zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

06. Dezember 2016 | 22:58 Uhr

Vogelgrippe in SH : Stallpflicht bringt Geflügelzüchter in Not, Virus jetzt auch in MV

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Manchem Halter fehlen Ställe, die Tiere leiden. Unsere Karte zeigt, wo bereits tote Vögel gefunden wurden.

Kiel | Die Vogelgrippe in SH breitet sich aus, und die damit verbundene Stallpflicht für sämtliches Geflügel macht den Züchtern zu schaffen. Denn nur ein Teil der 12.000 Geflügelhalter mit zusammen fast fünf Millionen Hühnern, Gänsen, Enten und Puten verfügt über Ställe. Auch die von den Behörden nach Ausbruch der Geflügelpest an Wildvögeln im Kreis Plön vorgeschriebenen peniblen Hygienemaßnahmen bereiten ihnen Probleme.

Nach bisherigem Erkenntnisstand sind keine Infektionen des Menschen mit H5N8-Viren bekannt. Eine Übertragung des Erregers (H5N8) über infizierte Lebensmittel ist laut Bundesinstitut für Risikobewertung „theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich“. Welche Schutzmaßnahmen Verbraucher ergreifen sollten, lesen Sie hier.

Außerdem ist jetzt auch Mecklenburg-Vorpommern von der Vogelgrippe betroffen. Agrarminister Till Backhaus (SPD) teilte am Donnerstag in Schwerin mit, das Virus H5N8 sei bei einem toten Wildvogel auf der Ostseeinsel Riems nachgewiesen worden.

Unterdessen breitet sich die Vogelgrippe auch in Ungarn aus. In einer Geflügelfarm erkrankte eine nicht näher genannte Zahl von Enten an dem Erreger des Subtyps H5N8, wie das Agrar-Portal agroinform.com berichtete. Auch aus Baden-Württemberg, Österreich, der Schweiz und Polen wurden zuletzt Fälle von Vogelgrippe bekannt.

Die neuesten Verdachtsfälle von Vogelgrippe in SH gibt es im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Entlang der Schlei wurden am Mittwoch und auch Dienstag dem Amt Schlei-Ostsee von aufmerksamen Spaziergängern tote Enten am Götheby-Holmer Strand gemeldet. Vielen Züchtern bereitet der Ausbruch der Vogelgrippe Probleme.

Die Tiere leiden unter der Stallpflicht - Züchter erzählen

Das Geflügel von Horst Klosa befindet sich außerhalb des Sperrgebiets um die Plöner Seen. Der Hobbyzüchter aus Selent (Kreis Plön) hat trotzdem viel mehr Arbeit. Für das Geflügel, sagt er, „ist das eine wirkliche Qual. Das ist, als ob man einen Menschen, der sich sonst frei bewegen konnte, in eine kleine Gefängniszelle sperrt.“ Klosa züchtet seltene Arten wie Hühner-, Rost- und Magellangänse sowie Zwergkampfhähne. Deren Eier verschickt er europaweit, sagt er.

Die derzeit etwa 100 Tiere des 78-Jährigen würden sich normalerweise auf dem leicht verschneiten, fast 6000 Quadratmeter großen Außengelände nahe dem Selenter See tummeln. Nun sind sie auf engem Raum eingepfercht: laut schnatternd, nach Arten und Paaren getrennt, drängen sie sich in mehreren jeweils rund 20 Quadratmeter großen Ställen und einem 50 Quadratmeter großen überdachten Außenstall. Auch Sohn und Enkel sind unter die Geflügelzüchter gegangen. Sie alle hoffen, dass es bald Entwarnung gibt und die Tiere wieder raus dürfen.

Weiter westlich in Aukrug-Homfeld (Kreis Rendsburg-Eckernförde) sieht Hühnerhalterin Rebecca Radtke die Stallpflicht entspannter. Zwar hat sie sichtbar Mühe, ihre vier Hühner einzufangen. Aber: „Bei diesem Wetter sind sie ganz gern drinnen.“

„Bei diesem Wetter sind sie ganz gern drinnen“: Erst muss Rebecca Radtke aus Aukrug-Homfeld ihre Hühner aber einfangen.
„Bei diesem Wetter sind sie ganz gern drinnen“: Erst muss Rebecca Radtke aus Aukrug-Homfeld ihre Hühner aber einfangen. Foto: dpa
 

Lorenz Eskildsen aus Gudendorf (Kreis Dithmarschen) an der Westküste hat andere Sorgen. Der Gänsezüchter gilt mit seiner Marke „Dithmarscher Gans“ als einer der großen Produzenten in Deutschland. In diesem Jahr schlüpften in seinem Betrieb 187.000 Gänseküken. „Wir hoffen, dass wir den Großteil der Tiere irgendwie unterkriegen“, sagt Betriebsleiterin Sonia Paul. „Wir sind gerade dabei, das zu organisieren und koordinieren.“ Ein großer Teil der Gänse sei bei Vertragsbauern aufgezogen worden. „Die haben alle Aufzuchthallen.“ Problematisch wird es bei den Masttieren. Für Gänse ohne einen Stallplatz will der Betrieb möglicherweise eine Sondergenehmigung beantragen, damit sie draußen bleiben können. „Wir müssen hoffen, dass nichts passiert“, sagt Paul. Gut für den Betrieb ist, dass wegen ohnehin geplanter Schlachttermine keine allzu langen Zeiten überbrückt werden müssen: „Eventuell werden einige Schlachttermine vorgezogen“, sagt die Betriebsleiterin.

