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Schleswig-Holstein

01. Juli 2016 | 02:58 Uhr

Flüchtlinge aus Afghanistan : So lebt sich Familie Faizi auf Hallig Hooge ein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Eltern und ihre vier Kinder flohen vor den Taliban-Milizen aus ihrer Heimat Afghanistan – und wohnen seit Dezember auf Hallig Hooge.

Irgendwann mittags klopft es etwas zaghaft an der Tür zum Gemeindebüro. Der dreijährige Mohmed schiebt sich lächelnd herein, in seinen Händen einen Teller voller exotisch duftender, warmer Brottaschen. Ein kulinarischer Gruß von den neuen afghanischen Nachbarn – allgemeine Freude bei den Mitarbeitern. Ebenso ungewöhnliche wie leckere Speisen dürfen sie seit einigen Wochen immer mal wieder kosten.

Die nordfriesische Hallig-Gemeinde mit 100 Einwohnern hatte dem Kreis angeboten, sich an der Aufnahme von Flüchtlingen zu beteiligen. Doch trotz aller Vorbereitungen und großer Hilfsbereitschaft vieler Halligleute stellt die Integration der sechsköpfigen Familie beide Seiten vor einige Herausforderungen.

Es ist ein Ausschnitt, der zum Gesamtbild passt. Denn auf Neudeutsch könnte man sagen: Es läuft zwischen den Halligbewohnern und der sechsköpfigen Familie Faizi. Vater Mirraig (34), seine Frau Shaira* (30), die drei Töchter Hatr (8), Ilah (7), Ilham (5) und der kleine Mohmed leben nach ihrer Flucht aus Afghanistan seit vergangenem Dezember auf der zweitgrößten Hallig mitten im nordfriesischen Wattenmeer.

Doch es war nicht von Beginn an alles gut – ganz im Gegenteil: „Die Situation entwickelte sich ein paar Tage nach der Ankunft für uns alle erst einmal über mehrere Wochen sehr problematisch“, bekennt Hooges Bürgermeister Matthias Piepgras zurückblickend. „Beide Seiten hatten sich ein Bild von der jeweils anderen gemacht und damit den Blick auf die Realität versperrt.“ Man habe als Gemeinde vor der Ankunft der Familie alles organisiert, von der großen Wohnung im Obergeschoss der Gemeindeverwaltung und deren liebevoller Möblierung bis hin zum Schul- und Kinderhortbesuch der vier Kinder. Es habe außerdem sehr viele weitere Hilfsangebote jeglicher Art von Seiten der Halligbewohner gegeben. „Aber die Familie hat nach ihrer Ankunft zunächst einmal vieles abgelehnt und der Vater hat darüber hinaus ganz klar geäußert, dass er von hier wieder weg will. Da war die Enttäuschung bei allen Helfern und auch bei mir natürlich groß.“

Er habe sich selbst und den anderen dann gesagt, man müsse diese Menschen einfach erst einmal auf der Hallig ankommen lassen, so Piepgras. In der Folge gab es immer wieder Gespräche unter Einbezug von Dolmetschern, um mehr Einblicke in die Lebenssituation der neuen Mitbürger zu bekommen. „Und im Nachhinein ergibt die erste ablehnende Reaktion für mich ja auch einen Sinn. Die Faizis haben in ihrer Heimat gezwungenermaßen alles aufgegeben und Deutschland in ihrer Vorstellung sicher eher mit urbaneren Strukturen in Verbindung gebracht – um nach vielen Wochen halsbrecherischer Flucht letztlich hier zu landen. Das kann doch jeder verstehen.“

Mirraig Faizi (r.) arbeitet ehrenamtlich in der Gemeinde mit – hier hilft er Hafenmeister Thorsten Junker beim Transport einer Bank zum Hafen.

Mirraig Faizi (r.) arbeitet ehrenamtlich in der Gemeinde mit – hier hilft er Hafenmeister Thorsten Junker beim Transport einer Bank zum Hafen.

Foto: Wasmund
 

Trotzdem schritt die Annäherung zwischen den Hoogern und den Faizis langsam voran. Schon bald verdoppelten die zwei jüngsten Kinder die Gruppe im Hallig-Kindergarten auf der benachbarten Warft, die beiden älteren besuchen dort zusammen mit fünf anderen Kindern die Schule, Mirraig Faizi hilft in der Gemeinde bei anfallenden handwerklichen Arbeiten mit. Während ihrer ersten Festlandbesuche in Husum und Kiel gewannen die Faizis zudem einen Eindruck von anderen Formen der Flüchtlingsunterbringung im Norden. „Sie haben dann schon sehr schnell verstanden, dass es ihnen hier gar nicht mal so schlecht geht, und wie ruhig es hier ist – auch für die Kinder“, sagt Piepgras. Durch viel Kommunikation und mit viel Humor habe man die anfänglich schlechte Stimmung schließlich drehen können. „Heute ist die Situation gut, die Familie Faizi ist hier angekommen.“

Ein Termin im Bürgermeisterbüro. Beim Gespräch mit Mirraig Faizi ist eine Dolmetscherin aus Hamburg telefonisch zugeschaltet, eine Landsmännin. Niemand hier spricht seine Heimatsprache Farsi, er selbst kein Englisch und bislang nur wenige Brocken Deutsch. „Wir sind sehr glücklich und sehr zufrieden mit unserer Situation hier, auch wenn wir uns das Leben auf einer Hallig nicht ausgesucht haben“, übersetzt die Dolmetscherin für Mirraig Faizi. Er freue sich, dass die Menschen seine Kultur und Lebensweise respektieren und akzeptieren. Dazu gehört unter anderem, dass traditionell zwar Männer Männern und Frauen Frauen zur Begrüßung die Hand geben – aber Männer und Frauen sich dabei nicht berühren. „Der liebe Gott hat uns ein neues Leben geschenkt. Wir haben uns vorgenommen, es als ein ruhiges Leben zu führen“, sagt Mirraig Faizi.

In seiner Heimat, der südlich von Kabul gelegenen Provinz Lugar, hat er als Taxifahrer gearbeitet. Doch die Gegend ist bekannt als eine Hochburg der islamistischen Taliban-Milizen, der Alltag dort ist lebensgefährlich. Die älteren Töchter der Faizis durften nicht zur Schule gehen, seine Frau sich kaum im öffentlichen Raum bewegen, es gab keine Perspektive für die Familie. „Wir haben alles an Hab und Gut und das Taxi verkauft, mein Schwager hat uns dazu noch Geld geliehen“, sagt Mirraig Faizi. Betroffene Stille herrscht im Raum, als die Dolmetscherin Details über die von Schleusern und Schleppern organisierte gut sechswöchige Flucht nach Europa übersetzt. Der Weg führte ihn, seine Frau und die vier Kinder per Auto über die Berge in den Iran und von dessen Hauptstadt Teheran zur türkischen Küste. Von dort aus ging es über den Seeweg weiter nach Griechenland – eingepfercht in einem viel zu kleinen Schlauchboot mit rund 50 anderen Flüchtenden.

„Es gab drei Versuche, jedes Mal habe ich gedacht, wir werden sterben. Ich habe gebetet, dass wir heil ankommen“, berichtet Mirraig Faizi. Das erste Boot schlug bereits kurz nach der Abfahrt leck und musste umkehren, bei einem zweiten Versuch streikte der Bootsmotor. Erst der dritte Anlauf gelang. „Die Passagiere wurden von den Schleppern teilweise mit Waffengewalt an Bord gezwungen“, berichtet Mirraig Faizi. Er habe nie gedacht, dass die Flucht so gefährlich und anstrengend werden würde. „Die Schlepper erzählen den Leuten Märchen, versuchen sie zu überreden, sagen, es würde 6000 Euro pro Person und die Hälfte für ein Kind kosten.“ Bezahlen mussten die Faizis letztlich viel mehr – an Geld und mit ihren Nerven. In der Familie werde oft über die Flucht gesprochen. „Meine Töchter erwähnen das immer wieder. Sie sagen: Papa, weißt du noch, wie wir über das Meer gefahren sind? Wenn wir am Strand stehen, dann sagen sie, das Wasser ist hier wie bei der Flucht.“

