zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

04. Dezember 2016 | 21:18 Uhr

Millionenjacht von Andrej Melnitschenko : „Sailing Yacht A“ in Kiel: Was auf den Probefahrten passiert

vom

Immer wieder wird die Millionenjacht für Probefahrten ausgedockt. Warum? Antwort gibt ein Schiffsexperte.

Kiel | Lag die „Sailing Yacht A“ seit Baubeginn vor vier Jahren vor allem im Dock der Kieler Werft German Naval Yards, fährt sie seit September regelmäßig zu Probefahrten auf die Kieler Förde. Erst vergangenes Wochenende wurden erstmals ihre Segel vor Strande getestet

Alles deutet darauf hin, dass die Arbeiten auf dem Schiff in den letzten Zügen liegen und die ersten Abnahmen an Bord stattfinden. Wann die Segelyacht an ihren Eigner, den russischen Milliardär Andrej Melnitschenko, übergeben wird, ist nicht bekannt. Auch gibt die Werft keine Auskunft darüber, was auf den Probefahrten geprüft wird. Etwas Licht ins Dunkel kann Prof. Dr.-Ing. Holger Watter, Schiffsexperte der Hochschule Flensburg, bringen. shz.de hat mit ihm gesprochen.

Herr Watter, seit einigen Wochen berichten wir darüber, dass die „Sailing Yacht A“ für Probefahrten auf der Kieler Förde unterwegs ist. Was wird an Bord getestet?

Ein Schiff ist ein Unikat. Die Werft steht vor der Herausforderung, dieses zu konstruieren, ohne es vorher ausprobieren zu können. Es wird alles im Vorfeld berechnet. Die Hoffnung ist, dass das Schiff beim Stapellauf schwimmt und nicht zusammenbricht. Sehr viel Denkarbeit fließt in diese Berechnungen. Werften bewältigen echte Ingenieursaufgaben. Der Konstruktionsprozess ist eine intellektuell höchstanspruchsvolle Aufgabe. Am Ende muss überprüft werden, ob auch alles funktioniert, wie es berechnet wurde. Das ist Teil der Probefahrten.

Wie muss man sich so eine Probefahrt genau vorstellen?

Wenn Sie sich die Spezifikationen eines Schiffes anschauen, dann sind das fünf bis zehn Ordner mit lauter Einzelaufträgen wie dem Einbau der Seewasserkühlpumpe oder der Klimaanlage. Bei der Werftprobefahrt wird das alles einzeln abgenommen vom Eigner. Die Werft bemüht sich natürlich tunlichst, dass am Tag der Abnahme alles problemlos funktioniert. Auf den Abnahmefahrten im Vorfeld wird möglichst viel davon abgearbeitet, weil man bei der Werftprobefahrt gar nicht alle Leute mit an Bord nehmen kann. Deshalb fährt die „Sailing Yacht A“ auch so häufig raus.

Wie viele Probefahrten werden für ein Schiff wie dieses etwa nötig sein?

Das zu schätzen ist sehr schwierig und hängt von den Details des Projekts ab. Der Auftraggeber macht den Unterschied. Hat der Eigner ein Tonstudio, Mini-U-Boot oder aufklappbare Terrassen in Auftrag gegeben, erfordert das alles eine spezielle Abnahme.

Und wie sieht so eine Abnahme durch den Eigner aus?

Am Tag der Schiffsabnahme kriegen sie auf dem Schiff keinen freien Kojenplatz mehr, weil alle Gewerke mitfahren. Vom Motorenhersteller über die Zulieferer von Lüftungs- und Klimaanlagen bis hin zu den eigenen Werftmitarbeitern. Je nach Schiffgröße können das über hundert Personen sein. Am Ende der Werftprobefahrt gibt es in der Regel Restpunkte, weil irgendwas nicht funktioniert hat - das ist ganz normal und lässt sich nicht vermeiden. Diese Restpunkteliste ist meist recht lang. Das können noch mal bis zu drei Ordner sein.

Auch bei einer Millionenjacht wie der „Sailing Yacht A“?

Bei einem Milliardär als Auftraggeber wird man sich äußerste Mühe geben, dass die Restpunkte nahe null gehen. Bei so einem Eigner muss alles klappen. Das fängt schon mit dem Farbanstrich an. Der Aufwand an Kontrolle und sauberer Arbeit ist hier deutlich höher als bei jedem anderen Schiff. Dabei geht es auch und vor allem um die Reputation.

Wie meinen Sie das?

Deutschland ist Weltmarktführer bei Megajachten und hat den Ruf, dass hier konstruierte Schiffe auch einwandfrei funktionieren. Dieses Versprechen gilt es einzuhalten. Die Werftprobefahrt ist für den Betrieb hinterher auch immer eine Referenz - was ging schief, was lief gut? Es ist eine Bestandsaufnahme davon, wie der wirkliche Betrieb des Schiffes läuft. Erst am Ende kann die Werft mit Gewissheit sagen, ob die Berechnungen stimmten.

Welche Rolle spielen die automatischen Segel?

Segel zu automatisieren, ist gar nicht die Herausforderung. Das geht bereits bei kleineren Jachten, die man sich privat kaufen kann. Es ist nur eine Frage des Geldes und kein technisches Problem. Der Eigner hat hier ein großes Schiff mit großen Masten und Segeln in Auftrag gegeben. Da ist es die technische Herausforderung, dies entsprechend hochzuskalieren.

Gibt es auch rechtliche Aspekte, denen bei den Probefahrten Rechnung getragen werden muss?

Es wird in dem Moment rechtlich, wenn das Schiff übergeben wird. Da geht es schon um die Bezahlung der Rechung. Hinzu kommen der rechtliche Rahmen mit den sogenannten IMO-Vorschriften (International Maritime Organization). Die betreffen unter anderem die Einhaltung von Abgas- oder Abwasserwerten. Man geht davon aus, dass dieser Rechtsrahmen bei so einem Schiff eingehalten wird. Aber auch das ist Teil der Werftabnahmefahrt. Hinzu kommen Sonderfälle, die sich aus dem Fahrgebieten ergeben. Wenn ein Eigner mit seinem Schiff ins Nordpolarmeer fahren will, gilt der Grundsatz „Zero Pollution“: Es darf nichts nach außen abgegeben werden, was nicht 100%ig sauber ist. Das heißt: Hat der Eigner vor, irgendwann mal ins Polarmeer zu fahren, muss er besondere Rechtsvorschriften einhalten. Hat er dies bei der Werft mit in Auftrag gegeben, wird sie dafür sorgen, dass diese Grenzwerte eingehalten werden. Auch das wird bei der Werftprobefahrt mitkontrolliert.

Die „Sailing Yacht A“ auf der Kieler Förde im Video:

zur Startseite

von
erstellt am 22.Okt.2016 | 09:23 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen