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Schleswig-Holstein

03. Dezember 2016 | 16:48 Uhr

Nothilfe für Flüchtlinge : Rendsburger Ärzte-Ehepaar im Nordirak: „Beschämend, bedrückend, hoffnungsvoll“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Rendsburger Ärzte-Ehepaar Klopf leistete über Ostern medizinische Nothilfe im Nordirak - mit erschütternden Begegnungen.

Rendsburg | Die Lage zehntausender christlicher und jesidischer Flüchtlinge im Nordirak bleibt dramatisch. Viele haben Visa-Anträge gestellt und warten auf eine Ausreise in die USA oder nach Europa. Andere hoffen immer noch auf eine Rückkehr in ihre verlassenen Heimatdörfer. Das Rendsburger Ärzte-Ehepaar Martin (47) und Ioana Klopf (47) hat die Krisenregion über Ostern erneut besucht, um vor Ort medizinische Hilfe zu leisten. Nach seiner Rückkehr hat Dr. Martin Klopf seine Erlebnisse und die teils erschütternden Begegnungen mit den Opfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aufgeschrieben.

Der Irak ist neben Syrien das Haupteinzugsgebiet des Islamischen Staates (IS). Hier werden die Terroristen bekämpft. Es gibt eine Reihe von Luftangriffen ausländischer Mächte und Teile der kurdischen Bevölkerung kämpfen ebenso unermüdlich.

Viele frühere Erfahrungen im Nordirak haben sich auf dieser Reise bestätigt, anderes ist neu dazugekommen. Verblüffend und teilweise etwas beschämend ist die Hochachtung, die uns deutschen Gästen entgegengebracht wird, obwohl wir wirklich nur mit wenigen Spenden und Hilfsgütern dort in Erscheinung treten und sicher nicht mit so großen Organisationen wie dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR oder „Ärzte ohne Grenzen“ zu vergleichen sind.

Wir mussten uns bei der Behandlung der Patienten im Flüchtlingscamp Rawanga auf akute Fälle beschränken. Chronische Erkrankungen mit nur einer Untersuchung und ohne weitere Kontrollen zu therapieren, wäre unverantwortlich gewesen. Da der Bedarf so groß war, beschlossen wir, ausschließlich in diesem einen Camp zu arbeiten, um nicht den Eindruck zu erwecken, nach dem Gießkannenprinzip zu agieren und die Hälfte der Menschen stehen zu lassen. Wir hatten hervorragende Helfer, sei es durch Übersetzer, sei es bei der Zuführung der nächsten Patienten. Etwa 80 Kilogramm Medikamente brachten wir selbst mit. Finanziert wurden die Arzneien und Hilfsmittel von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main.

Vielen Menschen konnten wir mit Kleinigkeiten helfen, sei es mit Schmerzmitteln und Vitaminen oder – bei den kleinen Patienten – mit einem Bonbon und Luftballon. Insgesamt waren wir besser aufgestellt als bei unserem ersten ärztlichen Einsatz im Oktober 2015, weil wir gezielter Medikamente eingekauft hatten. Erstaunt waren wir über den relativ guten Gesundheitszustand der Bewohner in den Lagern. Die meisten Erkrankungen unterscheiden sich nicht von denen in Deutschland. Einige nicht diagnostizierte Fälle konnten wir an die regionale Gesundheitsbehörde weiterleiten, wo ein Facharzt alles weitere übernimmt.

Vieles an Erkrankungen ist bei der großen Zahl an Fällen schlichtweg in Vergessenheit geraten, aber einige Schicksale treten doch wieder in Erinnerung und lassen einem die Tränen kommen. Entweder der geistig behinderte Junge, der durch die grausame Misshandlung durch die Handlanger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eine Hirnblutung erlitt, als er nach einer Erschießungsaktion überlebte und anschließend von einer Brücke in ein trockenes Flussbett geworfen wurde. Oder das Kleinkind, welches durch eine Verbrennung im Flüchtlingscamp eine völlige Entstellung des Gesichtes erlitt. Anstelle der Nase besitzt es zwei kleine Öffnungen zum Atmen und wurde von seiner Mutter, nur mit einem Tuch über dem Kopf, durch die Menge getragen.

Einige Schicksale lassen einem die Tränen kommen

Hier ist in zweifacher Hinsicht die Flucht und Vertreibung durch den IS schuld: Erstens sind Unfälle mit den oftmals improvisierten Ölheizungen in den kleinen Wohncontainern nicht immer zu vermeiden. Zweitens wäre unter anderen Umständen eine schnellere Versorgung in einer geeigneten Klinik möglich. Keine Ahnung, was aus dem kleinen Menschen einmal werden wird und ob gesichtschirurgische Eingriffe da noch weiter helfen können.

Noch viel ergreifender als die tägliche Arbeit mit den Patienten bis zum Abend war die Teilhabe an einer Theaterprobe. Das Stück wurde von unserem Dolmetscher inszeniert. Was uns hier erwartete, verschlug uns die Sprache und macht mich noch heute tief betroffen: Mädchen und Jungen im Alter von 18, 19 Jahren und aus den Fängen des IS freigekaufte junge Frauen, die jetzt in dem Lager lebten, spielten die Geschichte der jungen Frau „Dschilan“ nach. Sie wurde wie alle Menschen des Lagers Opfer von Terror und Gewalt. In Gefangenschaft wählte sie aus völliger Verzweiflung und unter ständiger Demütigung vor einer Zwangsverheiratung mit einem IS-Kämpfer den Freitod. Man konnte den jungen Schauspielern ihre Angst ansehen, sie mussten die Trauer und das Weinen nicht nachspielen. Mutig von den freigekauften jungen Frauen fand ich ihr Mitwirken als Statisten an dem Theaterstück. Möglicherweise hilft es ihnen, das Erlebte besser zu verarbeiten. Ich weiß es aus eigener Erfahrung während meiner politischen Inhaftierung in DDR-Gefängnissen in den 80-er Jahren, dass das Reden darüber (mir zumindest) viel mehr half, als böse und grausame Erlebnisse im Stillen zu erdulden.