Weiter nördlich, nahe der dänischen Grenze, gibt sich Gänsezüchter Jürgen-Balzer Klingenhoff gelassen. Der Stallpflicht kann sein Betrieb in Husby (Kreis Schleswig-Flensburg) gar nicht nachkommen. Er hat für seine 12.000 Gänse schlicht keine Ställe. Er hofft auf eine Sondergenehmigung. Seine Tiere weiter im Freien laufen zu lassen, empfindet er nicht als gefährlich. Sie seien ja eingezäunt. „Wir liegen nicht an einem Gewässer, daher kommen unsere Tiere nicht mit Vogelflug in Kontakt“, sagt der Züchter. Dreimal täglich kontrollieren seine Mitarbeiter die Gänse. Um einen Ausbruch der Krankheit frühzeitig entdecken zu können, hält er nahe den Gänsekoppeln jeweils auch ein paar Hühner. „Falls etwas sein sollte, tritt es bei ihnen zuerst auf. Man muss in solchen Situationen gelassen sein“, sagt Klingenhoff.

Um seine Tiere zu schützen, muss auch Geflügelhalter Jürgen Schröder vom Hühnerhof Wittensee in Klein Wittensee (Kreis Rendsburg-Eckernförde) seine Hennen im Stall behalten. „Genau die richtige Entscheidung“, sagte er. Ansonsten könne ein „Flächenbrand“ ausgelöst werden. Denn die Gefahr, dass seine knapp 30.000 Hennen auf der sechs bis sieben Hektar großen Auslauffläche in Kontakt mit infizierten Vögeln geraten, sei natürlich groß. Zum einen könnten herunterfallende Vögel den Virus übertragen, aber auch Greifvögel, die sich jedes Jahr einige hundert Hennen aus Schröders Bestand holen, könnten Überträger sein. Große finanzielle Verluste müssen Jürgen Schröder und seine Frau Bettina Badberg-Schröder nicht befürchten. Aufgrund der behördlichen Anordnung, die Tiere nicht mehr aus dem Stall zu lassen, können die Eier auch weiterhin als Eier aus Freilandhaltung angeboten werden. 

Auch für die Tiere bedeutet der „Stubenarrest“ gerade in dieser Zeit keinen großen Komfortverlust, betonte Schröder. „Die Tage sind kurz, gegen 17 Uhr müssten sie sowieso wieder in den Stall“, erklärte er. Würde die Stallpflicht im Sommer greifen, würde die Freiheit der Hennen deutlich mehr eingeschränkt werden. Außerdem dürften die Tiere in den Wintergarten-Auslauf mit einer großen Scharrfläche. Hier würde die Hennen zwar viel Außenlicht sowie eine frische Brise erreichen, aber eben keine tödlichen Keime.

Alle paar Stunden sei ein Tierarzt vor Ort, die Schlachterei sei nicht weit von seinem Hof entfernt. Der Schlachtbetrieb geht deshalb weiter – trotz Geflügelpest im Norden. Am Freitag ist St. Martin, viele essen dann traditionell Gans.

Auf unserer Karte sehen Sie, wo bereits tote Tiere gefunden wurden:

Habeck bittet nationales Referenzzentrum beim Friedrich-Löffler-Institut um Unterstützung

Angesichts der dramatisch steigenden Zahl von Totfunden  – exakte Daten gibt es wegen aktueller Überlastung  der Kreisbehörden und des Ministeriums nicht – hat Umweltminister Robert Habeck (Grüne) das nationale Referenzzentrum beim Friedrich-Löffler-Institut um Unterstützung gebeten. Eine Seuchenexpertin wird nach Schleswig-Holstein kommen, um vor Ort Proben zu nehmen und die Ursache für den Epidemie-Ausbruch zu erkunden. „Alle arbeiten unter Hochdruck, um die Sperrbezirke einzurichten und das Aufstallungsgebot umzusetzen“, sagte Habeck.

<p>Entlang des Holmer Strandes hat René Hachulla gestern drei tote Enten eingesammelt, am Dienstag waren es vier Kadaver.</p>

Entlang des Holmer Strandes hat René Hachulla gestern drei tote Enten eingesammelt, am Dienstag waren es vier Kadaver.

Foto: Achim Messerschmidt

Das  Ministerium appellierte an Jäger in den betroffenen Gebieten, keine Wasservögel zu jagen. Werden die Tiere durch Schüsse aufgescheucht, breitet sich N5H8 womöglich noch schneller aus. Auch Hunde und Katzen dürfen nicht frei herumlaufen, teilt der Kreis Segeberg mit.  

Keine gute Nachricht kommt vom Friedrich-Löffler-Institut: „Es gibt Anhaltspunkte für eine Veränderung des Virus“, heißt es dort. Bisher seien zwar keine Fälle von Infektionen beim Menschen gemeldet. „Verlässliche Aussagen zur Virulenz des Erregers für den Menschen sind derzeit noch nicht möglich, da sich das Virus verändert haben könnte“.

Ab Donnerstag, 10 Uhr, wird eine Hotline für alle Schleswig-Holsteiner freigeschaltet (0431-160 6666). Zusätzlich gibt es ein Bürgertelefon im Kreis Plön (04522-74387) und im Kreis Segeberg (04551-951 211) jeweils zwischen 9 und 17 Uhr.

zur Startseite

von
erstellt am 10.Nov.2016 | 09:53 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen