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Politik

30. September 2016 | 06:56 Uhr

Lohnuntergrenze bei Friseuren : Streit um Zahlen: Was kostet der Mindestlohn?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Waffe gegen das Lohn-Dumping - oder Gefahr für ungelernte Arbeiter? Was genau ein Mindestlohn bewirken würde, können auch Experten nicht genau voraussagen. Die Friseurbranche machte den Versuch einer Lohnuntergrenze von 7,50 Euro. Eine Zwischenbilanz.

Kiel | Es war ein Experiment. Ein Mindestlohn unter dem Mikroskop – in einer Branche, die immer wieder als Paradebeispiel für schlechte Bezahlung genannt wird. Ein Jahr lang gab es für Friseure in Schleswig-Holstein eine faktische Lohnuntergrenze. 7,50 Euro – und keinen Cent weniger – musste jeder Salon-Betreiber im Land seinen Angestellten brutto in der Stunde bezahlen, nachdem der Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklärt wurde. Bundesweit gehörte der Norden im Friseur-Handwerk damit zu den Vorreitern. „Was ich aus meiner Sicht sagen kann, ist, dass das nicht einen Arbeitsplatz gekostet hat“, erinnert sich Dieter Altmann von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Nord in Kiel. Inzwischen wird geprüft, ob sich eine bundesweite Allgemeinverbindlichkeitkeit durchsetzen lässt. Altmann ist optimistisch. Er geht davon aus, dass dies gelingt.

Setzt sich die SPD in den aktuellen Koalitionsverhandlungen durch, dann soll die Lohnuntergrenze bald für jede Branche, für jeden Arbeitnehmer gelten. Nicht als allgemeinverbindlicher Tarif-, sondern als Mindestlohn. Friseure, Pizzaboten, Arbeiter in Schlachtbetrieben – sie alle sollen profitieren. So versprechen es zumindest die Gewerkschaften. Arbeitgeberverbände widersprechen dem. Und Wissenschaftler warnen vor einem Experiment mit ungewissem Ausgang.

„Das Kernproblem ist, den Effekt des Mindestlohns zu isolieren“, so Dominik Groll, Wissenschaftler am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Daher ist der Streit um den Mindestlohn auch immer ein Streit um Zahlen, Statistiken und Modelle – und wie diese zu interpretieren sind. Nach Angaben von Verdi würden rund 288.000 Menschen in Schleswig-Holstein von einem Mindestlohn profitieren – mehr als die Hälfte davon (rund 60 Prozent) entfällt allerdings auf Minijobber.

IfW-Experte Groll und sein Kollege Stefan Kooths, Leiter des IfW-Prognosezentrums, haben sich ausgiebig mit dem Mindestlohn und seinen möglichen Folgen befasst. Zweierlei steht für sie fest: Als Instrument für die Probleme, die er beseitigen soll, ist der Mindestlohn ungeeignet. Und: Er gefährdet Jobs. „Man muss sich bewusst sein, dass ein Mindestlohn in dieser Höher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in höherer Arbeitslosigkeit resultiert“, warnt der Experte. Vor allem Jugendliche und Geringqualifizierte könnten negativ von der Einführung betroffen sein. „In Europa gibt es schon den Konsens, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Folge des Mindestlohns in einigen Ländern relativ hoch ist“, so der Experte mit Blick auf die Forschungsliteratur. „Vor diesem Hintergrund ist es schon erstaunlich, dass die SPD gar keine Ausnahmen machen will.“

Dem Unternehmensverband Nord zufolge würde ein Mindestlohn 25.000 Jobs im Norden gefährden. Die Zahl entnimmt der Verband einer Umfrage unter seinen Mitgliedern. Für 15.000 Geringqualifizierte würde der Weg in den ersten Arbeitsmarkt demnach zusätzlich verbaut werden. Einen der Gründe für diese Befürchtung sieht Groll darin, „dass ein Mindestlohn von 8,50 Euro im Vergleich relativ hoch ist.“ Ein Indiz dafür sehen der Ökonom und sein Kollege Stefan Kooths darin, dass vergleichsweise viele Menschen von der Einführung eines Mindestlohns mit 8,50 Euro betroffen wären. So verdienten den Experten zufolge rund 20 Prozent der abhängig Beschäftigten in Deutschland weniger als 8,50 Euro je Stunde. In Frankreich, so die Autoren, seien es hingegen nur 13 Prozent, in Großbritannien knapp fünf Prozent. Ein anderes Indiz: das Verhältnis vom Mindestlohn zu den sonstigen gezahlten Löhnen. So betrüge der Mindestlohn von 8,50 Euro rund 58 Prozent des Median-Lohns, also des mittleren Lohnes, der in Deutschland gezahlt wird. In den USA macht der Mindestlohn hingegen gerade einmal rund 38 Prozent dieses Median-Lohns aus.

Die Gewerkschaften kennen diese Zahlen. Ihre Schlussfolgerungen sind jedoch andere. „Auch von 8,50 Euro kann in Deutschland niemand große Sprünge machen“, so ein DGB-Nord-Sprecher, der darauf verweist, dass der Niedriglohn in Deutschland schon bei 9,54 Euro beginnt. „Geschäftsmodelle, die auf ausbeuterischen Billiglöhnen basieren, müssen vom Markt verschwinden – sonst werden die Unternehmen kaputtgemacht, die fair entlohnen“, sagt er zudem. Vor allem in der Gastronomie sieht er solche Modelle. Im Einzelhandel, bei Callcentern, in der Fleischindustrie. Wissenschaftler wie Groll wiederum betonen, dass bei einem Unternehmen, das seine Marktmacht zum Durchsetzen niedriger Löhne nutze, doch nicht die Löhne, sondern die Marktmacht der Kern des Problems sei.

Wo keine Arbeitsplätze verschwinden, da steigen die Preise. Dies ist das alternative Szenario, das Groll und sein Kollege voraussagen. Der Zugewinn durch den Mindestlohn würde am Ende aufgefressen. „Der Mindestlohn ist kein geeignetes Instrument, um das Armutsrisiko zu senken“, betont Groll daher auch. Gewerkschaften begegnen dem wiederum mit der Forderung nach einer permanenten Anpassung des Mindestlohns an die Entwicklung der Preise. 8,50 Euro wäre nur der Einstieg. Statt für einen Mindestlohn oder Lohnuntergrenzen plädieren die IfW-Experten vor allem für eine bessere Schul- und Berufsausbildung, für Qualitätsverbesserungen im Bildungssystem und „eine staatliche Ergänzung des Arbeitseinkommens“, wie es dieses in Ansätzen bereits durch die Hinzuverdienstmöglichkeiten in der Grundsicherung gebe.

Seit drei Monaten ist das Experiment im norddeutschen Friseurhandwerk vorbei. Inzwischen gibt es es einen neuen Tarifvertrag. 7,65 Euro schreibt dieser pro Stunde vor. Allgemeinverbindlich ist er nicht mehr. Die Innung soll keine Mehrheit mehr bei Arbeitgebern für das Plus von 15 Cent gefunden haben, heißt es.

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erstellt am 04.Nov.2013 | 08:29 Uhr

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