Seine eigene Zukunft in Deutschland sieht Mirraig Faizi nüchtern. „Ich bin Arbeiter und ohne Ausbildung, ich habe wahrscheinlich keine großen Möglichkeiten. Ich werde sehen, was ich machen kann und hoffe, dass ich einen Job finde.“ Sein größter Wunsch ist, das seine Kinder etwas aus sich machen können, etwas studieren, egal welche Richtung. „Und ich wünsche mir, dass sie alle Menschen zu schätzen wissen, egal welche Nationalität, welche Kultur und Religion, dass sie die Menschen einfach als Menschen akzeptieren.“

Nase, Nudel, Nuss – Shaira* und Mirraig Faizi bekommen täglich Deutschunterricht von Judith Arlt.

Nase, Nudel, Nuss – Shaira* und Mirraig Faizi bekommen täglich Deutschunterricht von Judith Arlt. 

Foto: Wasmund

Jeden Morgen, während die Kinder aus dem Haus sind, bringt Judith Arlt den Eltern Deutsch bei. Gegen 8.15 Uhr gibt es an der Tür der Faizis ein kleines Ritual: „Shaira, wie geht es dir? Mirraig, wie geht es dir?“, fragt sie dann. „Mir geht es gut“, kommt die Antwort von beiden. Die 58-Jährige ist fast zeitgleich mit der Flüchtlingsfamilie auf Hooge angekommen, wo sie für ein Jahr für die Gemeinde als Halligschreiberin tätig ist. „Als einige Wochen vor meiner Ankunft klar war, dass die Familie Faizi kommt, habe ich sofort angeboten, dass ich ihnen Sprachunterricht geben könnte“, erzählt die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin, die unter anderem als Dozentin an Universitäten gearbeitet hat. Dieser Unterricht sei für sie jedoch absolutes Neuland. „Es hat mich neben der Möglichkeit zu helfen einfach motiviert, auf diese Art mit der Sprache zu arbeiten, zu sehen, wie sie von Grund auf gelernt wird.“

Tipps zum Aufbau des Unterrichts hat sich Judith Arlt bei einer Bekannten von der Volkshochschule in Meldorf geholt. Ende Januar habe sich die allgemeine Lebenslage der Familie dann soweit beruhigt, dass man mit dem Lernen beginnen konnte. „Ich mache mit den beiden jetzt jeden Tag zwei Lektionen. Wir lachen sehr viel, es ist amüsant und erfreulich. Sie sind sehr motiviert und engagiert“, sagt sie. „Ich hatte den Eindruck, da sind die richtig aufgeblüht, die waren so begeistert.“

Seit Dezember auf auf Hallig Hooge (v.l.): Hatr, Shaira, Ilah, Ilham, Mirraig und Mohmed Faizi aus Afghanistan.

Seit Dezember auf auf Hallig Hooge (v.l.): Hatr, Shaira, Ilah, Ilham, Mirraig und Mohmed Faizi aus Afghanistan.

Foto: Wasmund
 

Shaira Faizi war in ihrem ganzen Leben noch nie in einer Schule, für sie waren Worte bislang nur Buchstaben, die man aneinanderreiht. Mirraig Faizi hat eher eine Vorstellung davon, was ein Wort ist, was Buchstaben bedeuten. „Er kann seinen Namen und ein bisschen Persisch schreiben und einfachere Worte erkennen. Er versteht schon viel Deutsch, aber er kann nicht viel sagen. Shaira hört dafür besser und ist deshalb besser beim Nachsprechen. Aber so gravierend sind die Unterschiede zwischen den beiden nicht“, so Arlt.

Einfachste Sätze und Begriffe funktionieren bereits, und das norddeutsche „Moin“ kommt beiden bereits sehr gelassen über die Lippen. Ansonsten werden fleißig die Buchstaben des Alphabets und neue Wörter gelernt: Ananas, Apfel, Ampel. Nase, Nudel, Nuss. Ente, Erdbeere, Essen. Und Hausaufgaben gibt es natürlich dazu. Bis sie sich grob verständigen können, werde es vermutlich ein Jahr dauern, glaubt Judith Arlt. „Durch die Kontakte zu den Menschen hier lernen die Faizis ja aber von verschiedenen Seiten. Und die Kinder bringen das Deutsch ja auch mit nach Hause. Bei denen geht es irgendwann sehr schnell, die Älteste versteht eigentlich alles, die übersetzt schon für Mama und Papa.“

Das Engagement der Inselschreiberin geht noch weit über das Unterrichten hinaus. Sie hat mittlerweile ein vertrautes Verhältnis zur Familie, bespricht auch mal Persönliches mit den Eltern oder kümmert sich um die Kinder. „Irgendwann hat die älteste Tochter Hatr mich gebeten, mit ihr einen Spaziergang auf dem Deich zu machen. Dann hat sie mir viel von ihrer Flucht über das Meer erzählt, sie war fröhlich dabei. Um das Material des Schlauchbootes zu erklären, hat sie mich immer wieder an meiner Jacke gezupft. Ich habe einen Augenblick gebraucht, bis ich das begriff.“

Auch Mirraig Faizi habe ein großes Mitteilungsbedürfnis. Er habe ihr etwa mit Handbewegungen gezeigt, dass in Afghanistan Shaira als Frau unter ihm stand, während in Deutschland Frauen und Männer gleichberechtigt sind. „Seine Ansicht dazu hat mich erstaunt, er ist dem gegenüber aufgeschlossen und sie genießt das auch, es ist ihr sehr bewusst. Sie hat mir mal gezeigt, wie sich die Frauen in ihrer Heimat mit starrem Blick auf den Boden in der Öffentlichkeit bewegen müssen. Hier muss sie das nicht.“ Jeden Dienstagabend singt Shaira Faizi für zwei Stunden im Kirchenchor. „Ich hole sie immer ab, Mirraig kümmert sich dann ganz selbstverständlich um die Kinder. Keine Diskussion, Shaira geht zum Chor.“ Sie höre zwar meistens nur zu, habe beim Amen aber auch schon einmal mitgesungen. „Shaira will weiter mitkommen, und irgendwann wird sie die Lieder vielleicht nachsingen können. Sie hat hier insgesamt schon viel für sich gewonnen.“

Hooge von oben. PA/arco images
Hooge von oben. PA/arco images
 

Mirraig Faizis Familie ist in der ganzen Welt verstreut. Er hat Verwandte in den USA, in Kanada und England. Vor Ostern kommen seine Eltern zu Besuch nach Hooge, sie leben seit ihrer Flucht in Norddeutschland. Gemeinsam will man dann nach Kiel fahren, wo ein Bruder von Mirraig Faizi lebt.

Über die Frage nach der Zukunft der Familie Faizi auf der Hallig zerbricht sich Bürgermeister Matthias Piepgras derzeit nicht den Kopf. „Wir müssen Geduld haben, dieser Prozess braucht Zeit. Aber die Situation ist Normalität geworden, ich stelle sie immer als Familie Faizi vor, neue Bürger von Hooge. Und sie bringen sich positiv ein.“

Das nächste sei die Sprache. Einen Asylantrag haben die Faizis noch nicht gestellt, eine Duldung würden sie aber bekommen, glaubt er. Piepgras will die Entwicklung auf sich zukommen lassen. „Wenn sie sagen, sie wollen auf Hooge bleiben, dann kann er vielleicht irgendwann als Hilfsarbeiter, Helfer oder Außendienstarbeiter bei der Gemeinde tätig werden. Wir müssen einfach mal schauen, was wie zusammenpasst. Vielleicht wollen sie auch wieder weg, dann haben wir ihnen alles gegeben, was wir geben konnten. Die müssen ja glücklich werden in dieser Welt. Wir können es nur so gut machen, wie es eben geht.“

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erstellt am 20.Mär.2016 | 12:51 Uhr

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