zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 12:51 Uhr

Ahrensburg, Grosshansdorf, Reinfeld : Schreie im Morgengrauen - SH nach Razzien unter Schock

vom

An drei beschaulichen Orten in SH werden drei Syrer als Terrorverdächtige festgenommen. Wie können sie erkannt werden?

Ahrensburg | Der 26-Jährige hat eifrig Deutsch gelernt und als Flüchtling in Ahrensburg bei Hamburg völlig unauffällig gelebt. Am Dienstagmorgen wird der Syrer Mohamed A. in der wohlhabenden Kleinstadt vor den Toren Hamburgs als Terrorverdächtiger festgenommen, ebenso wie zwei Landsleute im Nachbarort Großhansdorf und in Reinfeld nahe Lübeck.

Im Morgengrauen schlagen 200 Kräfte von Bundespolizei, Bundeskriminalamt und mehreren Landespolizeien zu. Einige Stunden dauert der Einsatz, von dem der Kieler Innenminister Stefan Studt kurz vor 4 Uhr erfährt. Nach und nach machen sich die ersten Bewohner auf den Weg zur Arbeit. Familien bereiten ihre Kinder auf die Schule vor. Monatelange Ermittlungen waren vorausgegangen. (Den aktuellen Stand zu den Ermittlungen können Sie hier nachlesen.)

Ein paar Wochen nach den Gewalttaten in Bayern und Baden-Württemberg hat die Terrorangst in spätsommerlichen Kleinstadt-Idyllen hautnah auch den hohen Norden erreicht. Zumal sich eine größere Dimension auftut: Die festgenommenen Syrer hatten laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nach bisherigen Ermittlungen einen Bezug zu den Attentaten in Paris im November 2015. Innenminister Stefan Studt (SPD) betont mit Blick auf die Ereignisse in Schleswig-Holstein beruhigend: „Tatsächlich hat sich nichts ereignet.“

Auch in Ahrensburg zeigen sich die Menschen betroffen - auch der Bürgermeister. „Ich wurde heute Morgen informiert und hatte keine Ahnung, dass die Vorbereitungen offenbar schon einige Monate lang liefen“, sagt Michael Sarach (SPD). Seinen Angaben zufolge wurde bei der Razzia am frühen Dienstagmorgen ein Terrorverdächtiger in einer von der Stadt angemieteten Wohnung festgenommen.

In diesem Gebäude in Ahrensburg sind Flüchtlinge untergebracht.
In diesem Gebäude in Ahrensburg sind Flüchtlinge untergebracht. Foto: dpa
 

Man könne nie ausschließen, dass Menschen mit „weniger edlen Motiven“ nach Deutschland kämen, erklärt Sarach. „Besonders schwerwiegend ist aber, dass es bei diesem Mann keine Auffälligkeiten gegeben hat, er war sozusagen ein Vorzeige-Flüchtling.“ Dem Bürgermeister ist es nach eigenen Angaben wichtig, dass aus diesem Einzelfall nun kein Generalverdacht in Ahrensburg entsteht. In Ahrensburg lebten derzeit rund 400 Flüchtlinge.

Der Mann habe offenkundig alle Anstrengungen unternommen, um in die Gesellschaft hinzukommen, sagt Sarach der NDR 1 Welle Nord. „Vielleicht ist auch das eine Strategie.“ Nicht nur Sarach stellt sich die Frage, wie mutmaßliche Terroristen rechtzeitig erkannt und durchschaut werden können. „Was ist wahr und was ist nicht wahr, was ist Wirklichkeit und was ist nicht Wirklichkeit“, sagt er dem Sender.

Der Bürgermeister von Reinfeld, Heiko Gerstmann (SPD), zeigt sich nach der Terror-Razzia in der 9000-Einwohner-Gemeinde ebenfalls verstört. „Natürlich sind wir verschreckt, dass so etwas in unserem Ort passiert“, sagte er. Bisher sei nur Positives über die Asylbewerber zu berichten gewesen. „Aber natürlich sind auch diese Menschen ein Abbild der Gesellschaft und darunter gibt es eben Personen mit einem verschrobenen Weltbild“, so Gerstmann.

Ein Reinfelder Feuerwehrmann macht sich Sorgen um politische Folgen: „Ich habe Angst, dass das politische Klima noch dunkelbrauner wird“, sagt er. Bisher gebe es in der Stadt im Hinblick auf die Flüchtlinge eine gute Stimmung, berichtet der Sprecher der Initiative Asyl in Reinfeld, Albrecht Werner. Für den Polizeieinsatz gegen den Terrorverdächtigen hätten auch die im gleichen Haus untergebrachten Flüchtlinge Verständnis gezeigt, sagt er der TV-Nachrichtenagentur Telenewsnetwork.

Überrascht von der Anti-Terror-Razzia ist auch der Bürgermeister der 9000-Einwohner-Gemeinde Großhansdorf, Janhinnerk Voß (parteilos). Auch der hier Festgenommene galt nach Angaben einer Sprecherin einer örtlichen Hilfsorganisation als Vorzeigeflüchtling.

Anwohner Thorsten Saemisch erlebte den Einsatz mit - er wurde vom Schrei einer Frau aus dem Schlaf gerissen. Im Video schildert er seine Erlebnisse:

zur Startseite

von
erstellt am 13.Sep.2016 | 17:44 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen