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Politik

29. September 2016 | 15:33 Uhr

Wohnungseinbrüche in SH : Kampf gegen Einbrecher: In sechs Wochen zum Spuren-Experten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bei ihren Ermittlungen zu Wohnungseinbrüchen werden Kripobeamte demnächst von 28 Kollegen unterstützt, die keine Polizisten sind.

Im Kampf gegen Einbrecher wagt das Land ein absolutes Novum: Es stockt die Kräfte der Spurensicherung auf – allerdings nicht durch Polizeibeamte, sondern mit Angestellten, die in einem Sechs-Wochen-Lehrgang ausgebildet werden. Die ersten 17 Absolventen legen kommende Woche ihre Prüfungen ab, werden dann auf Kripo-Dienststellen in Schleswig-Holstein verteilt.

8.456 Einbrüche in private Häuser wurden laut Kriminalstatistik 2015 gemeldet. Gleichzeitig ist die Aufklärungsquote von 12,6 Prozent auf 8,9 Prozent gesunken. „Die polizeiliche Einsatz- und Ermittlungsarbeit in diesem Bereich wird weiter intensiviert“, versprach Innenminister Stefan Studt (SPD) in diesem Zusammenhang. In Hamburg wurde deshalb 2015 die Soko „Castle“ gegründet. Sie soll die steigende Zahl von Wohnungseinbrüchen bekämpfen. Die erste Bilanz: Es wurden mehr Taten aufgeklärt.

Besuch einer Übung: Drei Fenster stehen offen im Bürokomplex eines Autohauses in Eutin (Kreis Ostholstein). „Es gibt sogar noch Hebelspuren von einem echten Einbruch“, sagt Ausbildungleiter Thomas Mertin von der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung. Er hat die Absolventen fit gemacht in Spurenkunde und die Büros jetzt präpariert: Mit Finger- und Schuhabdrücken, Blutspuren, einer vergessenen Zigarettenkippe und dem Lieblingswerkzeug der Einbrecher, einem massiven Schraubenzieher. „Ziel ist es, alle Spuren zu erfassen und eine Dokumentation zu erstellen, mit der die Kripo arbeiten kann und die dem Gericht später als Beweismittel dient.“

Mit Overalls, Brillen und Mundschutz auf Spurensuche

Die künftigen Spurensicherer ziehen sich auf dem Firmenparkplatz ihre weißen Overalls über, legen Brillen und Mundschutz bereit. Je zwei sind ein Team. „Zunächst fotografieren wir den Tatort von außen“, sagt Dietmar Knoll (46). „Dabei versuche ich, den Blickwinkel des Täter einzunehmen. Wie hat er sich vom Tatort entfernt, wo könnte er noch Spuren hinterlassen haben?“ Knoll ist bereits seit 20 Jahren bei der Polizei – im IT-Bereich, der zum Technik-Dienstleister Dataport ausgelagert werden soll. „Da kam diese Chance gerade richtig“, sagt er. Kollegin Christina Runge (31) war Schreibkraft bei der Kripo Norderstedt. „Ich habe eine neue Herausforderung gesucht und hoffe, dabei zu helfen, viele Einbruchsfälle aufzuklären.“

Unter den Absolventen gibt es allerdings auch echte Quereinsteiger. So wie Roland Welt (53) aus Ansbach (Bayern), der zuvor mit Behinderten gearbeitet hat. „Finanziell ist es für mich eher ein Rückschritt, aber das ist es mir wert, weil mir diese Arbeit wegen der geforderten Akribie großen Spaß macht. Außerdem wollte ich unbedingt nach Schleswig-Holstein, weil Land und Leute mir liegen.“

Draußen ist mittlerweile alles erledigt, und in den Büros wird ebenfalls erst einmal fotografiert. „Es geht darum, den Tatort unverändert zu erfassen“, erklärt Knoll. Danach wird das ganz große Besteck aus dem Spurensicherungskoffer gezogen. Die Fingerabdrücke werden mit Rußpulver gesichert, das Theaterblut mit einem Wattestäbchen. Für die Schuhabdrücke wird eine Gel-Folie genutzt. Alle Funde werden vor Ort nummeriert und mit einem dazugelegten Maßstab abgelichtet. Fast zwei Stunden dauert die Prozedur, an deren Ende dann noch die Mitarbeiter des Autohauses, die täglich die Fenster öffnen, Fingerabdrücke abgeben müssen. Zuletzt wird Ausbildungleiter Thomas Mertin als vermeintlicher Chef befragt, wann das Büro verlassen wurde und was gestohlen worden ist. In dem Szenario sind es zwei Laptops.

Sicherheitsgefühl in SH ist angeschlagen

Der echte Autohaus-Chef beobachtet die Übung leicht amüsiert. „So einen Aufschlag hätte ich mir gewünscht, als tatsächlich bei mir eingebrochen wurde“, sagt Jan Knoop (46). Zweimal schlugen Kriminelle zu, zuletzt Anfang des Jahres. Ihre Beute: Kompletträder im Wert von über hunderttausend Euro. Ermittelt wurden die Täter nie. Jan Knoop hat sein Lager in „Fort Knox“ verwandelt, wie er sagt. Aber wie bei vielen anderen Schleswig-Holsteinern ist sein Sicherheitsgefühl stark angeschlagen. „Das ist der Grund für die Entscheidung, die Spurensicherung zu verstärken“, sagt Mertin und erklärt: „Wir entlasten damit die Kripo-Beamten, die sich intensiver um die Ermittlung der Täter kümmern können.“

Aber werden die Ermittler die neuen Kollegen mit ihrer kurzen Ausbildung ernst nehmen? „Ein halbes Jahr werden die neuen Kräfte jeweils mit einem Beamten mitlaufen, wir haben das ,Lernen durch den Job‘ getauft“, sagt Mertin. „Danach können sie völlig eigenständig Tatorte aufnehmen.“

Neben diesen Absolventen wird es noch einen zweiten Lehrgang mit elf Teilnehmern im Oktober geben. Damit können alle neue Spurensicherer rechtzeitig zur Einbruchszeit ihre Arbeit aufnehmen. Mertin: „Auf den Dienststellen werden sie schon händeringend erwartet.“

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erstellt am 21.Sep.2016 | 17:44 Uhr

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