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Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 12:54 Uhr

Hintergründe : Rockerclubs in Schleswig-Holstein: Fragen und Antworten

vom

Heute fällt das Urteil im Prozess um das Verbot der Hells Angels in Kiel. Wo gibt es eigentlich noch Rockerclubs in Schleswig-Holstein? Welche wurden bereits verboten? shz.de erläutert die Hintergründe.

Welche Clubs sind oder waren in SH aktiv?

In Schleswig-Holstein sind oder waren sechs größere Rockerclubs aktiv: Hells Angels, Bandidos, Mongols, Tigers, Gremium und auch Satudarah. Alle tragen die Bezeichnung MC für Motorcycle Club. Zusätzlich gibt es unterstützende Clubs, wie die Red Devils für die Hells Angels und die Contras für die Bandidos.

 

Wo sind sie SH aktiv?

Die Clubs hatten das Land lange unter sich aufgeteilt. Mittlerweile befinden sie sich nach Verboten und Selbstauflösung in einer Phase der Neuordnung: Im Süden des Landes sind nach wie vor die Hells Angels vertreten. Von Alveslohe (Kreis Segeberg) aus nutzen sie die Nähe zu Hamburg. Das Landeskriminalamt meldet einen Charter in Norderstedt. In Flensburg hält der Unterstützerclub Red Devils die Stellung, in Neumünster die Contras. Die Bandidos sind in Wahlstedt im Kreis Segeberg vertreten. In Lübeck soll eine Gruppe des niederländischen Rockerclubs Satudarah aktiv sein.

 

Was wird Rockerclubs vorgeworfen?

Manchen Clubs geht es darum, mit illegalen Geschäften Geld zu verdienen. Dabei können sich Freund- und Feindschaften danach richten, wo gerade das beste Geschäft zu machen ist. Die betreffenden Clubs bewegen sich in einem gewalttätigen Milieu mit Strukturen der organisierten Kriminalität der Türsteher-Szene, der Prostitution, der Schutzgelderpressung und des Drogenhandels, wie Polizei und Justiz ermittelt haben. Es bestehen Rivalitäten zwischen den einzelnen Clubs, die auf Gebietsansprüche für die illegalen Geschäfte zurückzuführen sind. Deshalb kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Besonders Bandidos und Hells Angels pflegen ihre Feindschaft. 2012 wird in 194 Verfahren gegen 69 Personen aus dem Rockermilieu, aber auch der rechten Szene, wegen Menschen- und Waffenhandel, Korruption, gefährlicher Körperverletzung, Erpressung und eines Kapitaldelikts ermittelt.

 

Gibt es Verbindungen von Rockerclubs zur rechtsradikalen Szene?

Auch wenn die Clubs in der Regel von sich behaupten, unpolitisch zu sein, so fiel doch auf, dass die einstigen Bandidos Neumünster ihre Mitglieder vermehrt aus der rechtsradikalen Szene rund um den ehemaligen Neumünsteraner Neonazi-Treff „Club 88“ rekrutierten. Zudem gibt es nach wie vor Mitglieder aus dem rechtsextremen Milieu im Unterstützerclub Contras. Auch der ehemalige NPD-Landesvorsitzende Peter Borchert, der - gerade erst aus der Haft entlassen - derzeit wegen Körperverletzung vor Gericht ist, war ein Bandido.

 

Was bringen Verbote?

Durch Verbote werden die Ortsgruppen zumindest kurzfristig geschwächt. Die Mitglieder dürfen die Symbole ihres Clubs nicht mehr öffentlich zeigen. Das betrifft vor allem die Kutten: Auf den Lederwesten tragen die Rocker das Logo ihres Clubs auf dem Rücken. Dieses Statussymbol verdeutlicht die Vorherrschaft in einer Stadt. Zudem wird die Vereinskasse vielfach beschlagnahmt. Dadurch werden die Ortsverbände empfindlich getroffen. Vermutet wird, dass die Hells Angels Kiel dadurch in große Schwierigkeiten gekommen sind. Zum Teil gehören auch Motorräder zum eingezogenen Vereinsvermögen. Nach den Verboten bleiben die Rocker jedoch meist aktiv, gründen neue Ortsverbände oder schließen sich anderen Gruppen an, um die illegalen Geschäfte weiter zu betreiben.

