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Politik

27. August 2016 | 01:23 Uhr

Krieg in Nahost : Landesrabbiner: „Das ist ein Propaganda-Krieg“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Interview spricht der schleswig-holsteinische Landesrabbiner, Walter Rothschild, über Israels Rolle. Und dass Hamas-Kämpfer den Tod verdient haben

Kiel | Rabbi Rothschild, wie bewerten Sie das Vorgehen der israelischen Politik und des Militärs im Gaza-Konflikt?

Ich habe kein Verständnis für die Menschen, die dagegen sind. Es wird immer als Israel-Palästina-Konflikt beschrieben. Aber eigentlich ist es ein Palästina-Israel-Konflikt. Israel hat keine Probleme mit Palästinensern, 20 Prozent der Bevölkerung Israels sind Palästinenser. Aber einige Palästinenser haben Probleme mit Israel. In dem Moment, in dem man diese Wortreihenfolge wechselt, ändert sich die ganze Perspektive. Das ist Teil eins.

Und zweitens?

Außer ein paar Ausschreitungen in Jerusalem nach dem furchtbaren Mord an einem jungen arabischen Mann, den ich natürlich auch verurteile, gab es im ganzen Westjordanland kaum Unterstützung für die Hamas. Das ist sehr wichtig. Die Palästinenser sind zweigeteilt. Zwischen der PA (Palästinensische Autonomiebehörde, Anm. d. Red.) und der Hamas gab es Riesen-Streit. Die PA ist säkular, die Hamas ist islamistisch, hat aber die Macht übernommen und nachweislich ihre Gegner ermordet. Das ist bestätigt und fotografiert. Dieser blödsinnige Versuch, vor ein paar Monaten eine gemeinsame Regierung zu bilden, hat nicht funktioniert.

Die Ermordung dreier israelischer Jugendlicher und eines palästinensischen Jugendlichen ließen den Nahost-Konflikt wieder aufflammen. Wie konnte es dazu kommen, dass er derart eskaliert?

Das ist ganz einfach: Israel hat plötzlich herausgefunden, dass die Hamas seit neun Jahren daran arbeitet, Tunnel zu bauen. Das ist keine Sache von dieser auf nächste Woche. Das hat überhaupt nichts mit einem Mord an jungen Studenten zu tun. Israel hat herausgefunden, dass die Hamas zum Rosch Haschanah, einem Fest im September, ein großes Massaker anrichten wollte. Indem sie die Tunnel nutzen, um in Kibbuze (israelische Kollektivsiedlungen; Anm. d. Red.) zu drängen. Das ist jetzt vereitelt worden. Es ist ein System gebaut worden, um zu töten. Kann man das akzeptieren? Israel musste reagieren. Durch diese Tunnel steigt die Bedrohung. Es kommen nicht nur Raketen von oben. Die Angriffe kommen von oben und unten.

Können Sie die Bedenken verstehen, die man in Deutschland und der Welt hat, wenn man die Bilder der Kämpfe sieht?

Das ist leider die reine Dummheit – und ich habe keine Angst, zitiert zu werden: Das ist ein Propaganda-Krieg. Die Bilder und die Berichte in den Zeitungen sind sehr einseitig und einige angeblich sogar gefälscht. Ich glaube die Zahlen nicht. Punkt. Wo ist die unabhängige Bestätigung? Aber was ich glaube, ist, dass zumindest die Hälfte der angeblich zivilen Opfer Kämpfer waren. Es ist ein Krieg, bei der die Hälfte der Soldaten überhaupt keine Uniform trägt. Soldaten tragen Frauenkleider und 13-Jährige laufen mit einem Sprengstoffgürtel auf israelische Soldaten zu. Diese Menschen treten in den Kampf ein und verdienen deswegen den Tod. Wir reden immer über „unschuldige Opfer“. Wir brauchen aber Beweise, dass sie wirklich unschuldig sind. Ein weiterer Punkt: Sehr, sehr viel Geld geht in Waffen, warum geht es nicht in Krankenhäuser? Und es wird gesagt, die Menschen können sich nicht schützen. Sie haben aber die Bunker, in denen sie Schutz suchen können. Wieso kann die Hamas fast ein ganzes Metrosystem bauen, und dann sagen, es gibt keine Möglichkeit, Schutz zu finden? Wer glaubt das?

Beim Beschuss einer Schule, die zu einer UN-Hilfsorganisation gehört, sind gestern im Flüchtlingslager Dschabalia im nördlichen Gazastreifen mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen.

Es ist ein fürchterlicher Vorfall. Aber welche Beweise gibt es? Außer: „Die Palästinenser sagen“? Journalismus heißt normalerweise, man sucht zwei unabhängige Quellen – sonst ist es kein Journalismus, sondern nur Verbreitung von Gerüchten. Ich bin derzeit in England. In den BBC Radio Nachrichten hörte ich heute, 3000 Menschen suchten in dieser Schule Flucht – 15 davon wurden getötet. Also, nicht, dass das ganze Gebäude zerstört wurde. Auch auf BBC hieß es: „Ein ausländischer Journalist hat anti-tank shells (Geschoss zur Panzerabwehr; Anm. d. Red.) in zwei Klassenzimmern und einer Toilette gesehen.“ Aha! So neutral war dieses Gebäude dann auch nicht. Schon zweimal ist es vorgekommen, dass man in UN-Schulen Raketen gefunden und sie an die Hamas zurückgegeben hat. Das ist auch dokumentiert worden. Das Wort „Schule“ heißt leider nicht immer ein schöner Hort des Lernens und Wissens. Es kann auch bedeuten, dass es ein ziviles Gebäude ist, in dem diese fundamentalistische Miliz Munition lagert.

