. Er akzeptiert die längere Fahrtzeit, andere offenbar nicht. Deshalb würden die Straßenwärter immer wieder beschimpft, dazu gebe es Gesten von Autofahrern, die die Männer nicht gerne nachmachen. Manchmal muss auch deren Anspannung heraus – so wie bei Holger Wagner: „Dann müsste ich eigentlich zurückbrüllen – aber ich weiß, dass ich das wohl besser lassen sollte.“

Oft genug erlebt er auch am Steuer brenzlige Situationen, wenn er etwa im Schneepflug von Autos überholt wird. Oder wenn es zu Beinahe-Unfällen kommt, wie der einer Frau, die nur wenige Zentimeter hinter seinem Fahrzeug zum Stehen kam, obwohl hunderte Meter zuvor schon ausgeschildert war, dass es nur eine Fahrspur in der Baustelle geben wird.

„Wenn es zu Staus kommt, sind die Leute besonders genervt – dabei versuchen wir ja gerade den Verkehrsfluss zu gewährleisten“, sagt Straßenwärter Gernot Schröter, der sich einmal von einem niederländischen Lastwagenfahrer anhören musste, dass „wir in Holland das alles viel schneller bauen würden“.

Zu schnell seien auch die meisten Autofahrer unterwegs, erzählen die Straßenwärter. Beim Ausbau der A7 haben die Planer darauf geachtet, dass es zwischen den einzelnen Baustellenabschnitten so genannte Beruhigungsphasen gibt, in denen auf normal breiten Fahrspuren Tempo 120 gilt. In den Abschnitten, in denen der Verkehr nur über eine Richtungsfahrbahn fließt, sind die rund 30 Zentimeter breiter als in anderen Autobahnbaustellen, dadurch sinke das Unfallrisiko, so die Planer. „Doch es verführt die Autofahrer eben auch dazu, schneller zu fahren“, sagt Gernot Schröter. Und viele Fahrer hätten ihre Autos dann nicht mehr unter Kontrolle. „Wir haben mal in einer Baustelle eine Fahrbahn verengt, weil wir eine Leitplanke reparieren mussten und das Areal mit Hütchen abgesperrt. Die flogen uns im Sekundentakt um die Ohren.“

Sechs Prozent mehr Unfälle auf der A7 seit Jahresbeginn

Die Statistik der Polizei zeigt, dass die Zahl der Unfälle auf Autobahnen in Baustellen doppelt bis achtmal so hoch ist wie auf freien Abschnitten. Allerdings sind die Unfälle meist leichter, weil die Autos nicht so schnell fahren. Die Landespolizei vergleicht die A7-Baustellen mit dem Ausbau der A1 in Niedersachsen 2009 – dort sei es zu deutlich höheren Steigerungen der Unfallzahlen gekommen, so der Sprecher des Landespolizeiamtes, Torge Stelck. Die niedrigeren Zahlen auf der A7 führt Stelck auf die breiteren Fahrspuren und die Begrenzung auf Tempo 80 zurück. Allerdings haben sich die Unfallzahlen seit Jahresbeginn im Vergleich zum Vorjahr um rund sechs Prozent von 498 auf 527 erhöht. Dabei wurden wie im Vorjahreszeitraum 121 Menschen verletzt, einer kam ums Leben.

Von den Straßenwärtern ist noch niemand verletzt worden. Damit das so bleibt, achten die Straßenwärter aufeinander, sagt Holger Wagner. Im Zweifel gehe man einen Schritt zurück. Und den Ärger können die Männer ein wenig vergessen, wenn sie etwa auf Rastplätzen von den Autofahrern gelobt werden, dass sie die A7 ausbauen oder die Parkplätze in Schuss halten. Oder so wie Timo Powenz, der bei einem Einsatz auch schon mal ein Eis geschenkt bekommen hat.

Dass es jedoch auch für ihn brenzlig werden könnte – das ist Neuling Jan-Philipp Fischer klar. „Angst habe ich nicht“, sagt er nach der Einweisung durch Holger Wagner. „Aber ich weiß, dass ich höllisch aufpassen muss.“

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erstellt am 08.Okt.2016 | 11:41 Uhr

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