Die Mitglieder des verbotenen Vereins Hells Angels MC Kiel würden deutlich zurückhaltender in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten und seien nicht mehr bei Gewalttätigkeiten aufgefallen, sagte Mathias Engelmann, Leiter des Dezernates Organisierte Kriminalität. „Sie bewegen sich jedoch weiterhin in ihren angestammten Geschäftsfeldern.“

 

Wo gab es bislang Verbote in SH?

Die Flensburger Hells Angels wurden zusammen mit den Bandidos in Neumünster im April 2010 vom damaligen Innenminister Klaus Schlie (CDU) verboten. Beide Vereine verstoßen laut Schlie gegen die verfassungsmäßige Ordnung. Damals durchsuchten 300 Polizeibeamte, darunter SEK-Beamte, zehn Wohnungen von Vereinsmitgliedern und Vereinsheime in Flensburg und Neumünster sowie in der näheren Umgebung beider Städte. Durch das Verbot wurden beide Vereine mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Eineinhalb Jahre später ermittelten die Behörden Anfang 2012 ausreichend Beweise für das Verbot der Hells Angels in Kiel. Mit einer Großrazzia hoben Polizeibeamte am 31. Januar 2012 den kriminellen Rockerclub in der Landeshauptstadt aus. Bei der Razzia beschlagnahmten Polizisten die Vereinskasse mit 37.000 Euro sowie Messer und Schusswaffen.

Wie wehrten sich die Clubs gegen die Verbote?

Sowohl die Bandidos in Neumünster als auch die Hells Angels in Flensburg versuchten, Widerspruch gegen die Vereinsverbote einzulegen. Sie zogen bis vor das Bundesverwaltungsgericht. Dieses lehnte die Beschwerde der Hells Angels ab. Die Bandidos zogen ihre Beschwerde daraufhin zurück. Damit sind die Verbote endgültig. Die Kieler Hells Angels gingen juristisch gegen das Vereinsverbot vor. Sie hatten Klage eingereicht und zugleich einen Eilantrag mit dem Ziel der Aufhebung des Verbots gestellt. Der Eilantrag wurde am 17. August 2012 vom Oberverwaltungsgericht in Schleswig abgelehnt. Der Rechtsstreit um das Verbot der Kieler Hells Angels ging im Februar 2014 in eine weitere Runde. Das Oberverwaltungsgericht in Schleswig wies die Klage des Rockervereins ab.

 

Welche Neugründungen gab es nach den Verboten?

Eine verbreitete Praxis der Clubs nach einem Verbot ist die Neugründung in einem anderen Ort in der Nähe. Die Hells Angels gründeten einen neuen Charter mit dem Namen „Coastland“. Nach Vermutungen des LKA, ist der Club allerdings nicht in SH ansässig. Auf rockerportal.de war lediglich zu lesen: „Neues Hells Angels Charter in Deutschland - HAMC Coastland - Welcome to the family!“. Unter anderem der Name spricht dafür, dass der neue Club in Küstennähe angesiedelt ist. „Dass die Rocker an ihrem neuen Standort auch ein Clubhaus einrichten werden, ist noch nicht sicher“, heißt es auf dem Portal. Führende Mitglieder der Bandidos Neumünster wichen nach dem Verbot spontan in grenznahe Clubs nach Dänemark aus. Später etablierte sich ein neuer Stützpunkt in Wahlstedt im Kreis Segeberg. Einige sind mittlerweile Mitglied der „Bandidos Nomads“ – einem Chapter ohne festen Sitz.

Wie gehen die Behörden noch gegen kriminelle Rockerclubs vor?

Knapp vier Monate nach dem Vereinsverbot 2012 in Kiel gab es die bisher größte Razzia gegen die Hells Angels. In Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen durchsuchten mehr als 1200 Polizisten zeitgleich 89 Bordelle, diverse Wohnungen und Gaststätten. In Kiel wurden dabei mehrere Hells Angels, darunter auch der Präsident Dirk R., verhaftet.

Ihm und einer Hand voll weiterer Mitglieder wurde der Mord an dem bis heute vermissten Türken Tekin Bicer zur Last gelegt. So will es zumindest der Kronzeuge Steffen R. - wegen seiner Statur auch "Kugelblitz" genannt - bei einer Feier gehört haben. Pikant: Mit einer ähnlichen Aussage lag der "Kugelblitz" schon einmal daneben.

In einer aufwendigen und der bisher teuersten Suchaktion des Landes wurde in Altenholz eine fast neu gebaute Halle abgetragen, da die Ermittler hier die Leiche des Vermissten im Fundament vermuteten.

