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Schleswig-Holstein

07. Dezember 2016 | 15:33 Uhr

Werft von Blohm & Voss im Hamburger Hafen : Queen Mary 2: Eine Schönheitskur für die Königin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Flaggschiff der internationalen Kreuzfahrtflotte, die Queen Mary 2, wird unter Millionenaufwand generalüberholt. Ein Besuch auf der Hamburger Werft Blohm & Voss.

Hamburg | Es gibt nicht mehr viele Herausforderungen im Seemannsleben von Kapitän Kevin Oprey. Seit fünf Jahren steuert der 64-jährige Brite die Queen Mary 2 durch die Weltmeere. Das „Kultschiff“ der internationalen Kreuzfahrtflotte, nennt er stolz seinen Luxusliner. Wer Oprey kennt der weiß, dass er seinen feinen englischen Humor selbst dann nicht verliert, wenn er die Königin bei Windstärke zehn durch die Ausläufer eines Hurrikans lenkt. Er unterhält die Passagiere mit Anekdoten, während er das Schiff im engen Hafen von Montevideo wie auf dem Teller dreht und in den schmalen Strom legt.

Und er ist auch kaum noch aus der Ruhe zu bringen, wenn er den 345 Meter langen Ozeanriesen, wie vor wenigen Tagen wieder, vor den Augen von zehntausenden Zuschauern in das nur 351 Meter lange Dock von Blohm & Voss gegenüber den Hamburger Landungsbrücken manövriert. Und dabei am Ende nur noch 40 Zentimeter Wasser unter dem Kiel hat. „Das sah schon sehr eng aus und war etwas ganz besonderes“, sagt er. Aber „richtig aufgeregt“ ist er erst jetzt, wenn es darum geht zu sehen, was mit seinem Schiff im Trockendock passiert.

Seit fünf Jahren als Kapitän an Bord der Queen Mary 2: Kevin Oprey
Seit fünf Jahren als Kapitän an Bord der Queen Mary 2: Kevin Oprey Foto: Manfred Ertel

Kapitän Oprey empfängt im Britannia-Bordrestaurant, das überall mit Pappe ausgelegt und Planen abgehängt ist und aussieht als würde grad neu tapeziert. Es ist ein besonderer Anlass, zu dem Medienkollegen aus den USA und Großbritannien extra angereist sind. Zwölf Jahre nach ihrem ersten Törn wird die Queen Mary 2 zum ersten Mal einer radikalen Runderneuerung unterzogen. Aus diesem besonderen Anlass lässt die Reederei Cunard, die ihre Queen sonst nur in prunkvollem Gewand präsentiert, ausnahmsweise mal hinter die Kulissen blicken. Was man zwischen Stahlgerüsten, offenen Leitungsschachts und entkernten Decks zu sehen bekommt, nennt Kapitän Oprey „Queen Mary unplugged“, es sieht aus wie bei einer Operation am offenen Herzen.

Überall an Deck wird gehobelt, geschraubt gestrichen. Das Deck 7, eigentlich ein Herzstück des Schiffs, ist total entkernt. Ein neues Buffetrestaurant mit offenen Kochstellen entsteht hier und ein völlig neuer Wellness-Bereich. Die ersten Marmorsäulen stehen bereits. Zwischen Treppen und Dekor schleifen Bauarbeiter in weißen Staub gehüllt Wände und Pfosten, über ihnen liegen kilometerlange Rohr- und Elektroleitungen offen. Kaum vorstellbar, dass hier in gut einer Woche wieder Passagieren flanieren und speisen sollen.

Bis zum 21. Juni soll die alte Dame von Grund auf modernisiert und aufgehübscht sein, sodass selbst Stammgäste vieles kaum wiedererkennen dürften. Bis zu 3500 Werftarbeiter bohren und montieren hier rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag in drei Schichten, dazu kommen noch 1200 Crewmitglieder. Über die Höhe der Investitionen wird offiziell nicht gesprochen. Aber die Schätzungen belaufen sich auf rund 50 Millionen Euro.

Sorgt für Antrieb: Die Schiffsschraube des Ozeanriesen wird besonders gründlich geprüft.
Sorgt für Antrieb: Die Schiffsschraube des Ozeanriesen wird besonders gründlich geprüft. Foto: Ingo Thiel
 

Natürlich gibt es einige technische Neuerungen. Ein bisschen mehr Umweltschutz muss schließlich sein. Vier neue Abgaswaschanlagen samt Filtern werden eingebaut, ein Silikon-Anstrich der Unterwasserlinie ersetzt die Chemiekeule der früheren Anti-Fouling-Beschichtung gegen Algenbewuchs. Und das Ballast-Wassersystem wird unter anderem auch erneuert. Vor allem aber geht es um eine Schönheitskur, um den steigenden Ansprüchen im internationalen Wettbewerb gerecht zu werden.

Wenn alte Damen sich einer Schönheits-OP unterziehen, ist große Sensibilität von Nöten. Deshalb entschloss sich die Reederei vor dem Lifting der Queen zu einer umfassenden Untersuchung der Gästewünsche. 18 Monate lang befragte Cunard „einige Tausend“ Kunden. Das waren „loyale“ Cunard-Gäste, die bereits ein oder mehrere Male an Bord waren, wie auch interessierte und womöglich künftige Queen-Fans, erzählt Deutschland-Chefin Anja Tabarelli. Das Ergebnis: Mehr Service, mehr Luxus, mehr Tradition.

