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Schleswig-Holstein

06. Dezember 2016 | 17:09 Uhr

Techniker Krankenkasse : Patienten kränker gemacht, als sie sind: Kassenchef räumt Manipulationen ein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Krankenkassen wollen damit offenbar mehr Geld kassieren. Jetzt hagelt es gegenseitige Schuldzuweisungen.

Kiel | Aufruhr bei Kassen, Kliniken und Medizinern: Weil der Chef der Techniker Krankenkasse zugegeben hat, dass Ärzte aufgefordert werden, Patienten kränker zu machen, als sie sind, um möglichst viel Geld aus dem Risikostrukturausgleich zu bekommen, hagelt es jetzt gegenseitige Schuldzuweisungen. So werfen die kommunalen Krankenhäuser den Kassen systematischen Abrechnungsbetrug vor und verlangen umgehende Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Der Risikostrukturausgleich (RSA) weist Kassen Geld aus dem Gesundheitsfonds zu je nach Schwere der Erkrankung der Versicherten. Das macht das System anfällig für Manipulationen -  weswegen es überarbeitet werden sollte.

Offensichtlich nutzten Kassen Beitragsmittel von mehreren hundert Millionen Euro, „um sich ungerechtfertigte Zahlungen zu sichern“, erklärte Verbandsvize Susann Breßlein. „Das muss aufgearbeitet werden“, fordert auch Bernd Krämer von der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein.

Der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, hatte zuvor eingeräumt, die Kassen hätten seit 2014 eine Milliarde Euro ausgegeben, um Ärzte zu vielen schweren Diagnosen zu überreden. „Aus einem leichten Bluthochdruck wird ein schwerer. Aus einer depressiven Stimmung eine echte Depression, das bringt 1000 Euro mehr im Jahr pro Fall“, schildert Baas das Vorgehen. Um Mediziner zum Mitmachen zu überreden, zahlten Kassen Prämien von zehn Euro je Fall an Ärzte, wenn sie Patienten auf dem Papier kränker machen. „Manche Kassen besuchen die Ärzte persönlich, manche rufen an.“

Der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas.
Der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas. Foto: Techniker Krankenkasse
 

Und es gibt Verträge mit Ärztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel haben. „Bei uns hat sich die Zahl der Fälle von Depressionen in den vergangenen vier Jahren vervierfacht. Und das sicher nicht nur, weil die Leute kränker werden“, so Baas.

Am intensivsten machten das die großen regionalen Kassen. Sie bekommen laut TK 2016 eine Milliarde Euro mehr, als sie tatsächlich für ihre Versicherten benötigen. „Das hat mit gesundem Wettbewerb nichts zu tun“, sagte Baas. Ohne diese Manipulationen könnte der TK-Beitrag um 0,3 Prozentpunkte niedriger liegen.

Baas greift damit vor allem die AOK an. Die wehrte sich am Montag. Man kämpfe seit Jahren für faire Wettbewerbsbedingungen, betonte AOK-Nordwest Chef Tom Ackermann in Kiel. Der Risikostrukturausgleich (RSA) müsse manipulationsresistenter gemacht werden. Nötig seien zudem „einheitliche Kodierrichtlinien“. Und dann der Seitenhieb auf Baas: „Erkennbares Ziel von TK-Chef Baas ist es, durch den Rückbau des RSA die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds zum Vorteil seiner Kasse zu verändern und somit in Zukunft einen günstigeren Zusatzbeitragssatz anbieten zu können.“

Ein Sprecher der Gesetzlichen Kassen schob auch Ärzten eine Mitverantwortung zu. Die hätten die Einführung verbindlicher Richtlinien für Diagnosen boykottiert. Die Kassenärtzliche Vereinigung (KV) in Bad Segeberg verwahrte sich am Montag gegen den Vorwurf, Ärzte würden Patienten durch „Up-Coding“ kränker machen. Chefin Monika Schliffke räumte aber ein, die KV habe Verträge mit mehreren Kassen abgeschlossen, die für beteiligte Ärzte eine Aufwandsentschädigung von zehn Euro vorsehen, für den Fall, dass die Codierung fünf- statt vierstellig erfolgt. Ziel dieser tieferen Kodierung der Diagnosen sei aber allein die „präziseres Abbild der chronischen Erkrankungen und ihres Behandlungsbedarfs“.

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erstellt am 11.Okt.2016 | 09:59 Uhr

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