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Landtagswahl 2017 in Schleswig-Holstein : Wahlkampf im Speeddating: Wenn sich Kandidaten kurz fassen müssen

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Sieben Wochen vor der Landtagswahl haben sich vier Spitzenkandidaten einer Fragerunde gestellt. Einer nach dem anderen. Setzen bitte!

Kiel | Es hat ein bisschen was von Casting-Show: Der erste Kandidat betritt den Raum, wird auf einem Stuhl an einem großen Tisch platziert und darf sich vor einer Runde von Medienvertretern aus ganz Deutschland vorstellen. Ich bin Daniel Günther aus Eckernförde, 43 Jahre, seit noch nicht einmal einem halben Jahr CDU-Chef, und ich will Ministerpräsident von Schleswig-Holstein werden.

Die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein finden am 7. Mai statt. Aktuellen Umfragen zufolge liegt die SPD vorn. Doch die etablierten Parteien müssen aufrüsten: Bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr erreichte die AfD durchgehend zweistellige Ergebnisse: In Berlin waren es 14,2 Prozent, in Baden-Württemberg 15,1 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern 20,8 und in Sachsen-Anhalt sogar 24,2 Prozent.

Das alles sagt Daniel Günther so nicht - wahrscheinlich, weil er insgeheim selbst nicht so recht dran glaubt. Nicht nur weil er weiß, dass er vergleichsweise unbekannt ist, und er hofft, dass Merkels Beliebtheit auch ihm helfen wird. Er gibt auch zu, dass die „guten Kerndaten für die jetzige Regierung spielen“. SPD, Grüne und der SSW werden also seiner Ansicht nach davon profitieren, dass es im Küstenland vor allem wirtschaftlich derzeit nicht allzu viel zu meckern gibt.

Daniel Günther (CDU)
Daniel Günther (CDU) Foto: dpa
 

Das Meckern übernimmt der dunkelblonde Mann im dunkelblauen Anzug und roter Krawatte, die er sich kurz vor dem Treffen noch von seinem Pressesprecher ausgeliehen hatte, deshalb selbst: Er schimpft über die Bildungsmisere, die mangelhafte Infrastruktur zwischen Hamburg und Flensburg, und auch ein bisschen über seine Konkurrenten im Wahlkampf. Obwohl: Was heißt schimpfen? In gleichmäßigem Tonfall äußert er fast höflich Kritik. Authentisch zu sein sei das A & O im Wahlkampf, sagt er. Aber wird seine sehr authentische Ruhe und Entspanntheit die Leute dann mitreißen können? Gibt es Augenblicke im Leben, bei denen er sich überhaupt aufregen kann? „Ja, beim Sport, Fußball darf ich deswegen auch nur zu Hause gucken“, gibt er zu und wird fast schon wieder langweilig: Er ist Mitglied beim FC Bayern.

Der Nächste bitte: Ihn erkennt man. Wolfgang Kubicki, mit 65 der Oldie im Geschäft, dabei noch nie in einem Regierungsamt. Aber vorne dabei bei „Facebook“ mit fast 40.000 Fans. Als Macho, selbstbewusst und wortgewaltig charakterisiert er sich selbst („Auch bei Markus Lanz sind die Quoten höher, wenn ich dabei bin. Fragen Sie ihn mal!“). Er mag sich. Eine nicht unsympathische Arroganz, die laut Umfrage vielleicht jeder zehnte Wähler am 7. Mai so gut finden könnte, dass er das Kreuzchen bei der FDP macht.

FDP-Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki vor einem Wahlkampfplakat.
FDP-Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki vor einem Wahlkampfplakat. Foto: dpa
 

Ein zweistelliges Ergebnis braucht der Mann im Anzug und im weißen, offenen Hemd für sein Ego. Genau wie den Rundumschlag: Der Ministerpräsident fange bei seinen eigenen Reden fast selbst an zu weinen, weil er immer nur von Stolz und Würde sprechen würde. Der CDU-Mann wird als „mein kleiner Freund Günther“ verniedlicht, übernehme beim Kopieren selbst die Fehler von Kubickis Facebook-Seite. Und er sieht es als „Gottesgeschenk“, dass die Grünen die Finanzministerin Heinold zum Spitzenkandidaten gemacht hätten („Die kennt ja keine Sau“) und nicht den populären Umweltminister Habeck. Wenn er Bestimmer wäre, dann würde er gerne eine sozial-liberale Koalition im nördlichsten Bundesland auflegen. Zur AfD meint er nur: „Wer mich im Land hat, braucht keine Populisten.“

Ruhiger wird es bei Kandidat Nummer 3: Die grüne Finanzministerin Monika Heinold, 58 Jahre, Kurzhaarfrisur, grauer Blazer, dunkle Hose. Ihr bunter Schal soll wohl vorsorglich dabei helfen, Farblosigkeit zu vertuschen, die ihr einige unterstellen. Von Robert und Herrn Habeck redet sie wechselweise, fast entschuldigend, dass sie und nicht der Kollege die Grünen durch den Wahlkampf führt. Aber dann fängt sie sich, anders als ihre männlichen Vorredner immer gestikulierend: „Ich bin breit verankert im Land und auch schon lange dabei, wenn auch nicht lange dabei.“

„Wir Grünen werden das Thema Klimawandel immer wieder auf die Tagesordnung setzen“, sagt Monika Heinold.

„Wir Grünen werden das Thema Klimawandel immer wieder auf die Tagesordnung setzen“, sagt Monika Heinold.

Foto: Kira Oster
 

Eine grüne Finanzministerin mit einer dritten schwarzen Null in Folge - darauf ist sie stolz. Der wird jäh geschmälert durch die unvermeidliche Frage nach der Zukunft der trudelnden Landesbank HSH Nordbank. „Können wir das Thema wechseln?“, sagt die gelernte Erzieherin am Ende eines komplexen Referats über Milliardensummen. Bei ihrem noch sehr neuen Twitter-Account freut sie sich nicht so sehr über die 200 Follower, sondern über die Möglichkeit, hier alte Bekanntschaften wiederzufinden.

Der Platz ist noch warm, als sich der 53-jährige Landesvater drauf setzt. Ministerpräsident Torsten Albig im blauen Hemd, Sakko mit Einstecktuch, ohne Krawatte und ganz selbstsicher mit verschränkten Armen. Oder hält er sich eher fest und im Zaum? Zum Beispiel, als der Sozialdemokrat auf seinen obersten Chef Martin Schulz und dessen 100 Prozent bei der Wahl zum Spitzenkandidaten angesprochen wird. „Meine 98 Prozent sind für Schleswig-Holstein-Verhältnisse eigentlich 110 Prozent“, sagt er etwas genervt, denn: „Der Schulz-Effekt macht einen ein bisschen depressiv, aber da muss man durch.“ Jedenfalls stellt er fest: „Für den Wahlkampf hier oben ist Scholz wichtiger als Schulz.“

Torsten Albig (SPD) liegt in Umfragen derzeit vorn.
Torsten Albig (SPD) liegt in Umfragen derzeit vorn. Foto: bu
 

Er freut sich auf die gemeinsamen Auftritte mit dem Hamburger Bürgermeister und erklärt die Arithmetik: „Gewinne ich das Hamburger Umland und in den Städten, dann gewinne ich die Wahl“. Als schon sicherer Wahlgewinner gibt er sich aber nicht - trotz Umfrage-Vorsprungs und mutmaßlichen Amtsbonus: „Solange Günther unbekannt bleibt, ist das gut für mich.“ Und deswegen will er auch nur ein einziges Mal ins direkte Wortgefecht mit seinem CDU-Herausforderer - ein Duell im NDR Ende April.

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erstellt am 03.Apr.2017 | 10:09 Uhr

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