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Politik

29. Juni 2016 | 00:25 Uhr

Jüdische Gemeinde in SH : Terror, Pegida und Demokratie: Das sagt der Landesrabbiner

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Er warte mit großer Sorge auf einen Anschlag auf christliche Einrichtungen, sagt Landesrabbiner Walter Rothschild im Interview.

Rabbi Rothschild, die Pegida-Bewegung beherrscht in Deutschland die Schlagzeilen. Mit welchen Gedanken blicken sie auf das islamkritische Bündnis?
Ich bin nicht pauschal gegen Pegida. Pegidas Antworten muss man nicht teilen, aber die Fragen sind berechtigt. Um Gottes Willen. Aber wir reden immer von Demokratie. Man soll Mut haben und sagen, was man denkt. Diese Leute machen das. Das ist das Problem für die Politiker. Die hätten gerne, dass die Menschen das nicht machen. Wenn Zehntausende Menschen bereit sind zu sagen, wir haben Angst und niemand hört uns zu, muss man das ernst nehmen.

Anderseits reichen sich Christen, Juden, Muslime, Menschen mit und ohne Religion auch in Schleswig-Holstein die Hände. Beispielsweise bei Demonstrationen in Kiel oder Flensburg für mehr Toleranz und gegen Rassismus.
Ja, das stimmt. Man darf aber nicht vergessen: Das passiert jetzt nach dem furchtbaren Schock in Paris, aber vorher gab es auch schon viele negative Erlebnisse. Es gibt schon in ganz Europa seit Jahren ein bisschen Angst vor muslimischer Intoleranz. Schleswig-Holstein ist ein friedliches Land, aber wir dürfen nicht vergessen: Bei den Kofferbomben aus Köln 2006, die glücklicherweise nicht zündeten, kamen die Täter aus Kiel und bei 9/11 aus Harburg. Es gibt Menschen in Norddeutschland, die nicht für Frieden sind. Das heißt, dass man sich noch stärker für Frieden einsetzen muss. Das tue ich gerne. Aber man darf nicht nur über Friede, Freude, Eierkuchen reden. Es muss was getan werden.


Der Terror des Islamischen Staats in Syrien und Irak und die Anschläge in Paris, auf die Redaktion „Charlie Hebdo“, aber auch auf einen jüdischen Supermarkt, haben die Stimmung in Europa verändert. Wie geht es den jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein im Moment?
Die Gemeinden sind relativ gelassen. Wir hatten bereits vorher Sicherheitsvorkehrungen. Eine direkte Bedrohung gibt es nicht. Prinzipiell ist Schleswig-Holstein ein friedliches Land, aber man braucht nur ein Prozent Idioten, und es kann gefährlich werden. Man braucht nur einen Mann mit einem Messer, es muss nicht immer eine Kalaschnikow sein. Wir haben aber schon seit langer Zeit regelmäßigen Polizeischutz an den Gebäuden. Eines möchte ich aber noch sagen.

Ja, bitte.
Es gab zwei Anschläge in Paris. Wenn es nur den zweiten gegeben hätte, nur auf den jüdischen Supermarkt. Wären die Menschen dann so emotional involviert und interessiert, wie sie jetzt sind? Man hat den Eindruck, in dem Moment, in dem Journalisten angegriffen wurden und nicht nur Rabbiner oder jüdische Kinder, haben die Journalisten plötzlich großes Interesse. In dem Moment, in dem in Belgien die Polizei fast Opfer geworden wäre, nimmt die Polizei es plötzlich sehr ernst.

Viele Muslime verurteilen die Taten. Sind sich die Religionen vielleicht sogar durch die Geschehnisse näher gekommen?
Es geht über die Denkweise der Religionen. Wie dogmatisch sie sind, wie flexibel sie sind. Das Christentum brauchte Jahrhunderte voller Gewalt, bevor es akzeptiert hat, dass es sowohl Katholiken als auch Protestanten gibt – und auch Methodisten, Baptisten und weitere. Die Muslime haben das noch nicht erreicht. Sie denken: Mein Weg oder kein Weg! Das ist ein Problem der Denkweise. Es geht nicht nur darum, was in irgendeinem Buch geschrieben steht. Die Frage ist: Wie liest man ein Buch? Was steht zwischen den Zeilen? Wie versteht man die Kommentare? Dort haben sie noch ein Problem.

Das sind Vorwürfe, die nicht unbedingt zur Entspannung beitragen dürften.
Ich möchte nicht nur negativ sein, aber man kann nicht sagen, es hat nichts mit Religion zu tun. Natürlich hat es das. Vielleicht ist es die falsche Art des Islam. Man kann es aber nicht verneinen. Wenn Menschen sagen, ein Seitensprung hat nichts mit Sex zu tun, stimmt das auch nicht. Natürlich hat es das.

Stimmen Sie dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, zu, der die islamischen Verbände aufgefordert hat, sich mehr im Kampf gegen Antisemitismus zu engagieren? Er bezweifelt, dass alles getan werde, um die Haltung in den eigenen Reihen, vor allem bei Jugendlichen, zu verhindern.
Natürlich tue ich das. Aber es geht nicht nur um den Antisemitismus. Ich warte mit großer Sorge auf den ersten Anschlag auf eine christliche Institution. Wenn diese Terroristen alle „Nicht-Gläubigen“ hassen, dann hassen sie nicht nur Juden. Das können wir nicht nur zu einem Problem von jüdischen Gemeinden machen. Die Frage ist: Was haben wir für Antworten, dass solche Leute unter Kontrolle gehalten werden?

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von
erstellt am 29.Jan.2015 | 11:34 Uhr

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