Wochenlang begleiteten Medien die Suchaktion – Leichenspürhunde schlugen einmal an. Gesiebt wurde alles – gefunden wurde nichts. Die Geschädigten forderten 500.000 Euro für den Wiederaufbau und die Betriebsausfälle. 413.000 Euro haben sie laut Generalstaatsanwalt Heinz Döllel schon. Weitere 100.000 Euro würden gefordert. Mittlerweile sind auch alle wegen Mordverdachts inhaftierten Mitglieder wieder auf freiem Fuß. In einem Youtube-Video beschuldigen die Hells Angels die Ermittler, auf den unglaubwürdigen Zeugen hereingefallen zu sein.

Das Landeskriminalamt wertet den Großeinsatz gegen die Rocker trotz des Fehlschlags bei der Leichensuche als Erfolg. „Zur Abklärung einer Spur in einem Tötungsdelikt war es unumgänglich, den Rückbau der Halle zu betreiben“, sagte Mathias Engelmann, Leiter des Dezernates Organisierte Kriminalität im Jahr 2013. „Es ist Angehörigen von Getöteten und der Bevölkerung nicht zu vermitteln, wenn aus finanziellen Gründen nicht nach dem Verbleib einer Leiche gesucht werden würde.“

Spektakulär war in Hannover auch die Verhaftung des Hells Angels Präsidenten Frank Hanebuth. 2012 durchsuchten Spezialkräfte der GSG 9 sein Anwesen bei Hannover: Sie seilten sich aus dem Hubschrauber ab, erschossen den Hund des mächtigen Rockers und stürmten die Villa. Der niedersächsische Landtag beschloss, ein Verbotsverfahren gegen den Charter einzuleiten. Der Hells Angels MC Hannover löste sich kurz darauf selbst auf. Ein Jahr später wurde Hanebuth auf mallorca festgenommen, wo ihm die Bildung einer kriminellen Vereinigung, Förderung illegaler Prostitution, Drogenhandel und Geldwäsche vorgeworfen werden. Seit Ende 2013 sitzt der mächtigste Rocker in spanischer Untersuchungshaft. Seine Anhänger fordern seine Freilassung.

Gibt es noch Hells Angels in Lübeck?

Nach eigenen Angaben der Hells Angels auf der Website rockerportal.de hat sich das Charter aufgelöst – offenbar ein Erfolg der Null-Toleranz-Strategie gegen die Rocker. Das Charter gebe wegen des „Polizeistaats“ auf. Laut LKA hatten die Hells Angels das Chapter in Lübeck am 16. Januar 2010 gegründet. Nach Einschätzung der Beamten bestand es aus etwa 20 Rockern und weiteren zehn Personen im Umfeld. Der Club existierte nicht einmal drei Jahre. Offenbar ist an seiner Stelle nun eine neue Gruppe des niederländischen Rockerclubs „Satudarah“ getreten, so gaben dessen Mitglieder ebenfalls auf rockerportal.de bekannt. „Satudarah“  wurde im Februar deutschlandweit verboten.

Bekämpft das Land die Rockerkriminalität weiterhin?

Die Soko Rocker gibt es auch Jahre nach den Verboten noch. Insgesamt zeigen sich laut LKA die Clubs in Schleswig-Holstein momentan nach außen hin zurückhaltend und kooperativ. Dazu gehört auch der weitgehende Verzicht auf das Zeigen der typischen Rockersymbole.

Welche Clubs haben verbotene Vereine in Deutschland?
  • MC Bandidos
  • MC Hells Angels
  • MC Mongols
  • MC Gremium
  • MC Red Devils
  • MC Schwarze Schar/Schwarze Jäger
  • MC Diablos
  • X Team
  • Chicanos
  • Commando 81
  • Oder City Kurmark
  • Red Legion/Red Nation
  • Satudarah Maluku MC
 

Die interaktive Karte zeigt die ehemaligen Standorte der Hells Angels und der Bandidos (rot) und die aktuell noch bestehenden Clubs (grün) in Schleswig-Holstein.

Der Artikel wurde um 10.03 Uhr geändert, da einige Formulierungen eine Kriminalisierung aller Rockerclubs nahe legten. An dieser Stelle sei nochmal klar gestellt, dass dieser Artikel angesichts des Prozesses gegen die Hells Angels in Kiel vor allem über Rockerclubs, die sich im kriminellen Milieu bewegen, berichtet. Damit sollen nicht automatisch alle Rockerclubs kriminalisiert werden.

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