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Politik

10. Dezember 2016 | 13:55 Uhr

Bildung im Norden : Flensburgs Uni-Präsident will Abkehr von G8 in Schleswig-Holstein

vom

Die Flensburger Uni kritisiert das Turbo-Abi. „Der Mensch kein Trichter ist, in den man Wissen reinsteckt“, sagte der Präsident der Europa-Universität Flensburg, Werner Reinhart.

Flensburg | Kurz nach Beginn des Wintersemesters hat der Präsident der Europa-Universität Flensburg, Werner Reinhart, das Abitur nach acht Jahren scharf kritisiert. „Das war ein Versuch und wenn man den korrigiert, dann ist das keine Schande“, sagte Reinhart am Donnerstag in Flensburg. Zwar habe der „Versuch“ G8 in Schleswig-Holstein gerade erst begonnen, doch die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, es sei besser, darauf zu verzichten. „Wir haben nicht ohne Grund unseren Studiengang Vermittlungs- in Bildungswissenschaften umbenannt, weil der Mensch kein Trichter ist, in den man Wissen reinsteckt.“

Das Abitur nach der 12. Jahrgangsstufe (kurz G8) ist das Ergebnis einer Schulreform an den Gymnasien in Deutschland. Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von dreizehn auf zwölf Jahre wurde in den 2000er-Jahren in fast allen Ländern eingeführt. Lediglich in Rheinland-Pfalz blieb es bei einem Modellversuch. In den 2010er-Jahren ist in einigen Ländern eine teilweise oder komplette (Niedersachsen) Rückkehr zum Regelabitur nach dreizehn Jahren erfolgt.

Die ersten Erfahrungen mit den Erstsemestern aus G8 zeigten, dass Menschen an die Hochschulen kämen, „die ein Zeugnis der Reife mitbringen, bei allem was zu regeln ist, aber zurückgemeldet wird, dass sie nicht volljährig sind“, sagte der Präsident der Europa-Universität Flensburg, Werner Reinhart. Er berichtete von einigen der 1050 Studienanfänger in Flensburg, die in der Einführungswoche als Minderjährige von manchen Veranstaltungen ausgeschlossen waren sowie von Eltern, die in der Studienberatung auftauchten - in einem Fall sogar ohne ihr Kind.„Das ist für die Universitäten eine neue Situation.“ Ob da ein vierjähriger Bachelor hilft? „Das wäre sicherlich besser, als es ändert sich gar nichts“, sagte Reinhart. Er betonte aber, es sei „im Grunde genommen nicht universitäre Aufgabe“, das neunte Schuljahr zu ersetzen.

Das Bildungsministerium wies die Kritik, über die zuvor NDR1 Welle Nord berichtet hatte, zurück. Es müsse an der Qualität gearbeitet werden, „statt Energie mit einer neuen Schulstrukturdebatte zu vergeuden“, teilte eine Sprecherin mit. G8 sei in Schleswig-Holstein im Rahmen des Bildungsdialogs von einer Mehrheit bestätigt worden „und hat sich bewährt“. „Es gibt keinen Grund, diese Entscheidung in Frage zu stellen.“ Außerdem böten Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe und einige Gymnasien die Möglichkeit zum Abi nach neun Jahren.

Reinhart argumentierte dagegen, die Hoffnung, dass die jungen Leute früher in den Beruf einstiegen, würden gar nicht verwirklicht. Viele G8-Schüler nähmen sich ein Jahr nach der Schule, um eine Entscheidung zu treffen, sagte er. Auch Schulpädagogik, Eltern, Schüler und Erziehungswissenschaften wünschten sich in überwiegender Mehrheit eine Rückkehr. „Wir haben ja faktisch eine Abstimmung mit den Füßen“, sagte Reinhart und forderte einen „ergebnisoffenen Dialog“ aller Beteiligten. Das Ministerium verwies darauf, dass die Initiative eines Elternvereins zu dem Thema gescheitert sei.

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erstellt am 03.Nov.2016 | 16:50 Uhr

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