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Schleswig-Holstein

04. Dezember 2016 | 15:13 Uhr

Flüchtlingsbeauftragter im Interview : Stefan Schmidt: „Niemand flieht ohne Grund“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit fünf Jahren ist der Zuwanderungsbeauftragte des Landes im Amt – ein Gespräch mit dem ehemaligen Kapitän Stefan Schmidt.

Stefan Schmidt sitzt in seinem Büro, an der einen Wand hat der Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein ein Bild aufgehängt, auf dem ein toter Flüchtling auf dem Meer schwimmt. Why? steht in großen Buchstaben darüber. Doch der 75-Jährige schaut auf ein Bild an der gegenüberliegenden Wand, das ein Freund von ihm gemalt hat. „Küste der Hoffnung“ hat Schmidt es genannt. Es könnte ein Motto für seine Arbeit sein. In diesem Monat ist der ehemalige Kapitän, der einst selbst Flüchtlinge vor dem Ertrinken rettete, genau fünf Jahre im Amt.

Herr Schmidt, Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen vor einem Jahr einmal gesagt: „Wir schaffen das“. Schaffen wir das?
Wenn wir das schaffen wollen, dann schaffen wir das. Bei der Integration von Flüchtlingen muss man so handeln wie als Kapitän auf hoher See, da muss man Ruhe bewahren.

Und wie hoch schlagen die Wellen?
Ich würde sagen, wir haben nicht mal Windstärke sechs. Das ist nicht mal Sturm.

Aber viele Menschen in diesem Land, das so viele Flüchtlinge aufgenommen hat, meinen, dass wir in stürmischen Zeiten leben, dass das Boot Bundesrepublik gar sinken könnte...
Natürlich schaut in solchen Zeiten die Mannschaft auf den Kapitän – oder in diesem Fall die Kapitänin. Die Leute an Bord werden aber nur nervös, wenn der Kapitän unsicher wird und den Kurs ändert. Und das hat die Bundeskanzlerin leider getan.

Indem sie die Asylgesetzgebung verschärft hat.
Genau. Weil ihr der Wind ins Gesicht bläst und sie nur die nächste Wahl im Blick hat. Und so hat sie das Schiff in schlechtes Fahrwasser manövriert.

Sie hat also einen Fehler gemacht?
Dazu muss sie nur mal ins Grundgesetz gucken. Politisch Verfolgte genießen Asyl steht darin. Und das ist leider nicht mehr der Fall.

Im Grundgesetz steht aber auch, dass Staaten bestimmt werden können, in denen Menschen nicht politisch verfolgt werden und daher kein Recht auf Asyl haben, es sei denn, ein Flüchtling kann das nachweisen.
Da fängt das Problem schon an – bei dem Wort „aber“. Niemand flieht ohne Grund aus seiner Heimat. Und für mich ist auch ein Fluchtgrund, wenn man für sich und seine Familie keine Perspektive in seinem Heimatland sieht. Ich habe selbst Menschen aus dem Mittelmeer gerettet, die deswegen ihr Leben riskiert haben.

Also sollten auch Wirtschaftsflüchtlinge Asyl bekommen?
Ich unterscheide nicht zwischen verschiedenen Arten von Flüchtlingen.

Die Wähler der AfD aber schon.
Das kann sein, aber das Schmalspurdenken kann ich nicht teilen.

Die Partei bekommt aber zweistellige Wahlergebnisse – das können ja nicht nur Ignoranten sein. Würden Sie denn auf einem AfD-Parteitag sprechen?
Klar, wenn man mich einladen würde.

Und was würden Sie sagen?
Ich würde jedem Anhänger nur ein paar Fragen stellen. Erstens: Welche konkreten Nachteile haben Sie durch Flüchtlinge? Zweitens: Glauben Sie, dass jemand, der die Sprache nicht gut kann, der vielleicht psychisch belastet ist, Ihnen die Arbeit wegnehmen kann? Und drittens: Was ist das dann für eine Arbeit? Und viertens: Hätten Sie mehr Arbeit und Geld, wenn keine Flüchtlinge kommen würden?

Das könnte Ärger geben...

...gut möglich, aber das bin ich gewohnt. Ich habe Menschen aus Lebensgefahr gerettet und bin dafür im Gefängnis gelandet. Auch das war im Nachhinein eine gute Erfahrung.

Wie bitte?
Als wir damals mit der Cap Anamur Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gezogen hatten, war ich für die einen der Held, für die anderen einer, der wegen Beihilfe zur illegalen Einreise in den Knast gehört. Aber ich habe meinen Kurs beibehalten.

Und deswegen sind Sie heute für andere ein Vorbild?
Kann sein, ja. Aber ich kann vor allem zeigen, dass es sich lohnt, für seine Überzeugung zu kämpfen und sich für Schwächere einzusetzen. Und so lange wir das nicht auch in den Heimatländern der Flüchtlinge tun, werden immer mehr Menschen zu uns kommen – das können wir gar nicht verhindern, auch wenn wir alle Grenzen abschotten. Wer in Not ist, findet immer einen Weg. Und diese Menschen sollten wir als Bereicherung empfinden und nicht als Bedrohung.

Haben Sie das auch in Ihrer fünfjährigen Amtszeit bei den Schleswig-Holsteinern gesehen?

Bei einem großen Teil, ja. Aber ich war trotzdem überrascht, wie gut die Menschen gerade im vergangenen Jahr die große Zahl Flüchtlinge aufgenommen haben – das habe ich als Kind anders erlebt.

Sie waren drei Jahre alt, als sie am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Stettin nach Lübeck kamen.
Ja, und da war das Wort Flüchtling ein Schimpfwort. Ich bin froh, dass das heute anders ist.

Und sie glauben nicht, dass sich das wieder ändert – dass das Boot Bundesrepublik irgendwann voll ist, wenn noch mehr Flüchtlinge kommen?
Nein, im Gegenteil. Wir brauchen jedes Jahr eine halbe Million Zuwanderer, um den demografischen Wandel aufzuhalten. Wir haben schon jetzt zu wenig Personal, um das Schiff auf Kurs zu halten.

Das bedeutet: Alle sind an Bord willkommen?
Wer sich bei uns an das Grundgesetz hält, die Ziele der Gesellschaft akzeptiert, hier arbeitet, in die Sozialkassen einzahlt und so auch von ihnen profitiert, der sollte uns willkommen sein.

Und wann ist die Integration der Flüchtlinge geschafft?

Das ist schwierig zu sagen. Sicher nicht, wenn alle Zugewanderten nur satt, sauber und versorgt sind. Auch nicht, wenn sie alle Lederhosen tragen und Bier trinken. Sondern wohl eher das, was mir viele Flüchtlinge erzählen, was sie hier von den Deutschen vermissen: dass sie mal jemand auf der Straße anlächelt.

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erstellt am 22.Okt.2016 | 14:15 Uhr

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