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„Vor-Name“ und „Post-Leit-Zahl“ : Wahlbriefe in „Leichter Sprache“: Um Schönheit geht es nicht

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Wahlbriefe in „Leichter Sprache“ sollten alles vereinfachen. Stattdessen irritierten sie. Warum, erklärt ein Sprachexperte im Interview.

Kiel | Am 7. Mai stimmen die Schleswig-Holsteiner über ihren neuen Landtag ab. Für Aufsehen sorgt bereits die Wahlbenachrichtigung - denn erstmals ist die in „Leichter Sprache“ verfasst. Sie soll auch Menschen mit Lese- oder Lernschwäche Texte verständlich machen.

Zahlreiche Empfänger des Schreibens stutzten jedoch - und wunderten sich über die vermeintlichen Rechtschreibfehler. Wieso steht da „Land-Tag“ statt „Landtag“? Und warum ist von „Vor-Name“ und „Post-Leit-Zahl“ die Rede? Dagmar Waldow aus Rendsburg beispielsweise konnte die Formulierungen nicht nachvollziehen: „Ich bin schockiert über unsere ,Gemeinde-Wahl-Behörde'“, schrieb sie in einer E-Mail an die Redaktion der Landeszeitung. „Für wen und von wem wurden diese Formulare entworfen und freigegeben? Es ist lobenswert, dass die Stadt oder das Land sich für diesen Zweck keinen teuren Sprachwissenschaftler o.ä. leistet, aber muss es deshalb ein derart primitiver Stil und ein falsches Deutsch sein? Ich denke, wir Bürger können Besseres erwarten!“

Dagmar Waldow ist nicht die einzige, die sich über das Schreiben gewundert hat. Doch warum haben die Wahlbriefe eher irritiert als geholfen? Und was steckt überhaupt hinter dem Konzept der „Leichten Sprache“? PD Dr. Alexander Lasch, Sprachwissenschaftler an der Uni Kiel, erklärt das Prinzip.

Herr Lasch, die Wahlbenachrichtigungen in Schleswig-Holstein mit gekoppelten Wörtern à la „Post-Leit-Zahl“ haben für Irritationen gesorgt. Was halten Sie von den in „Leichter Sprache“ verfassten Wahlbriefen?

Grundsätzlich finde ich es gut, dass Formulare so vielen Menschen wie möglich zugänglich gemacht werden sollen. Über die Wahlbriefe bin ich allerdings nicht glücklich, sie weisen Mängel auf.

Warum?

In den Wahlbriefen wurden lediglich alle zusammengesetzten Wörter durchgekoppelt, das heißt, man hat sich nicht an allen Kriterien für „Leichte Sprache“ orientiert. Beispielsweise ist die tabellarische Übersicht nicht gut. Man hat hier versucht, den Wahlbrief mit minimalem Aufwand anzupassen. Das ist äußerst ärgerlich, denn es geht an allen Adressatengruppen vorbei: Es ruft Missmut bei denen hervor, die lesen können. Und Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen haben trotzdem Probleme, den Wahlbrief zu verstehen. Es wird einfach nicht klar, an wen gedacht wurde.

Ist das nicht ein grundsätzliches Problem „Leichter Sprache“?

Ja, das Problem ist, dass die Gruppen, die die „Leichte Sprache“ erreichen soll, so heterogen sind. Alle zu erreichen, ist schwierig. Das Netzwerk für „Leichte Sprache“ denkt an funktionale Analphabeten, kognitiv beeinträchtigte Menschen und Migranten. Das ist in der Praxis kaum realistisch.

PD Dr. Alexander Lasch, Linguist an der Uni Kiel, beschäftigt sich seit 2013 mit der „Leichten Sprache“.
PD Dr. Alexander Lasch, Linguist an der Uni Kiel, beschäftigt sich seit 2013 mit der „Leichten Sprache“. Foto: Privat
 

Abgesehen von der tabellarischen Übersicht: Was hätte man in den Wahlbriefen besser machen müssen?

Durch die Bindestriche und die damit einhergehende Binnengroßschreibung wurde die Erwartungshaltung der Leser mit äußerst auffälligen Merkmalen gebrochen. Bei vielen entsteht so gleich das Gefühl: „Das will ich nicht lesen.“ Eine Anmoderation hätte in dem Fall geholfen. Man hätte außerdem die Bindestriche durch Mediopunkte (Mediopunkte trennen Wörter anstelle eines Bindestrichs, Binnenwörter müssen nicht groß geschrieben werden; Anm. der Redaktion) ersetzen können, sie hätten die Worteinheit nicht so sehr gestört.

Jetzt hat man das Problem, dass Stimmen laut werden in Richtung „Die Sprache wird kaputtgemacht“. Das ist natürlich nicht gewünscht.

