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Politik

26. September 2016 | 10:47 Uhr

Ökostrom aus Schleswig-Holstein : 200 Millionen Euro: Kunden zahlen für Strom-Überfluss

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kunden zahlen für Energie, die nicht eingespeist werden kann. Der Grund: Die Netze zum Abtransport fehlen.

Kiel | Immer mehr Ökostrom aus Schleswig-Holstein kann nicht eingespeist werden, weil Netze zum Abtransport fehlen. Die Kosten dafür trägt der Verbraucher – und die Belastungen steigen rasant.

Während Schleswig-Holstein rechnerisch seinen Bedarf bereits heute zu 100 Prozent aus Ökostrom decken kann, sind es in Hamburg drei Prozent. Doch schon 2025 sollen es nach Plänen der Initiative 70 Prozent sein – mehr als die Bundesregierung bis dahin für ganz Deutschland vorsieht.

Für das vergangene Jahr werden allein in Schleswig-Holstein Entschädigungszahlungen von 200 Millionen Euro für Strom fällig, der nicht abgenommen werden konnte, schätzen Experten. Das entspricht einer Verdoppelung gegenüber 2014. Damals mussten 109 Millionen Euro für gedrosselte Ökostrom-Anlagen im nördlichsten Bundesland gezahlt werden. Doch schon in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres beliefen sich die Zahlungen nach Angaben der Bundesnetzagentur auf fast 82 Millionen Euro – obwohl die windreichen Monate erst im vierten Quartal folgten.

Ein Ende dieser Entwicklung ist für die kommenden Jahre nicht absehbar. Bis 2020 könnte die Milliardengrenze für die jährlichen Kosten des sogenannten Redispatch – also die Zwangsabschaltungen – sogar überschritten werden, warnt die Bundesnetzagentur.

Ein Großteil der Abschaltungen geht auf das Konto des Übertragungsnetzbetreibers Tennet und der fehlenden Nord-Süd-Verbindung Südlink. Ursprüngliche Planungen sahen vor, dass die Höchstspannungsleitung bis 2022 fertiggestellt wird. Tennet selbst rechnet inzwischen mit drei Jahren Verspätung – während der Zubau neuer Windkraftanlagen im Norden weitergeht.

Rechnerisch deckt der Wegwerf-Strom aus Schleswig-Holstein bereits jetzt den Jahresbedarf einer größeren Stadt. „Es ist doch absurd, erneuerbaren Strom wegzuwerfen statt ihn zu nutzen“, kritisiert daher auch Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck. Bei seinen Länderkollegen warb Habeck zuletzt dafür, den Strom stattdessen kurzfristig für Speicher, Heiz- oder Industrie-Prozesse nutzbar zu machen. Die letzte Umweltministerkonferenz in Augsburg hatte die Bundesregierung daher aufgefordert zu prüfen, wie sich ein solches System umsetzen ließe.

Bis es soweit ist, müssen vor allem die Verbraucher in Schleswig-Holstein immer tiefer in die Tasche greifen. Anders als die Umlage für Erneuerbare Energien (EEG) werden die Kosten für das Abschalten von Ökostrom-Anlagen nicht bundesweit umgelegt, sondern nur regional über Netzentgelte im Gebiet der Tennet. Zu diesem gehören neben dem „echten Norden“ Niedersachsen, Hessen und Bayern. Wenigstens in diesem Punkt gibt es allerdings Hoffnung: Das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin geht davon aus, dass „ein bundeseinheitliches Netzentgelt auf der Übertragungsnetzbetreiberebene eingeführt wird.“

 

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erstellt am 03.Jan.2016 | 18:48 Uhr

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