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Schleswig-Holstein

02. Dezember 2016 | 21:11 Uhr

Landesparteitag in Kiel : SPD in SH: „Links, dickschädelig und frei“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einen Parteitag mitreißen - das war früher nicht unbedingt Ralf Stegners Stärke. Im Saal „Tornado“ umwirbt er die SPD.

Ralf Stegner erzählt eine Geschichte. Die Geschichte einer Tochter, die ihren Vater, mitnimmt zu einer Veranstaltung mit dem schleswig-holsteinischen SPD-Vorsitzenden. „Der Mann ist selbstständiger Tischler und hat noch nie SPD gewählt. Er hat mir erzählt, dass er immer korrekt Steuern gezahlt habe, aber dass die Kita-Beiträge für seinen Enkel für ihn zu hoch seien, und dass er seine alleinerziehende Tochter finanziell unterstützen muss, damit sie über die Runden kommt“, sagt Stegner leise. Der Mann habe gemeint, dass sei nicht gerecht. „Und“, sagt Stegner lauter, „der Mann hat Recht.“

Um die Unterstützung solcher Menschen gelte es zu kämpfen, ruft Stegner in den Saal „Tornado“ des Casinos der Stadtwerke Kiel. Denn es ist schließlich SPD-Parteitag, und da muss ein Vorsitzender seine Organisation mitreißen – trotz schlechter Umfragewerte im Bund.

Das Mitreißen war in der Vergangenheit nicht immer Stegners Stärke, doch an diesem Tag gelingt es ihm, den Nerv der 214 Delegierten zu treffen. „Ich wünsche mir ein bisschen weniger sozialdemokratischen Minderwertigkeitskomplex und ein bisschen mehr Selbstbewusstsein“, ruft er. Denn das ist der Sinn dieses außerordentlichen Parteitages, an dem es keine Wahlen gibt und am Ende ein Leitantrag mit dem allgemeinen Titel „Mehr Gerechtigkeit wagen“ mit großer Mehrheit verabschiedet wird. Ein Jahr vor der Landtagswahl soll die SPD-Basis mobilisiert werden, die Genossen sollen das Gefühl bekommen, dass die Parteiführung sie ernst nimmt. Und dass jeder Ortsverein einen Spiegelstrich in ein Programm schreiben kann, das später kaum ein Wähler lesen wird. Aber für den Kampfgeist einer Partei sind solche Veranstaltungen imminent wichtig.

Stegner tut alles, um die Genossen zu umwerben im Saal „Tornado“, in dem sogar die Fensterrahmen, die Lampen und die Vorhänge rot sind. Er habe den festen Glauben, dass die SPD in Schleswig-Holstein 30 Prozent und mehr erreichen und stärkste Kraft werden könne. In Anlehnung an den ersten Teil der Autobiografie Willy Brandts nennt er die Partei „links, dickschädelig und frei“. Er zitiert in seiner Rede die Antipoden der Sozialdemokratie der 70er Jahre, Erhard Eppler und Helmut Schmidt. Er will alle Genossen mitnehmen; Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis bekommt schnell einen Blumenstrauß, später referiert ihr Vorgänger Björn Engholm über die Bedeutung von Egon Bahr und Helmut Schmidt für die SPD im Norden. Mehr Tradition geht kaum. Zu Beginn des Parteitages hat eine Sängerin ein Lied über Solidarität präsentiert, das für Außenstehende vielleicht etwas unmodern wirkt, aber alle Genossen im Saal stehen auf – genauso wie nach Stegners dreiviertelstündiger Rede, die sie rhythmisch beklatschen. „So stark habe ich ihn lange nicht mehr erlebt“, raunt ein Delegierter.

 

In der Aussprache darf die Parteibasis auch mal motzen, aber die Kritik richtet sich mehr gegen die Bundespartei. Ein Delegierte freut sich öffentlich, dass „der Ralf“ in Schleswig-Holstein bleibt.

Inhaltlich gibt es nicht viel Neues, wie das eben ist, wenn sich eine Partei auf ihre Grundwerte verständigt und ihr soziales Profil schärfen will. „Wir kämpfen für unsere Ziele, nicht für den Wasserstand der Umfragen“, sagt Stegner. Ob das erfolgreich ist, bleibt offen.

Aber da gibt es ja noch den Tischler, den Ralf Stegner getroffen hat. Der habe zuerst nur den „Talkshow-Wüterich“ treffen wollen, sagt der Parteichef. Am Ende hätten ihn aber Stegners Worte über Gerechtigkeit zum Nachdenken gebracht. Stegner: „Er überlegt jetzt zum ersten Mal, SPD zu wählen.“ Genau: Er überlegt.

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erstellt am 23.Apr.2016 | 14:49 Uhr

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