Regeln für „Leichte Sprache“ des Netzwerks „Leichte Sprache“

„Leichte Sprache“ soll dazu beitragen, dass auch Menschen mit Lern- oder Leseschwäche, Demenzkranke oder Ausländer mit geringeren Deutschkenntnissen Texte verstehen können. Texte in „Leichter Sprache“ müssen anders verfasst werden. Das Netzwerk „Leichte Sprache“ sieht folgende Regeln vor (Quelle: leichte-sprache.de):

  • Einfache und kurze Wörter (Bus statt Omnibus)
  • Die Koppelung langer Wörter (Post-Leit-Zahl)
  • Kurze Sätze, keine Nebensätze
  • Bilder, die den Text zusätzlich erklären
  • Die Regel: Ein Gedanke pro Satz
  • Ein Satz pro Zeile
  • Aktiv formulierte Sätze
  • Die Vermeidung hoher Zahlen (lieber „sehr viele“ schreiben)
  • Vermeidung des Präteritums
  • Satzstellung nach dem Prinzip Subjekt-Prädikat-Objekt
 

Warum sind die Regeln des Netzwerks „Leichte Sprache“ Ihrer Meinung nach unzureichend?

Nicht alle Regeln, die das Netzwerk „Leichte Sprache“ aufgestellt hat, sind umsetzbar. Die geforderte Satzgliedstellung aus Subjekt-Prädikat-Objekt zum Beispiel immer einzuhalten, funktioniert im Deutschen nicht. Ort- und Zeitangaben können wir auch an den Anfang stellen – das wäre dann schon ein Verstoß gegen die Regel. Wir sind sprachlich aber so sozialisiert, dass wir den Satz „Am Freitag komme ich zu Dir“ verstehen können. Auch dass der Verzicht auf Nebensätze oder das Präteritumsverbot das Lesen erleichtern, kann man so pauschal nicht sagen.

Wie geht die Wissenschaft das Problem an?

Wir versuchen empirisch zu ermitteln, welche Regeln sinnvoll und umsetzbar sind. Es müssen Regeln sein, die das Lesen vereinfachen und nicht am Ziel vorbeischießen, weil sie nicht umsetzbar sind. Durch Lesetests mit Menschen aus der primären Zielgruppe versuchen wir herauszufinden, wo die Grenzen liegen.

Aber schön sind die Texte in „Leichter Sprache“ oftmals wirklich nicht, oder?

Ob die „Leichte Sprache“ schön ist oder nicht, um solche Werturteile geht es nicht. Wichtig ist der Eindruck von einem guten und richtigen Text. Bei der „Gemeinde-Wahl-Behörde“ hat diesen Eindruck niemand. Diese Schreibweise ist normabweichend. Und das wird auch von der eigentlichen Zielgruppe so wahrgenommen.

Zu welchem Problem führt das?

Wenn Formulierungen in „Leichter Sprache“ als normabweichend wahrgenommen werden, kann das auch zu einer Stigmatisierung derjenigen führen, die sie nutzen. „Gemeinde·wahl·behörde“ wird hingegen eher akzeptiert, um das Beispiel des Mediopunkts noch einmal aufzugreifen.

Bei den Wahlbenachrichtungen handelt es sich ja um ein Informationsblatt: Sie sollen gewährleisten, dass möglichst viele Menschen am politischen Leben teilhaben können. Sollte es auch Gedichte und Romane in „Leichter Sprache“ geben?

Als eigenes Format vielleicht schon. Eine Adaptation beispielsweise der Bibel halte ich jedoch nicht unbedingt für einen guten Weg. Man muss sich ja auch fragen, was von der Zielgruppe gelesen wird. Das sind in der Regel Krimis oder Ratgeberbücher für den Alltag. Kaum jemand wird sagen: „Auf Shakespeares ,Hamlet’ in ‚Leichter Sprache‘ habe ich gewartet.“ Hier wäre eine Adaptation im Theater viel spannender.

Wie verbreitet ist denn die „Leichte Sprache“ in Deutschland? Und wo müsste mehr getan werden?

Der aktuelle Stand ist ein sehr guter, die Forschung läuft. Immer mehr Institutionen wie Museen öffnen sich der „Leichten Sprache“. Wir arbeiten beispielsweise mit dem Deutschen Historischen Museum in Berlin zusammen, um zu erreichen, dass so viele Menschen wie möglich angesprochen werden – dazu tragen am Ende Texte der Kuratorinnen und Kuratoren, eine englische und eine leicht verständliche Version bei. Das ist zwar aufwendig, aber gerade für Institutionen wie das Historische Museum zentrales Thema, weil sie ja vermitteln wollen.

PD Dr. Alexander Lasch, Sprachwissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, ist 2013 eher zufällig auf das Thema „Leichte Sprache“ gestoßen: Damals startete das Portal nachrichtenleicht.de des Deutschlandfunks mit einem Angebot an Texten, die in „Leichter Sprache“ verfasst sind. Lasch begann sich für das Thema zu interessieren und es empirisch zu erforschen. Im kommenden Sommersemester ist ein Veranstaltungsformat in Kooperation mit der Stiftung Drachensee, einer Kieler Institution für Menschen mit Behinderung, geplant. Das Ziel: ein verständlicher Werkstatt-Vertrag, der von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und Studierenden gemeinsam erarbeitet wird.

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<p>Anna-Kathrin Gellner</p> von
erstellt am 11.Apr.2017 | 07:35 Uhr

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