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Politik

10. Dezember 2016 | 23:28 Uhr

Nabu und BUND : Naturschutz: Widerstand gegen neue Windräder in SH wächst

vom

Die Naturschützer gehen auf Distanz und schreiben einen blauen Brief an die Landesregierung: Es geht um Schutzabstände, Landschaftsräume und den Menschen.

Kiel | Ausgerechnet die Umweltschützer drohen der Landesregierung als Unterstützer des Windkraftausbaus von der Stange zu gehen. Das zeigt ein offener Brief, den der Naturschutzbund (Nabu) am Montag an die Staatskanzlei geschickt hat.

Darin beklagt Vize-Landeschef Fritz Heydemann, „selbst an ökologisch sehr sensiblen Standorten“ werde versucht, Pläne für mehr Windkraft „mit der Brechstange durchzudrücken“. Das lasse „vor allem auf regionaler Ebene den Unmut der Umweltverbände wachsen“. Dann die glasklare Warnung: „Bislang haben wir uns der harten Anti-Windkraft-Riege mit guten Argumenten entgegenstellen können“. Sollten aber nun Windkraft-Planungen „unverhältnismäßig zu Lasten von Natur und Landschaft gehen“, so Heydemann, „werden wir unseren Mitgliedern und anderen Umweltschützern nicht länger guten Gewissens erklären können, weshalb wir den Kurs des Landes zum Ausbau der Windenergie weiter unterstützen sollten“.

Das Thema Windkraftenergie wird immer mehr zum großen Zankapfel in Schleswig-Holstein. Die Zahl der kritischen Bürgerinitiativen nimmt zu, die CDU will größere Abstände zu Anlangen zum Wahlkampfthema machen – und jetzt üben auch noch die eigentlichen Unterstützer der Energiewende Kritik an der Politik der Landesregierung.

Das Fass zum Überlaufen gebracht hat für den Nabu ein Streit um Schutzabstände zu den Nestern bedrohter Großvogelarten. Heydemann wirft dem Land vor, es halte die eigene Zusage zu Mindestentfernungen nicht ein. Der Nabu beruft sich auf einen Fall aus Holzdorf nördlich von Eckernförde: Dort sollten nur 1500 Meter von einem langjährigen Seeadlerbrutplatz entfernt Windmühlen aufgestellt werden – obwohl das Land versprochen habe, eine solche Nähe als Tabu-Kriterium zu handhaben.  

Auch beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gärt es beim Thema Windkraft. Nach Informationen des sh:z werden unter den Mitgliedern Stimmen laut, einzelne Regionen seien genug belastet. Für Juni ist eine Sonder-Delegiertenversammlung zum Thema Naturschutz und erneuerbare Energien angesetzt. Beschlossen werden soll ein Positionspapier, „das klarmacht, was wir mitmachen und was nicht“, sagt Geschäftsführer Ole Eggers. Die Energiewende sei zweifellos nötig. Persönlich stellt Eggers aber das Ziel des Landes in Frage, 300 Prozent des Strombedarfs aus Öko-Energien zu decken: „Ich hielte auch 240 Prozent für ausreichend.“ Neben dem Vogelschutz seien weitere „Komponenten“ zu bedenken – schlicht der Mensch oder charakteristische Landschaftsräume.

Die Staatskanzlei versichert: Neue Windkraftflächen seien „in Beeinträchtigungsbereichen für Großvogelhorste nicht möglich“. Der Artenschutz werde dort als vorrangig gewertet. Bestandsschutz würden nur Windstandorte genießen, die bereits bis Anfang 2014 – vor der derzeit neu aufgerollten Windkraft-Planung – genehmigt worden seien. Und nur, sofern ein Gutachten ihnen eine Unbedenklichkeit bescheinigt. Um eine solche Alt-Genehmigung handele es sich bei dem Fall in Holzdorf.


Zeit zum Innehalten

Windkraftausbau: Kritik aus allergrünsten Kreisen ist ein Alarmsignal für die Kieler Koalition

Ein Kommentar von Frank Jung

Das trifft die Landesregierung an einer empfindlichen Stelle: Während der Widerstand von Bürgerinitiativen gegen die Windkraft ohnehin zunimmt und die CDU größere Abstände zwischen Mühlen und Häusern zum Wahlkampfthema macht – ausgerechnet da spielen auch noch die Treuesten der Treuen mit dem Gedanken, der Kieler Koalition die Freundschaft zu kündigen. Dass sogar Umweltverbände mit dem kompromisslosen Ausbaukurs des Landes für die Windkraft hadern, hat eine besondere Brisanz. Das ist Kritik aus der Stammwählerschaft von Rot-Grün-Blau. Das ist Einspruch selbst von denen, die Vorkämpfer für die Erneuerbaren waren, lange bevor sie Mainstream geworden sind.

Das zeigt: Energiewendeminister Robert Habeck macht es sich zu einfach, wenn er jedem unterstellt, gegen die Energiewende zu sein, der etwas gegen das regierungsamtliche Eiltempo vorbringt. Spätestens das Veto aus allergrünsten Kreisen verlangt dem Politiker ein Umdenken ab. Nur Fukushima zu sagen und zu glauben, so schon alle mitzunehmen, reicht nicht mehr aus. Bei allem Ehrgeiz: Mal einen Schritt zurücktreten und jenseits der Tageshektik gucken, ob wirklich alles an der Art und Weise des aktuellen Windkraftausbaus der Weisheit letzter Schluss ist – das täte Schleswig-Holstein gut. Unterm Strich auch der Akzeptanz für die richtige Grundrichtung weg von der Kernkraft. Zeit fürs Innehalten ist ohnehin da, weil die Leitungen für all den zusätzlichen Öko-Strom nicht stehen.  

Immer deutlicher wird: Der grüne Strom ist nicht so sanft wie seine Erzeuger gerne tun. Ob der Vogelschutz mancherorts zu sehr unter die Räder kommt, ist nur eins von mehreren Argumenten, mal selbstkritisch innezuhalten. Ursprüngliche Landschaftsbilder sollten nicht bloß als Liebhaberei abgetan werden. Noch viel gewichtiger ist die Frage, ob beim vorbeugenden Gesundheitsschutz für den Menschen – Stichwort Infraschall – nicht doch wenigstens etwas nachzusteuern wäre. Schade, dass dies dem Nabu keine Erwähnung wert ist. Fände man dabei Maß und Mitte, bliebe immer noch eine erkleckliche Zahl für neue Windräder übrig. Keiner zwingt das Land zum Ehrgeiz von Habeck & Co, mit den Öko-Energien so viel Strom wie früher mit den AKW – und damit dreimal mehr als für den eigenen Verbrauch – zu produzieren.

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erstellt am 03.Mai.2016 | 06:30 Uhr

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