Sollten nicht alle Menschen im Gazastreifen möglichst keinen Krieg erleben müssen?

Da stimme ich zu. Aber ich gebe zu bedenken: Wer ist verantwortlich? Ich muss klar sagen, dass ich den Israelis überhaupt keine Schuld dafür gebe. Sie machen alles, was sie machen können, und trotzdem haben sie mehr als 50 Soldaten verloren – und viele Menschen wurden verwundet. Es gibt eine gut bewaffnete Miliz.

Allerdings ist auf anderer Seite von fast 1300 Toten die Rede.

Das Problem ist: In Europa hat man immer Angst vor Toten. Die Wirklichkeit ist, dass die Terrorgruppe ISIS im gleichen Zeitraum 200 Menschen in Syrien an einem Tag getötet hat – sie wurden enthauptet – und keiner regt sich auf.

Ist nicht jeder Mensch, der unschuldig stirbt, einer zu viel?

Aber was machen Sie dann mit dem Straßenverkehr in Schleswig-Holstein? Wie viele Menschen sterben da? 2013 waren es mehr als Einhundert, und über 15.000 Menschen wurden verletzt. Soll ich allen Autofahrern die Schuld dafür geben? Oder Mörder nennen?

Ist der Vergleich nicht sehr gewagt?

Man muss den Menschen Perspektiven geben. Wir sind alle sterblich, wir sind alle vom gleichen Schöpfer. Das ist mir sehr wichtig. Auch mein Feind ist ein von Gott geschaffener Mensch. Jedes neu geborene Kind ist wie ein leeres, frisches Blatt Papier. Wenn dieses Papier Hass aufsaugt, ist es aber eine andere Sache. Man kann Kinder auf eine grausame Art und Weise erziehen – und dann sind sie irgendwann nicht mehr unschuldig. Als Erwachsener ist er dann eine Gefahr – für alle. Es ist sehr schwer, diese Grenzlinien zu finden. Wenn man sagt, ein Fünfjähriger muss geschützt werden, stimme ich total zu. Ich möchte nicht noch mehr Hass in die Welt bringen, ich bin ein liberaler Rabbiner. Aber was ich in den letzten Wochen in den Medien gesehen habe, waren nur endlose Bilder von toten Babys. Obwohl es zigfach mehr Erwachsene Opfer gab. Das ist eine Propaganda-Sache. Man muss mit den Emotionen aufpassen. Es ist leider ein sehr emotionaler Konflikt geworden.

Was muss passieren, dass wieder Frieden herrscht?

Ich muss leider sagen, dass ich sehr deprimiert darüber bin. Ich sage es nicht mit Freude oder Stolz. Lesen Sie bitte die Bibel. Es gab immer Konflikte. Die Leute müssen den Kontext verstehen. Es heißt immer, es gab mal einen friedlichen Nahen Osten. Das war nicht der Fall. Mehrere Generationen von jungen Muslimen sind jetzt so erzogen worden, dass sie Israel und Juden hassen. Sie suchen keinen Frieden. Für Krieg braucht man einen, für Frieden braucht man zwei.
 

Finden Sie, dass sich Deutsche aufgrund ihrer Vergangenheit besonders mit der Kritik an der israelischen Politik zurückhalten sollten?

Das hat mit der Vergangenheit überhaupt nichts zu tun. Es geht um die Vernunft. Wenn Deutsche als moderne, zivilisierte Europäer die Welt anschauen, dann sollen sie es kritisieren, so lange es etwas zu kritisieren gibt. Zum Beispiel Pressezensur, Verletzung von Menschenrechten, Unterdrückung und Mord von ethnischen Minderheiten usw. Das gibt es überall in der Welt – aber nicht in Israel. In Israel gibt es Moscheen, Kirchen und Synagogen. Es gibt religiöse Freiheit, es gibt Pressefreiheit. Wenn man nicht unbedingt Benjamin Netanjahu mag, ist das vollkommen okay. Aber warum nicht? Ist man informiert? Die antisemitischen Parolen bei den Demonstrationen sind ein Ärgernis für die Juden, aber sie sind ein Problem für die Deutschen.

Inwiefern?

Wenn ein deutscher Bürger nicht auf die Straße gehen kann, ohne bedroht zu werden, weil er der falschen Religionen angehört, weil sie einen Minirock trägt oder weil er Fan vom falschen Fußballverein ist oder einen Bart oder ein Kopftuch trägt, dann ist das ein Problem für die deutsche Ordnung. Diesmal kann es gegen die Juden, beim nächsten mal kann es gegen die Christen sein. Denken wir an den Karrikaturen-Streit! Deutsche haben immer die Angst: Dürfen wir kritisieren? Meine Antwort ist: In dem Moment, in dem sie alle kritisieren, einschließlich was gerade im Libanon, in Syrien oder im Südsudan passiert, dann natürlich, bitte schön. Aber sie sollen sich informieren. Wie viel Flüchtlinge hat Deutschland in den letzten Wochen aufgenommen? Die flüchten genau vor solchen Menschen, wie den Hamas-Anhängern. Ich verlange nur einen Kontext für die Kritik an Israel.
 

Fühlen sich die jüdischen Gemeindemitglieder in Schleswig-Holstein bedroht?

Wir fühlen es noch nicht so. Ich kann keine 100-prozentige Garantie geben, aber insgesamt denke ich nicht. Sie wissen wahrscheinlich, dass es in Pinneberg in der Synagoge gerade einen asylsuchenden Muslimen gibt. Wir sind offen.

Interview: Stefan Beuke

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