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Politik

27. September 2016 | 09:00 Uhr

Grenzkontrollen in Dänemark und Schweden : Zug, Auto, Bus: Grenzverkehr in Zeiten der Flüchtlingskrise

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine kurdische Familie strandet. In Krusau werden Autos kontrolliert. Busfahrer werden „keine Ausweiskontrolleure“.

Flensburg | Die Grenzkontrollen in Dänemark haben eine kurdische Familie in Flensburg erwischt. Mutter, Vater und vier Kinder strandeten am Sonntagabend am Flensburger Bahnhof, weil ihr Zug sich verspätet hatte und sie dadurch ihren Anschluss (vor Mitternacht) nach Schweden versäumten. Es habe eine Menge Überredungskunst gekostet, die Familie davon zu überzeugen, lieber in Deutschland zu bleiben und nicht das Risiko einzugehen, in Schweden abgewiesen zu werden, berichtet Pelle Hansen, Flüchtlingshelfer am Bahnhof. Am Montag nimmt die Bundespolizei die Familie mit und leitet sie an die Erstaufnahme in Neumünster weiter.

Dänemark reagiert auf die schwedischen Grenzkontrollen, verschärft weiter seine Flüchtlingspolitik - und stellt Schleswig-Holstein somit möglicherweise vor die Probleme eines Rückstaus. Obwohl dieser Schritt seit längerem zu erwarten war, sind viele enttäuscht oder wütend.

Der Grenzübergang Krusau am Montagmittag: Seit zwölf Uhr würde die Polizei wieder Reisende nach Dänemark kontrollieren, sagt ein dänischer Polizist. Viel mehr sagt er nicht und verweist wie alle anderen seiner Kollegen auch an die Pressestelle der Polizei. Zur gleichen Zeit, ebenfalls um Punkt zwölf, beginnt der dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen seine Pressekonferenz in Kopenhagen als Reaktion auf die Wiedereinführung der Grenzkontrollen Schwedens. Zunächst zehn Tage lang sollen auch dänische Polizisten stichprobenartig die Pässe von Reisenden kontrollieren, die nach Dänemark einreisen wollen. Reaktionen bleiben nicht aus.

Für zehn Tage sei zunächst auch der Container als Station für die Polizisten gemietet, sagt ein Arbeiter am Grenzübergang Krusau. Ebensolche Unterkünfte werden am Nachmittag in Pattburg aufgestellt und am Autobahn-Grenzübergang Ellund-Fröslee. Die dänischen Polizisten winken hier einen VW-Bus aus Dänemark mit sieben männlichen Passagieren heraus, dann einen Kleinbus aus Rumänien. Die Papiere scheinen in Ordnung, beide können weiterfahren. In Pattburg sind es tiefer gelegte Fahrzeuge, die anhalten sollen, und auch ein Lkw sowie zwei deutsche Limousinen mit jeweils älteren Herrschaften. In Krusau nehmen die Beamten einen roten Kleintransporter unter die Lupe, lassen sich den Laderaum zeigen; der Mann darf seine Fahrt fortsetzen. Dann bitten sie ein Paar dunkler Hautfarbe, seinen dänischen Kombi anzuhalten, überprüfen die Papiere, lassen die beiden weiterfahren.

An der deutsch-dänischen Grenze kontrollieren dänische Beamte stichprobenartig den Verkehr.

An der deutsch-dänischen Grenze kontrollieren dänische Beamte stichprobenartig den Verkehr.

Foto: noltemedia
 

Der Verkehr fließt an diesem ersten Tag der neuen Grenzkontrollen nahezu ungehindert. Ein Polizist sagt, er und seine Kollegen hätten viele Fahrzeuge angehalten, aber niemanden aufgehalten. „Hier gibt’s keine“, sagt er freundlich und meint Reisende ohne gültige Dokumente.

Die Busse der Linie 1 werden an diesem Tag nicht von dänischen Grenzbeamten kontrolliert. „Man hat uns zugesagt, dass man im Fall von Rückstaus die Busse vorziehen werde“, so Paul Hemkentokrax, Geschäftsführer von Aktiv-Bus. Alle 20 Minuten fährt die Linie 1 über die Grenze und wendet rund 400 Meter weiter. Die dänische Regierung habe auch eine neue Anordnung, nach der die Transport-Unternehmen zur Kontrolle von Ausweispapieren und Visa verpflichtet werden, nicht in Kraft gesetzt, so Hemkentokrax. „Unsere Fahrer werden keine Ausweiskontrolleure.“

„Einen Tiefschlag für die Zusammenarbeit in der Grenzregion“, nennt Helmut Trost die Reaktion auf dänischer Seite in einer Pressemitteilung. Der Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion bezeichnet den freien Grenzverkehr als hohes Gut, das nichtzuletzt Voraussetzung für den Wohlstand der gesamten Region sei. Angesichts der in Schweden und Deutschland aufgenommenen Flüchtlinge sei die Aussage, man müsse auf Dänemark aufpassen, ein Hohn. Trost betont: „Humanitäre Verantwortung sieht anders aus.“ Als positives Gegenbeispiel verweist der Fraktionschef auf die Grenzstadt Flensburg und wie „humanitäre Herausforderungen bewältigt werden können“.

Auch Oberbürgermeister Simon Faber bezeichnet den freien Grenzverkehr als hohes Gut und habe dem dänischen Ministerpräsidenten bereits im Dezember geschrieben, die erkämpften Vorteile nicht in Frage zu stellen. Faber wertet die befristeten und moderaten Grenzkontrollen allerdings als Entgegenkommen der dänischen Seite. Angesichts der rückläufigen Zahlen von Flüchtlingen, die über Flensburg nach Skandinavien reisen, sieht der Oberbürgermeister die Chance, „dass eine Verschärfung der Kontrollintensität vorerst nicht zur Anwendung kommt“.

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erstellt am 04.Jan.2016 | 19:24 Uhr

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