zur Navigation springen

Politik

06. Dezember 2016 | 11:12 Uhr

Asylbewerber in SH : Mehr Flüchtlinge: Die ersten schlafen im Zelt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mehr als anderhalb mal so viele Flüchtlinge wie 2013 werden dieses Jahr in Schleswig-Holstein erwartet. Die Folgen dieses Ansturms gehen über die Frage der Unterbringung hinaus.

Flensburg/Neumünster | 97.093 Menschen haben zwischen Januar und Juli Asyl in Deutschland beantragt – 62 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Auch in Schleswig-Holstein stieg die Zahl der Flüchtlinge deutlich an. Im gesamten Jahr rechnet das Innenministerium mit 6500 Asylbewerbern – 66 Prozent mehr als im Jahr 2013. Ein Anstieg, der Land und die Kommunen vor erhebliche Herausforderungen bei der Unterbringung der Schutzsuchenden stellt, wie Innenminister Andreas Breitner diese Woche in Kiel betonte.

Das gilt vor allem für die zentrale Erstaufnahme-Einrichtung in Neumünster: In der Scholtz-Kaserne am Haart sind durchschnittlich 450 Personen untergebracht, in Spitzenzeiten sogar über 500. Allein im August wurden in Neumünster 724 Flüchtlinge aufgenommen – doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

„Nach der Entwicklung der ersten Septemberwoche ist damit zu rechnen, dass diese Zahl im September noch steigen wird“, sagt Katja Ralfs vom Landesamt für Ausländerangelegenheiten. Problematisch ist vor allem, dass hier eigentlich die Erstorientierung stattfinden soll. Doch die sei kaum zu leisten, wenn die Flüchtlinge wegen der Kapazitätsprobleme zum Teil bereits nach zwei Wochen in die Kreise und kreisfreien Städte verteilt werden, sagt Katja Ralfs. Laut Asylverfahrensgesetz ist eigentlich ein Aufenthalt von bis zu sechs Wochen vorgesehen, zum Beispiel für die Asylanhörung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und um Beratungsgespräche zu führen. Um die dafür notwendige Aufenthaltsdauer realisieren zu können, benötige das Land „sehr zeitnah insgesamt 800 zusätzliche Unterbringungsplätze“, erklärte Andreas Breitner.

In Neumünster werden Engpässe zunächst mit Zelten abgefedert. Diese werden Katja Ralfs zufolge besonders am Wochenende genutzt, wenn zum Teil über 100 Personen ankommen. Da die Zelte zwar beheizt, aber nicht winterfest seien, werden Andreas Breitner zufolge derzeit auch frei werdende Bundeswehrliegenschaften als künftige Unterbringungsmöglichkeit ins Auge gefasst, um die Möglichkeiten der Erstaufnahme zu erweitern. Davon würden nicht nur die Flüchtlinge selbst, sondern auch die Kommunen profitieren, so Andreas Breitner. Denn auch dort ist der Anstieg der Flüchtlingszahlen deutlich spürbar. „Es wird für die Kommunen immer schwieriger, geeignete Wohnungen zu finden“, weiß Michael Sellhorn, Referent im Fachbereich Ordnung des Kreises Pinneberg. Dort leben derzeit 745 Asylbewerber, 20 weitere kommen jede Woche hinzu – mit steigender Tendenz.

Weil der Wohnraum nicht nur knapp, sondern auch immer teurer werde, diskutieren Vertreter von Kommunen und Kreis seit diesem Jahr über die Einrichtung einer zentralen Flüchtlingsunterkunft im Kreis Pinneberg. Dort könnten Asylsuchende bis zu sechs Monate leben, was den Verantwortlichen ein größeres Zeitfenster öffne, um beispielsweise eine geeignete Wohnung zu finden. Eine endgültige Entscheidung und eine entsprechend schnelle Lösung gibt es jedoch noch nicht.

Neben der Unterbringung gebe es laut Michael Sellhorn aber auch weitere Schwierigkeiten. So seien unter den Asylbewerbern beispielsweise immer auch schulpflichtige Kinder, für die auch Plätze in Schulen gefunden werden müssten. Auch im Kreis Stormarn gehen die Schwierigkeiten über die Frage nach einer geeigneten Unterkunft hinaus. 730 Asylbewerber lebten im Juni dieses Jahres im Kreis – mit weiter steigenden Zuwachszahlen. Das bedeutet auch: höhere Anforderungen an die Kommunen bei der Erstberatung und -betreuung. Darum wird dort jetzt unter anderem der Einsatz von Kultur- und Sprachmittlern aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge geplant, die die Kommunen bei der Erstberatung entlasten und den Flüchtlingen die Orientierung innerhalb ihrer neuen Umgebung erleichtern sollen. Dazu gehören unter anderem die Abgabe eines „Willkommenspaketes“ mit Informationen über Verkehrswege, Einkaufsmöglichkeiten sowie Adressen von Behörden, Kleiderkammer oder Tafel, aber auch die Unterstützung bei der Anschaffung von Möbeln und Aufklärung über Sicherheitsbestimmungen.

Andernorts wird die derzeit ohnehin schwierige Situation zum Teil noch zusätzlich durch andere Begebenheiten erschwert. So ist beispielsweise die Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende im Kreis Segeberg zwar für 80 Personen ausgelegt, jedoch müssen die Bewohner wegen einer geplanten Sanierung bis zum Beginn der Bauarbeiten anderweitig untergebracht werden. Die steigende Zahl der Asylsuchenden führe eben „für alle eingebundenen Stellen, aber auch für die Gesellschaft, zu vielfältigen Herausforderungen, die nur gemeinschaftlich angenommen werden können“, heißt es dazu aus dem Fachdienst Asyl- und Ausländerangelegenheiten im Kreis Segeberg.

Und auch Innenminister Andreas Breitner mahnt angesichts der vielschichtigen Schwierigkeiten bei der Bewältigung des wachsenden Flüchtlingsansturms: „Dieses Thema ist kein politisches Schlachtfeld wie jedes andere. Wir brauchen für unsere humanitäre Handschrift einen gesellschaftlichen Konsens.“ Und er betont: „Im Umgang mit Menschen, die sich hierher flüchten, weil sie um ihr Leben und ihre Gesundheit fürchten, sind wir uns einig: Sie sind uns willkommen!“

Die Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Bundesländer erfolgt in Deutschland nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel. Demnach nimmt Schleswig-Holstein rund 3,3 Prozent der Flüchtlinge im Bundesgebiet auf. Nachdem die Asylsuchenden ihren Asylantrag gestellt haben, müssen sie bis zu drei Monate in der Erstaufnahme-Einrichtung in Neumünster bleiben, bevor sie auf die schleswig-holsteinischen Kreise und kreisfreien Städte verteilt oder der Gemeinschaftsunterkunft der Erstaufnahme-Einrichtung zugeteilt werden. Den größten Anteil der Flüchtlinge nimmt Pinneberg auf (10,4 Prozent), der geringste Anteil (3 Prozent) bleibt in Neumünster.
zur Startseite

von
erstellt am 14.Sep.2014 | 09:08 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert