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Politik

28. Juli 2016 | 12:27 Uhr

Aufarbeitung : Der lange Nazi-Schatten über der Kirche

vom

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschloss die evangelisch-lutherische Kirche in Schleswig-Holstein immer wieder die Augen vor der Nazi-Vergangenheit. Die Nordkriche will das aufarbeiten.

Kiel | Der in Preetz geborene SS-Arzt Karl Genzken: wegen Menschenversuchen im KZ zu lebenslanger Haft verurteilt. Der aus Neumünster stammende SS-Polizeiführer in Estland, Hinrich Möller. Oder Carl Oberg mit privaten Verbindungen nach Flensburg, als Polizeiführer von Paris verantwortlich für die Verhaftung 70.000 französischer Juden, doppelt zum Tode verurteilt, aber letztendlich doch begnadigt. Die Liste der Übel konnte noch so lang sein – für Wilhelm Halfmann, von 1946 bis 1964 Bischof von Holstein, war das kein Grund, sich nicht trotzdem für NS-Verbrecher ins Zeug zu legen. Eine ganze Akte füllen seine Gnadengesuche und Bittbriefe zu ihren Gunsten.

Es ist nur ein Beispiel von vielen, wie die evangelisch-lutherische Kirche in Schleswig-Holstein und Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg die Augen vor der Nazi-Vergangenheit verschlossen hat. „Prägend war eine unreflektierte Solidarisierung mit den Tätern. Sie ging einher mit einer Tabuisierung der Fragen nach konkreter Schuld und begangenen Verbrechen“, bilanziert der Historiker Stephan Linck. Im Auftrag der Nordkirche selbst hat er das Thema erstmals umfassend recherchiert. Dokumentiert sind sie jetzt in Buchform: „Neue Anfänge? Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum“.

Lincks Forschung über den Zeitraum von 1945 bis 1965 knüpft an die von ihm mitgestaltete Wanderausstellung „Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933-1945“ an. Darin dokumentierte die Kirche zur Jahrtausendwende zwar, wie sie im Dritten Reich mitgemacht hat. Unbeleuchtet blieb aber manche Kontinuität in den eigenen Reihen nach dem Ende des 1000-jährigen Reichs. Fragen dazu tauchten bei den Besuchern der Ausstellung indes reichlich auf.

Auf 350 Seiten liefert Linck nun Antworten. „Gewissermaßen hat man die Schuldgeschichte nach 1945 fortgeschrieben“, sagt der Geschichtswissenschaftler. Er vermisst jegliches Einfühlungsvermögen für die Opfer. „Es wird geleugnet und relativiert, es gibt eine gemeinsame Abwehrhaltung, sich nicht kritisch mit den Dingen auseinanderzusetzen. Tragisch, wenn gerade die Kirche nicht nach Sühne und Gerechtigkeit fragt.“

Untersucht hat der Wissenschaftler die Vorgänge in den damals eigenständigen Landeskirchen Schleswig-Holstein, Hamburg, Lübeck und Eutin. Einzig in der Travestadt habe es zumindest unmittelbar nach Kriegsende „eine nennenswerte Selbstreinigung“ gegeben. In Eutin hingegen beobachtet Linck das krasse Gegenteil: „Dort hat sogar noch nach 1945 eine Nazifizierung stattgefunden.“ Der Chef des ostholsteinischen Kirchen-Territoriums, Wilhelm Kieckbusch, stellte ehemalige Nazi-Bischöfe und einen einstigen Generalsuperintendenten als Pastoren ein, die anderswo als untragbar galten. Noch in seiner Festschrift zum 65. Geburtstag 1966 hieß es über Kieckbusch unkritisch: „Er stellte sich mit der ganzen Autorität seines Amtes vor sie, als es in der Entnazifizierung um ihre politische Vergangenheit ging.“

Dem Holsteiner Bischof Wilhelm Halfmann hält Linck nicht allein vor, „sich ohne jede Prüfung der Tatvorwürfe für verurteilte Kriegsverbrecher eingesetzt zu haben“. Massiv belastet Halfmann dessen missionarische Schrift „Die Kirche und der Jude“. 1936 hat der spätere Bischof darin die antijüdische Gesetzgebung unterstützt und mit Verweisen auf Martin Luther zu rechtfertigen versucht.