Jeder von uns spürte die unmittelbare Bedrohung

Allerdings ist das, was diese jungen Frauen erleben mussten, für keinen Menschen vorstellbar und mit kaum etwas anderem zu vergleichen. Ob diese geschundenen Seelen jemals ihren Frieden mit der Welt machen können und jemals eine normale Verbindung mit anderen Menschen eingehen können?

Im Nachhinein abenteuerlich und in dem Augenblick vor allem beängstigend waren unsere Besuche bei den Peschmerga-Kämpfern in Telskuf und in der Nähe von Shekhan, an der unmittelbaren Schwelle zum IS-Gebiet. Damit waren wir dem Terror, Tod und dem Entsetzen so nah wie nie.

Jeder von uns im Auto spürte die unmittelbare Bedrohung, die aus der nur drei Kilometer entfernten Nähe des IS entsprang. Wir wussten, über welch gute militärische Ausrüstung die Terrormiliz verfügt und dass ihre Geschosse sehr weit reichen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich am Stützpunkt der Peschmerga in Telskuf ein altes Auto mit Kieler Kennzeichen sah. Ich erfuhr: Ein Freiwilliger hatte sich in seiner neuen Heimat an der Förde freigenommen, sich selber in einem Armeeshop in Dohuk mit Kleidung versorgt, um nun auf unbestimmte Zeit – ohne Bezahlung und immer mit der Gefahr, den nächsten Tag nicht zu erleben – nicht nur sein Land, sondern letztendlich auch uns in Europa vor dem Terror zu schützen.

Einige Tage zuvor hatte gerade dort ein Selbstmordattentäter versucht, den Schutzwall zu durchbrechen. Grauenvoll der Anblick eines mir gezeigten Fotos auf dem Mobiltelefon mit den zerfetzten Überresten des Terroristen. Großer Respekt vor den Kämpfern an vorderster Front, die oftmals halb so alt wie ich wirkten, und von denen keiner den Eindruck machte, dass er gern Krieg spielen wollte und schießwütig sei.

Telskuf ist ein mittelgroßes Dorf mit mehreren Kirchen und einem kleinen Zentrum mit Geschäften. Der IS hatte bis zur Rückeroberung und Befreiung wenig Zeit, den Ort zu halten und daher wohl auch wenig Zeit, die Gebäude ganz zu zerstören. Trotzdem machte er einen gespenstischen und grauenvollen Eindruck auf mich. Die behelfsmäßige Krankenstation, die in der ehemaligen Veranstaltungs- und Hochzeitshalle von Telskuf eingerichtet worden war und bis auf kurze Ausnahmen von nur einem Pfleger betreut wird, kann höchstens dem Ablegen der Verletzten dienen. Die in der Halle aufgestellten Narkoseflaschen und das Absauggerät ohne Stromanschluss sind im Ernstfall nicht wirklich für die Notfallversorgung nützlich. Ein junger Unfallchirurg aus Dohuk bildet in seiner knappen Freizeit Peschmerga-Kämpfer in der Erstversorgung von Kriegsverletzungen aus.

Äußerst bedrückend war für mich auch die Durchwanderung des verlassenen Ortes auf unseren eindringlichen Wunsch. Die Bewohner von Telskuf dürfen nicht in ihre Häuser zurück, obwohl der Ort inzwischen zurückerobert wurde. Zu dicht ist die unmittelbare Front zum IS. Die Menschen haben sich in das weiter entfernte und sichere Alqosh geflüchtet.

Beklemmend war es, keinen menschlichen Laut zu hören, kein Kindergeschrei und kein Hundegebell. Nicht einmal Vogelstimmen. In einigen Hausfluren standen leere Vogelbauer, deren tierische Bewohner wie das Leben aus diesem Ort fortgeflogen waren. Symbolisch standen von den verwüsteten Häusern die Tore offen.

In dem Ort Telskuf blieb 2014 die Zeit stehen

Unser Dolmetscher verbrachte einen Teil seiner Jugend in diesem christlichen Dorf. Nur schweren Herzens kam er mit uns. Nun stand er weinend vor dem Platz, an dem das Haus seiner Gastfamilie stand. Einen unheimlichen und dennoch würdevollen, friedlichen Eindruck machte der mit kräftigen Disteln überwucherte Friedhof. Das Betreten war nicht möglich, da auch hier noch versteckte Minen und Sprengfallen liegen konnten. In den Hausfluren hingen die Bilder von glücklichen Hochzeitspaaren, lächelnden und würdevollen alten Menschen mit traditionellem Kopftüchern und Familien mit kleinen Kindern, von denen wir nicht wissen, ob sie noch leben oder ob sie jemals zurückkehren werden. Kleidung wurde aus den Schränken gerissen und lag verstreut am Boden. Weihnachtskrippen und stehen gebliebene Uhren an den Wänden machten einem deutlich, dass in diesem Ort im Jahre 2014 die Zeit insgesamt stehen geblieben ist. Der Terror wird den Ort noch lange beschäftigen.

Ich will nicht in Trauer verfallen – man darf jedoch nichts vergessen. Angesichts der vielen positiven und hoffnungsvollen Erlebnisse bin ich gern bereit, wieder in dieses Land zu fahren.

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erstellt am 29.Apr.2016 | 16:25 Uhr

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