Eindeutig war zum Beispiel die „sehr große“ Nachfrage nach Einzelkabinen. Zum ersten Mal werden jetzt deshalb 15 Single-Unterkünfte eingebaut, um dem neuen Trend gerecht zu werden. Tief unten im Bauch des Ozeanriesen, auf Deck 2 und 3, knapp über der Wasserlinie, entstehen die luxuriösen Einzelabteile hinter großen Fenstern, die Größe lässt sich schon ahnen, das Innendesign fehlt noch.

Ganz oben, auf Deck 13, geht es zwischen Baucontainern und Handwerkern, die auf den Knien hocken und das Holzdeck abschleifen, um ganz andere Singleunterkünfte. Wenn Frauchen und Herrchen auf Kreuzfahrt gehen, sollen die geliebten Vierbeiner nicht allein zu Hause bleiben müssen. Deshalb bot die QM2 schon bislang als einziges Kreuzfahrtschiff eine Unterbringung für Hunde und Katzen an, in so genannten Kennels. Zwölf Stück immerhin gab es davon. Doch die Traumschiff-Zwinger sind heiß begehrt. Das zeigte die Praxis, weil sie „teilweise schon ausgebucht sind, bevor der neue Katalog überhaupt raus ist“, sagt Tabarelli. Und das ergab auch die Kundenbefragung. Jetzt wird es zehn zusätzliche dieser Hundehütten geben, dazu eine Lounge, mehr Auslauf und ein Spielzimmer für die Vierbeiner und ihre Besitzer.

Die Gästekabinen und Suiten werden modernisiert, mit helleren Dekors und Pastellfarben, so dass sie größer und luftiger wirken. Viel Anthrazit und rötliche Töne an Wänden und auf Polstern ist in den ersten fertigen Räumen zu sehen, in Anlehnung an die Reedereifarben Rot und Schwarz, aber auch das traditionelle Königsblau findet sich wieder, in edlen Bettüberwürfen. Für Möbel und Raumgestaltung inspizierten Designer Luxushotels überall auf der Welt. „Wir haben dort Anregungen für eigene Ideen gesammelt, wir wollen nichts kopieren“, sagt Design-Direktorin Alison Clixby. Ihre Entwürfe wurden dann wiederum ausgewählten Kunden vorgelegt, und deren Meinungen dazu eingeholt. Das Ergebnis ist ein Balanceakt zwischen mehr „modernem Luxus und kultureller Tradition“.

In der Grand Lobby wurden die Glasfahrstühle ausgebaut, um mehr Platz zu schaffen.
In der Grand Lobby wurden die Glasfahrstühle ausgebaut, um mehr Platz zu schaffen. Foto: Ingo Thiel

„Wir wollen mit der Zeit gehen, ohne die Tradition zu vergessen“, sagt Clixby. Allgemeine Passagierbereiche wie die Lobby werden deshalb künftig im historischen Art-Deco-Stil erstrahlen. Edel und exklusiv, aber trotzdem ein bisschen Retro, das trifft offenbar den Geschmack der Queen-Mary-Gäste. Auf Deck 8 ist ein Teil des ehemaligen Spezialitätenrestaurants als Offizierskasino zweckentfremdet. Die ranghöheren Crewmitglieder nutzen die kurze Mittagspause für einen hastigen Imbiss. Wände und Fußböden sind mit Pappe abgeklebt, Mobiliar mit Plastikplanen geschützt, Teile des Restaurants sehen aus wie ein Rohfundament, nicht gerade ein Platz für gemütliches Verschnaufen. Das wird bald anders sein. 80 Jahre nach Eröffnung des ersten Restaurants „Veranda Grill“ auf der legendären Queen Mary von 1936 wird hier wieder ein Spezialitäten-Restaurant gleichen Namens mit Sterne-Qualität wie anno dazumal entstehen, ein geradezu symbolische Beispiel für die Verbindung von Luxus und Geschichte.

Für Kapitän Oprey ist das alles „wie ein normaler Kleiderwechsel. Auch wir müssen von Zeit zu Zeit unsere Klamotten tauschen und sind gespannt, wie es aussieht. Es wird großartig sein“, da ist er sich sicher. Für Cunard ist das „Re-Fitting“, wie es international heißt, der Versuch, „luftiger, eleganter und moderner“ in den Konkurrenzkampf um Marktanteile zu gehen. Rund 300 Kreuzfahrtschiffe werben Jahr für Jahr um die Gunst von zuletzt rund 1,8 Millionen Passagieren in Deutschland und 6,4 Millionen Gästen in Europa. Knapp drei Milliarden Euro setzte die Hochseekreuzfahrt 2015 allein in Deutschland um. Weitere Steigerungsraten sind überall fest eingeplant.

Für Cunard und seine Queens, vor allem aber für die Queen Mary 2, ist das durchaus ein Drahtseilakt. Denn eigentlich will die QM2 ja Kreuzfahrten für jedermann anbieten, und das bedeutet: für jeden Geldbeutel. Darauf legt die Reederei großen Wert.

Tatsächlich hat Luxus aber seinen Preis. Und die gepflegte Etikette, die Queen Mary 2 zum Beispiel mit seiner Kleiderordnung beim Abendessen verlangt, ist auch nicht jedermanns Sache. So lautet der Dresscode öfters „Formell: Für den Herren ein Smoking oder dunkler Anzug. Für die Damen ein Abendkleid oder etwas Ähnliches“. Das gilt dann in den Restaurants, den meisten öffentlichen Bereichen auf Deck und im Ballsaal, dem größten Tanzparkett auf einem Kreuzfahrtschiff, sowieso. Das muss man mögen. Genauso wie den edlen Luxus. Bei einer Auslastung von gut 90 Prozent scheint das für die Queen Mary 2 allerdings nicht das Problem zu sein.

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erstellt am 11.Jun.2016 | 19:27 Uhr

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