zur Navigation springen

Politik

25. Juli 2016 | 19:48 Uhr

Nord-Ostsee-Kanal : Mehr Atomtransporte auf dem Kanal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Trotz des Ausstiegs aus der Kernkraft steigt die Zahl der Frachter mit radioaktiver Ladung – Umweltaktivisten rufen daher zum Protest bei Kiel auf.

Kiel/Berlin | Der deutsche Ausstieg aus der Atomkraft läuft seit drei Jahren, zwei von drei schleswig-holsteinischen Meilern sind stillgelegt – doch die Zahl von Nukleartransporten durch den Nord-Ostsee-Kanal ist zuletzt gestiegen. Fuhr in den Jahren vor der Energiewende durchschnittlich alle drei Wochen ein Schiff mit Kernbrennstoffen durch den Kanal, so war das in der ersten Hälfte dieses Jahres alle zwei Wochen der Fall. Das ergibt sich aus Zahlen, die die Umweltschutzorganisation Robin Wood vom grünen Kieler Energie- und Umweltminister Robert Habeck erhalten hat. Und weil in der amtlichen Statistik Fahrten mit nicht-genehmigungspflichtigen Nuklearstoffen wie Uran-Erz gar nicht mitgezählt werden, gehen Atomkraftgegner davon aus, dass sogar jede Woche eine Passage mit strahlender Fracht durch den Kanal geht.

Besonders oft pendeln solche Schiffe zwischen Hamburg und dem russischen St. Petersburg. Grund für die Zunahme der Atomtransporte sei das nach wie vor florierende Geschäft mit Kernbrennstoffen, sagt Dirk Seifert, Energie-Experte bei Robin Wood: „Auf diesem weltweiten Markt spielen sieben oder acht abgeschaltete deutsche Atomkraftwerke keine Rolle.“ Vielmehr räche sich jetzt, dass die Bundesregierung mit dem Atomausstieg nicht auch die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau und die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen stilllegen will, die beim Handel mit Kernbrennstoffen kräftig mitmischen würden: „Diese Uranfabriken sind für viele atomare Transporte durch den Nord-Ostsee-Kanal der Bestimmungs- oder Ursprungsort“, sagt Seifert. Im Hamburger Hafen wird dabei stets umgeladen.

Bei dem beförderten Material handelt es sich zwar nur um schwach radioaktive Substanzen wie Uranhexafluorid oder Uranflourid, die man zur Herstellung von Brennelementen braucht. Doch gefährlich kann es trotzdem werden – vor allem beim stark ätzenden Uranhexaflourid: „Ist man dem länger ausgesetzt, kann er tödlich wirken“, sagt Seifert. Bei einem Austritt der Stoffe müsse daher innerhalb kürzester Zeit ein Gebiet im Umkreis von mindestens einem Kilometer evakuiert werden. In Hamburg wäre es letztes Jahr fast zu einem Unglück gekommen: Nur mit Mühe verhinderte die Feuerwehr, dass ein Brand auf dem mit Brennstäben beladenen Frachter „Atlantic Cartier“ schlimmere Folgen hatte. Nicht erst seitdem setzen sich die Grünen in der Hansestadt dafür ein, auf die Verschiffung atomarer Fracht im Hafen nach dem Vorbild Bremens zu verzichten.

Auch auf dem Nord-Ostsee-Kanal, der meist befahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt, seien Unfälle mit gefährlichen Auswirkungen bis hin zum Freiwerden nuklearer Stoffe nicht auszuschließen, warnt Seifert. Gerade vor vier Monaten bemerkte die schleswig-holsteinische Wasserschutzpolizei bei einer ihrer sporadischen Kontrollen einen Sicherheitsverstoß, wie die Bundesregierung jetzt in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei einräumen musste: Auf dem russischen Frachter „Sheksna“ standen zwei mit Urandioxid-Containern beladene Container zu dicht nebeneinander. Im Extremfall hätte das bei einer Havarie schlimme Folgen haben können: Ausreichende Sicherheitsabstände sollen verhindern, dass es bei Unfällen zu einer Kettenreaktion kommt.

Wegen der vielen Transporte wollen Atomkraftgegner ab 9. August mit einem einwöchigen Protestcamp am Nord-Ostsee-Kanal in Altenholz bei Kiel gegen die nuklearen Schiffsladungen demonstrieren. „Überall heißt es Atomausstieg – doch zu merken ist davon an den Transportwegen radioaktiver Frachten nichts“, kritisieren die Aktivisten in ihrem Aufruf. Dagegen sieht der grüne Minister Habeck keinen Grund zum Handeln: „Die bisher ganz überwiegend beanstandungslosen Transporte radioaktiver Stoffe auf Seeschiffen durch den Nord-Ostsee-Kanal geben derzeit aus Sicht der Landesregierung keinen Anlass, die genannten Transporte einzuschränken“, lässt er seinen Sprecher ausrichten.

zur Startseite

von
erstellt am 23.Jul.2014 | 12:50 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen