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Politik

24. Juli 2016 | 22:23 Uhr

Aufarbeitung in Kiel : Nazi-Vergangenheit: SH überprüft 400 Politiker

vom

Nicht nur SS-General Heinz Reinefarth hat den Ruf von SH als Rückzugsort für Nazis geprägt. Dies soll nun aufgearbeitet werden.

Er war der Einzige, der nicht dazugehört hatte. „Man kann mit Recht allmählich von einer Renazifizierung sprechen. Merkwürdig, wie selbstverständlich die alten Nazis auftreten und wie feige sie im Grunde sind, wenn man ihnen hart entgegentritt“, notierte Paul Pagel (CDU) am 14. März 1951 in seinem Tagebuch. Der damals 56-Jährige war der Einzige im Kabinett des Kieler Ministerpräsidenten Walter Batram (CDU), der zuvor nicht Mitglied der NSDAP gewesen war.

Schleswig-Holstein hat spät mit der Aufarbeitung von Kontinuitäten aus dem „Dritten Reich“ in der Bundesrepublik Deutschland begonnen. Zwar gibt es durch kleinere Forschungen Versatzstücke, eine größer angelegte Studie existiert bisher nicht. Dies läuft nun. Der Landtag in Kiel hat das Projekt angestoßen. Gut ein Jahr ist das her. Wissenschaftler des Instituts für Zeit- und Regionalgeschichte an der Universität Flensburg haben inzwischen Dutzende Quellen gesichtet und mit der Auswertung begonnen. Im nächsten Jahr soll das Ergebnis vorliegen.

„Wir wollen wissen, wie es wirklich war mit der Verstrickung des Parlaments und der Regierung in die braune Vergangenheit“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete und Historiker Jürgen Weber. Dies sei, assistiert Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU), „ein Kernthema der Parlamentsgeschichte.

400 Karrieren von ehemaligen Ministern, Staatssekretären und Landtagsabgeordneten will das Forscherteam um Projektleiter Prof. Uwe Danker untersuchen. Wie die von Ernst Kracht. Schon zu Kaisers Zeiten war Kracht Landrat in Dithmarschen geworden, später als bekennender Nationalsozialist Oberbürgermeister in Flensburg. In den 50er Jahren leitete das ehemalige NSDAP- und SS-Mitglied die Staatskanzlei in Kiel und diente mehreren Regierungschefs.

Als „Parteigenosse“ saß auch Helmut Lemke als Bürgermeister in Eckernförde und Schleswig als Bürgermeister in Amt und Würden. Von 1963 bis 1971 war er als CDU-Politiker Regierungschef in Kiel und danach bis 1983 Landtagspräsident. Ihn interessiere schon, ob und wie spätere Demokraten wie Lemke, der als NSDAP-Mitglied Kommunisten und Sozialdemokraten hatte verhaften lassen, möglicherweise durch parlamentarische Strukturen an die Demokratie herangeführt wurden, sagt Weber.

Entlarven wollen Danker und sein Team mit ihrer Arbeit ebenso wenig wie skandalisieren. „Wir klären auf, rekonstruieren und erzählen unsere Geschichte. Wir nennen Ross und Reiter, aber richten nicht, sondern bleiben Historiker“.

Bei vielen Alt-Nazis, die nach dem Krieg wieder öffentliche Ämter wahrgenommen haben, sei die Angelegenheit komplexer als erwartet. „Ein Schwarz-Weiß-Raster schließt sich aus, Grautöne überwiegen.“ Lemke und Kracht sind aus Sicht Dankers Beispiele für „gebrochene Biografien“.

Das Spektrum ist sehr breit: Es gab ehemalige Nationalsozialisten, die nach dem Krieg „in Netzwerken aktive apologetische Vergangenheitspolitik“ betrieben, sagt Danker. Andere nutzten ihre zweite, demokratische Chance. Wiederum andere, einst Verfolgte, gingen sehr tolerant mit den „ehemals Verstrickten“ um.

Ganz eindeutig schlimme Fälle gab es auch – Heinz Reinefarth etwa, der nach dem Krieg Bürgermeister auf Sylt und ab 1958 Abgeordneter des Landtags gewesen war. Bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 wurde der SS-Mann zum „Henker von Warschau“, wie er in Polen genannt wird. 2014 bedauerte es der Landtag, „dass es nach 1945 in Schleswig-Holstein möglich werden konnte, dass ein Kriegsverbrecher Landtagsabgeordneter wird“.

Die These, Schleswig-Holstein sei ein Rückzugsort für ehemalige Nazis und NS-Gewalttäter gewesen, gehöre seit über 50 Jahren „zum festen Repertoire“, sagt Danker. Angesichts der Zahl der Skandale, dem zum Teil internationalen Presseecho darauf und dem politischen Umgang damit spreche einiges für diese These. „Eindeutig belegt ist sie nicht“ und deshalb will das Forscherteam auch hier Aufklärung versuchen.

Warum die Untersuchung erst so spät kommt? Für Danker ist das kein Nachteil. Quellen, aus denen die Wissenschaftler schöpfen können, gibt es reichlich. Und, fügt Danker hinzu: „Je später, desto emotionsloser kann man da rangehen.“

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