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Politik

04. Dezember 2016 | 03:02 Uhr

Friesenhof-Untersuchungsausschuss : „Das Schlimmste waren zwei Wochen Grünkohl, ungewürzt“

vom

Zwei ehemalige Bewohnerinnen der geschlossenen Mädchenheime des Friesenhofs berichten von Strafen und Kontrollen in den Einrichtungen.

Kiel | Strafsport, Isolation und zensierte Briefe - erstmals haben zwei ehemalige Bewohnerinnen der inzwischen geschlossenen Friesenhof-Mädchenheime vor dem Untersuchungsausschuss des Kieler Landtags (PUA) ausgesagt. An der Tagesordnung seien auch Kollektivstrafen gewesen, wenn zu Beispiel eine Bewohnerin geflohen sei. Das habe sich auch auf den Speiseplan erstreckt, sagte eine der Frauen am Montag im Ausschuss.

Die Friesenhof-Mädchenheime waren im vergangenen Jahr geschlossen worden. Den Einrichtungen wurden Mangel an pädagogischem Fachpersonal und menschenentwürdigende Methoden im Umgang mit Mädchen vorgeworfen.

Eine Strafe ist den Zeuginnen besonders in Erinnerung geblieben: „Das Schlimmste waren zwei Wochen Grünkohl, ungewürzt“, sagte eine 22-Jährige, die von November 2009 rund acht Monate unter anderem im Camp „Nanna“ war. Den Kohl gab es demnach pur, ohne Kartoffeln oder Fleisch, nur die letzten zwei Tage habe es etwas Ketchup dazu gegeben, sagte die Zeugin auf Nachfrage.

Dies sei eine Kollektivstrafe für alle gewesen, wenn beispielsweise eine der Jugendlichen abgehauen war. Das bestätigte eine 21-Jährige, die seit ihrem 13. Lebensjahr für mehr als drei Jahre im Friesenhof lebte. „Wenn ich abgehauen bin, dann gab es Grünkohl für die ganze Gruppe.“ Auch Strafsport sei die Regel geworden. An nächtliche Leibesübungen, wie einige ehemalige Mitarbeiter sie vor dem PUA, geschildert hatten, konnte sich die 22-Jährige nicht erinnern. Aber sie habe mit anderen zusammen zur Strafe einmal eine Riesenrunde laufen müssen „und die Betreuer sind im Auto hinterher gefahren“.

Beide Zeuginnen schilderten, wie sie zur Strafe von den anderen Mädchen je rund eine Woche isoliert worden seien. Sie hätten während der Zeit nicht mit den anderen Bewohnerinnen sprechen dürfen, seien von der internen Beschulung ausgeschlossen gewesen und mussten auf dem Zimmer essen. Theoretisch hätte sie durch das Fenster fliehen können. Ob Fenster verriegelt waren und aus welchen Gründen, darüber hatte es in den bisherigen Sitzungen widersprüchliche Aussagen gegeben.

Auch Fixierungen schilderten die jungen Frauen am Montag. Dabei seien sie von Betreuern - die sie auch namentlich nannten - auf den Boden gedrückt und ihre Arme nach hinten oben gebogen worden. So bewegungsunfähig habe sie schon mal 15 bis 20 Minuten liegen müssen, sagte die 21-Jährige, die einräumte, Aggressionsprobleme zu haben. Die Betreuer hätten Angst vor ihr, habe es zur Begründung geheißen.

Auch von Streit und Gewalt unter den Mädchen berichteten beide Zeuginnen. Die Möglichkeit, sich etwa beim Jugendamt oder der Heimaufsicht über die Einrichtung oder Betreuer zu beschweren, habe es nicht gegeben. Auch auf ihre konkrete Bitte hin, sei es ihr verweigert worden, ihr Jugendamt zu kontaktieren, sagte die Jüngere. „Wir durften mit niemanden darüber sprechen, was dort passiert.“ Ein Brief, in dem sie ihre Mutter gebeten habe, sie rauszuholen, sei zerrissen worden, sie musste einen neuen schreiben.

Die 22-Jährige berichtete ebenfalls, dass ein Brief an ihre Mutter zerrissen worden sei, „weil ich meiner Mama geschrieben habe, dass wir Strafsport machen mussten“. Von Briefkontrollen hatten zuvor auch schon Mitarbeiter berichtet, sie bestritten jedoch, eine inhaltliche Zensur vorgenommen zu haben.

„Was sollten wir machen, wir mussten da durch“, sagte die 22-Jährige, die gerade eine Ausbildung macht. Sie habe Äußerungen geglaubt, es würde ihnen wegen ihrer Vorgeschichten ohnehin niemand glauben. „Wir haben alle keine gute Vergangenheit.“ Zu einigen ihrer Betreuer hatten die beiden ehemaligen Heimbewohnerinnen aber gute Beziehungen.

Unterschiedliche Erfahrungen hatten die beiden Frauen bei ihren Aufnahmen ins Camp „Nanna“ gemacht. Die ältere berichtete, dass sie den BH ausziehen und anschließend - oben rum wieder bekleidet - die „Unterwäsche mindestens bis zu den Knien runterziehen und einmal springen“ musste. Die 21-Jährige musste sich nach eigener Aussage nicht soweit entkleiden. Frühere Mitarbeiter hatten im PUA davon gesprochen, dass sich Mädchen bis auf die Unterwäsche ausziehen mussten.

Die beiden Zeuginnen hatten sich bereits öffentlich und als Person erkennbar in den Medien zu dem Thema geäußert. Eine Zeugin war am Montag nicht erschienen. Weitere ehemalige Bewohnerinnen, die aussagen wollten, hatten sich beim PUA bisher nicht gemeldet.

Was ist der Friesenhof?

Genau genommen gibt es nicht einen Friesenhof, sondern drei Friesenhof-Heime. Dabei handelte es sich um Einrichtungen der Jugendhilfe in Wesselburenerkoog, Wrohm und Hedwigenkoog im Kreis Dithmarschen. Dort wurden seit 1999 Mädchen und junge Frauen mit schweren psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten betreut. Die jüngste Bewohnerin war erst zwölf Jahre alt, wie die für die Heimaufsicht im Sozialministerium zuständige Bereichsleiterin Sabine Toffolo kürzlich sagte. Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung beschäftigt nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters, des Hamburger Rechtsanwalts Christian Heim, 52 Mitarbeiter. 26 Mädchen wurden betreut, als die Vowürfe laut wurden. Die Heime wurden inzwischen geschlossen.

Wann und warum wurden die Heime geschlossen?

Wegen unzureichenden Fachpersonals und inakzeptabler pädagogischer Methoden ließ das Landesjugendamt zwei Einrichtungen des Friesenhofs am 4. Juni schließen.Die Heimbetreiberin musste inzwischen einen Insolvenzantrag stellen. Am 17. Juni teilte das Jugendamt mit, dass die umstrittene Einrichtung alle Heime schließt und auch den Betrieb von Wohneinrichtungen komplett einstellt.

Was soll dort vorgefallen sein?

Laut einem Schreiben des Landesjugendamts Schleswig-Holstein (LJA), das der Linken in Hamburg vorliegt, mussten sich Bewohnerinnen bis in die jüngste Zeit hinein „vor dem fast ausschließlich männlichen Personal nackt ausziehen, ihre persönliche Bekleidung abgeben, wurden teilweise gegen ihren Willen fotografiert oder gefilmt“. Dokumente geben bestürzende Einblicke in die Arbeit der Mädchenheime. Hier können Sie sie im Original lesen.

Fenstergriffe seien abmontiert und Kollektivstrafen verhängt, Briefe geöffnet und zurückgehalten sowie ungestörte Telefonate mit Erziehungsberechtigten verweigert worden. Diese Informationen stammen von ehemaligen Mitarbeitern, die sich beim Jugendamt darüber beschwert hatten, dass Erziehungsmethoden angewendet werden, „die geeignet sind, das Kindeswohl zu gefährden“.

Im Sommer 2015 wurde außerdem bekannt, dass ein Betreuer ein sexuelles Verhältnis mit einem minderjährigen Mädchen gehabt haben soll. Das Sozialministerium teilte dies mit, wobei es selbst bereits Mitte Januar darüber informiert worden war. Das genaue Alter des Mädchens wollte ein Ministeriumssprecher aus Datenschutzgründen nicht nennen. Über die pädagogische Funktion des inzwischen gekündigten Mitarbeiters konnte der Sprecher keine Angaben machen.

Was sagen ehemalige Bewohnerinnen?

Ihr Wille sei „systematisch gebrochen“ worden, berichtete eine ehemalige Bewohnerin auf zeit.de. Ein knappes Jahr lebte die heute 20-Jährige demnach in den Heimen. Warum sie im Friesenhof landete? Aus Schulangst sei sie nicht mehr zum Unterricht gegangen, ihren Eltern entglitten und schließlich vom Jugendamt ins Heim geschickt worden. Sie berichtet von Schikanen, die sie über sich hat ergehen lassen müssen: Trotz gebrochenen Arms sei sie zu Putzdienst, als Vegetarierin zum Fleischessen gezwungen worden.

Ein Mädchen, das von 2011 bis 2012 Bewohnerin war, vertraute sich Hamburgs Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus an und sprach von den „schlimmsten neun Monaten ihres Lebens“. Die 20-Jährige, die heute in Lüneburg lebt, berichtet, es sei an der Tagesordnung gewesen, dass sich die Mädchen unter Androhung von Strafsport nackt ausziehen mussten. „Es gab mehrere Betreuer, die Spaß daran hatten.“ Ihnen sei gesagt worden: „Wir brechen euren Willen. Wehe, ihr verliert auch nur ein Wort darüber – wir können alles nach außen pädagogisch begründen, egal, was ihr erzählt.“

„Friesenhof“-Leiterin Barbara Janssen widerspricht den Anschuldigungen. „Niemals musste sich ein Kind nackt ausziehen“, sagte sie. Auch von Putzdienst mit gebrochenen Arm sei ihr nichts bekannt.

Im Internet berichteten auch andere ehemalige Bewohnerinnen über ihre Erlebnisse. So schrieb Laura: „Ich war selbst vor einiger Zeit in dieser Einrichtung und kann bestätigen, dass wir uns bei der Ankunft im sogenannten Mädchencamp Nanna komplett ausziehen mussten, damit unsere Sachen und wir durchsucht werden konnten. Außerdem mussten wir ... unsere Klamotten abgeben und bekamen Einheitskleidung mit der Aufschrift Kinder- und Jugendhilfe Barbara Janssen. So mussten wir sogar in das öffentliche Fitnesscenter. Unter anderem auf Grund solcher Handlungen haben viele Betreuer diese Einrichtung verlassen.“

 
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erstellt am 18.Apr.2016 | 18:17 Uhr

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