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Gesundheitsversorgung : Jeder sechsten Arztpraxis in SH droht die Schließung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Während auf dem Land Ärztemangel herrscht, gibt es in Kiel und Lübeck zu viele. Gesundheitsminister Gröhe will deshalb Praxen schließen.

Kiel | Geht es nach Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), müssen in den nächsten Jahren 25.000 Arztpraxen in Deutschland schließen. Grundlage für diesen Kahlschlag ist ein Gutachten des Sachverständigenrats für das Gesundheitswesen, das die Über- und Unterversorgung in einzelnen Regionen unter die Lupe genommen hat.

Demnach gibt es auch in Schleswig-Holstein mehrere Hundert Kassenarztsitze zu viel. Harmlos im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen: Dort stehen demnach fast 5300 Arztstellen auf der Streichliste. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) sollen verpflichtet werden, diese Praxen aufzukaufen und stillzulegen, wenn die Region als überversorgt gilt. Das ist der Fall, wenn der Versorgungsgrad einer Fachgruppe bei mehr als 110 Prozent liegt. Grünes Licht aus dem Bundeskabinett hat Gröhe für seinen Gesetzentwurf kurz vor den Weihnachtsferien bekommen.

„Das geplante Gesetz schwächt die Patientenversorgung und stellt alle unsere Bemühungen um ärztlichen Nachwuchs auf den Kopf“, beklagt Monika Schliffke, KV-Chefin in Schleswig-Holstein. Gröhes Absicht, mit dem Gesetz Jungmediziner aufs Land „umzuleiten“, werde fehlschlagen.

Sollte das Gesetz demnächst vom Bundestag verabschiedet werden, fielen rein rechnerisch im Norden 77 Hausarztsitze, 540 Sitze bei den Fachärzten und 153 bei den Psychotherapeuten weg – also 770 von insgesamt 5400. „Damit würde jeder sechste Vertragsarztsitz in Schleswig-Holstein verschwinden“, hat Schliffke nachgerechnet.

Betroffen sind vor allem die Städte, in die es Mediziner wegen des kulturellen Angebots und der Berufschancen für den Ehepartner zieht. Allein in Kiel sind 13 Hausärzte überzählig, acht Augenärzte, fünf Frauenärzte, acht Hautärzte, 15 Chirurgen und sechs Kinderärzte. Sobald Ärzte dieser Fachrichtungen in den Ruhestand gehen, dürften sie nach Gröhes Plänen ihre Praxen nicht an Nachfolger verkaufen. Allerdings soll es Ausnahmen geben. So kann die Weitergabe zum Beispiel innerhalb der Familie des Arztes erfolgen oder an einen Partner, der seit mindestens drei Jahren in der Praxis arbeitet.

Wohl auch deshalb nimmt Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) die Diskussion um den Aufkauf von Praxissitzen als „aufgeheizte Debatte“ wahr. „Ich setzte darauf, dass es im Laufe der Zeit zu einer Versachlichung bei diesem Thema kommen wird“, so die Ministerin.

Diese Versachlichung ist auch aus Sicht der Kassen dringend nötig. „Es macht keinen Sinn, dass sich Haus- und Fachärzte in Kiel und Lübeck ballen und die Bürger in Dithmarschen oder im Lauenburgischen keinen Arzt mehr in der Nähe haben“, meint Armin Tank vom Ersatzkassenverband Schleswig-Holstein. Genauso wie sein AOK-Kollege Martin Litsch bedauert er, dass alle Versuche, dieses Ungleichgewicht zu beheben, bislang gescheitert sind. „Deshalb begrüßen wir den Vorschlag, dass die Neubesetzung eines frei werdenden Arztsitzes in einem überversorgten Gebiet zukünftig abgelehnt werden soll, zugunsten einer Niederlassung in Regionen mit vergleichsweise weniger Ärzten“, erklärt Litsch. Dadurch verringere sich aber nicht die Zahl der Ärzte insgesamt. „Insofern ist die Darstellung der Kassenärztlichen Vereinigung irreführend“, kritisiert der Chef der AOK-Nordwest in Kiel. Die Panikmache sei „sachlich falsch und unbegründet“. Immerhin legen Ärzte und Krankenkassen gemeinsam fest, wie viele Ärzte sich wo niederlassen dürfen.

Doch das beruhigt Schliffke nicht: „Auf der einen Seite soll es wegen angeblich zu langer Wartezeiten eine Termingarantie geben, auf der anderen Seite werden Arztpraxen einfach dicht gemacht. Dabei sind diese Praxen nicht leer, sondern voll. Das ist völlig absurd.“ Allerdings steht bei diesen KV-Attacken nicht nur das Patienteninteresse im Vordergrund. Viele Ärzte betrachten ihre Praxis als Teil der Altersversorgung. Kann man die Praxis nicht mehr an einen Nachfolger verkaufen, dürfte ihr Wert drastisch sinken.

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erstellt am 29.Dez.2014 | 10:13 Uhr

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