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Politik

04. Dezember 2016 | 00:56 Uhr

Ego-Shooter wie Counter-Strike : Nach Amoklauf in München: Wie gefährlich sind Ballerspiele?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach dem Amoklauf von München wird wieder über Computerspiele diskutiert. Sie sind ein guter Sündenbock, sagt ein Kieler Wissenschaftler.

Kiel | Ein 18-Jähriger schießt in einem Münchener Einkaufszentum um sich, tötet neun Menschen und sich selbst. Dabei habe er sich vermutlich an Killerspielen orientiert, heißt es. „Mein Eindruck war, der hat sich wie in einem Computerspiel bewegt“, sagte Kriminaldirektor Hermann Utz. Besonders regelmäßig habe David S. den Ego-Shooter „Counter-Strike“ gespielt. Schon die Amokschützen von Erfurt, Winnenden und Emsdetten waren Fans von Computerspielen, die Gewaltakte simulieren. Und so rückt der gewaltverherrlichende Charakter solcher Games als möglicher Antrieb für Amokläufer erneut in den Fokus.

Seit Jahren stehen Ego-Shooter als möglicher Auslöser für Amokläufe in der Kritik. Tatsächlich zeigen vergangene Fälle, dass viele Täter gewaltverherrlichende Spiele gespielt haben. Aber nicht alle Spieler sind potenzielle Amokläufer, sagen Experten.

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, forderte, Ego-Shooter-Spiele zu hinterfragen. „Es gibt für alles Grenzen, wenn Gewalt damit gefördert wird“, sagte der CDU-Politiker der „Welt am Sonntag“. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) beklagte „das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet“.

Für vollkommen unbedenklich hält auch Lars Riesner von der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel Ego-Shooter nicht: „Solche Spiele haben einen Einfluss auf Aggressivität“, sagt er. Insbesondere Kinder seien mit den Inhalten oft überfordert. „Das hat aber nichts mit Amokläufen zu tun“, sagt der Diplom-Psychologe. „Die haben vielfältige Ursachen.“ So gehe es hierbei vielmehr um die Gesamtsituation, in der ein Mensch sich befinde, sagt auch Heidrun Allert, Professorin für Medienpädagogik an der Uni Kiel. „Die Mediennutzung kann nicht isoliert betrachtet werden.“ Man solle Medien weder unter- noch überschätzen, sagt sie. „Aber es wäre falsch zu sagen, Medien hätten gar keinen Effekt.“ Problemlagen, wie sich einsam oder ausgegrenzt zu fühlen, könnten durchaus verstärkt werden. Ob dies so geschehe, sei aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Wenn Jugendliche sich in ihr Zimmer zurückziehen und stundenlang Ballerspiele spielen, könnte dies zwar ein ernstzunehmender Hinweis sein, dass im Leben des Kindes etwas nicht in Ordnung sei, sagt Riesner. „Das muss es aber nicht.“ Den Ego-Shooter online zu spielen habe durchaus eine soziale Komponente: in Chats oder per Sprachfunktion können sich die Spieler untereinander austauschen, in Foren vernetzten oder Wissen austauschen. Jugendliche brauchen ein aufmerksames soziales Umfeld, das sich dafür interessiert, was sich hinter dem Rückzug des Jugendlichen verbirgt, sagt Heidrun Allert, und „über Erlebnisse mit Medien zu sprechen wie über andere Alltagsdinge auch. Dann kann ich besser entscheiden, ob mir das Sorgen macht“.

Thomas de Maizière sieht „eine schädliche Wirkung gerade auf die Entwicklung auch junger Menschen“ durch gewaltverherrlichende Spiele. Ein Verbot hält der Bundesinnenminister nicht für sinnvoll: Das sei in einem freiheitlichen Rechtsstaat „nicht der richtige Weg und wäre auch schwer umzusetzen“. Und außerdem wenig sinnvoll, sagen die Kieler Wissenschaftler: „Es ist einfach nicht möglich zu sagen, ob wir einen Einzelfall verhindern können, der so komplex ist, indem wir ein Medium verbieten“, sagt Allert.

Warum aber kocht diese Debatte immer wieder hoch? Für die Experten keine überraschende Entwicklung: „Das ist ja auch eine sehr plausible Erklärung“, sagt Lars Riesner. Und Menschen wollten in solchen Momenten der Unsicherheit Erklärungen haben, um ein Gefühl der Kontrolle zurückzuerlangen. Dass dem aber nur ein verzerrtes Bild zugrunde liege, wenn man sich statt der Gesamtheit der Spieler nur die Gruppe der Täter ansehe, werde meist nicht erkannt. In Ballerspielen lasse sich eben schnell ein Sündenbock finden.
 

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erstellt am 25.Jul.2016 | 20:04 Uhr

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