Es ist symptomatisch, dass ihm dies beim Wechsel von der Diktatur zur Demokratie nicht einholte. Zwar hatte die britische Besatzungsmacht zunächst bei 100 Geistlichen Bedenken wegen eines Verbleibs im Amt angemeldet. Die vorläufige Kirchenleitung in den Sprengeln Schleswig und Holstein rechnete deshalb auch zunächst mit einer Entlassungsquote von 40 Prozent bei Pastoren und anderen Beschäftigten. „Man wusste also um die hohe formale NS-Belastung“, betont Linck. Letzten Endes blieben nur 16 Fälle übrig, in denen die Briten auf einer Entlassung bestanden. Von den Pröpsten wurden überhaupt nur zwei aus den Diensten der Kirche entfernt. Pikant: Überprüft wurden nur diejenigen Pröpste, die 1933 neu eingesetzt worden waren, weil sie der mehr als linientreuen Bewegung „Deutsche Christen“ angehörten. Ausgeblendet wurde“, so Linck, „dass die Entlassung aller anderen Pröpste ja nur deshalb nicht erfolgte, weil sie ohnehin schon als Parteigänger galten.“

Eine „ganz harte Abwehrmentalität“ beobachtet der Forscher auch in der Reaktion der hiesigen Landeskirchen auf das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die hatte darin im Oktober 1945 eigenes Versagen eingeräumt. Im Norden ereiferte man sich, dies sei „eine Ungeheuerlichkeit“, weil in dem Bekenntnis nicht zugleich „die Terror-Angriffe der Alliierten“ auf Deutschland erwähnt worden seien.

Selbst die Heyde-/Sawade-Affäre – der NS-Vertuschungsskandal Schleswig-Holsteins schlechthin – hat eine Verbindung zur Kirche. Und das sogar in Gestalt ihres höchsten ehrenamtlichen Repräsentanten, des Synodenpräsidenten Schleswig-Holsteins. Werner Heyde, medizinischer Leiter des Euthanasieprogramms, hatte die Aufsicht über 100 000 Morde an Behinderten und Juden und war in Schleswig-Holstein bis 1959 unter dem Namen Sawade untergetaucht. Über 7000 einträgliche medizinische Gutachten für Versicherungsämter und Gerichte verfasste er nach dem Krieg. Unter Vermittlung mehrerer Eingeweihter in einflussreichen Positionen. Dazu zählt Linck ganz besonders den damaligen Generalstaatsanwalt Adolf Voss – im Ehrenamt zugleich Synodenpräsident: „Voss war einer derjenigen, die seit Jahren die wahre Identität Sawades kannten und ihm gutachterliche Tätigkeiten beschafft hatten.“ Auch in der Presseberichterstattung über das Auffliegen der Heyde-/Sawade-Affäre fiel der Name Voss mehrfach. Die Krönung: Mitten in den Turbulenzen wurde Voss von der Synode im Januar 1960 mit 90 von 97 Stimmen als Präsident wiedergewählt.

Zu den krassen Fällen zählt auch die Causa Hans Bayer: Er wurde 1947 Leiter der kirchlichen Pressestelle – im Krieg war er SS-Hauptsturmführer und Direktor des Instituts für Volkslehre und Nationalitätenkunde. Die versuchte, die Vernichtungslehre der Nazis pseudo-wissenschaftlich“ abzusichern.

Bei allem Erstaunen über das Verhalten aus heutiger Sicht – Linck hat dafür eine einfache Erklärung: Mit dem Verdrängen befanden sich die Christen in Übereinstimmung mit dem gesellschaftlichen Mainstream. „Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus’ wollte sich die Kirche den Traum erfüllen, wieder Volkskirche zu sein. Dafür musste man Opfer bringen – in Form eines Konsenses mit der Mehrheitsbevölkerung.“

> Stephan Linck: „Neue Anfänge? Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum“. Lutherische Verlagsanstalt Kiel, (ISBN 978-3-87503-167-6), 17,95 Euro

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erstellt am 13.Jan.2014 | 07:04 Uhr

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