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Panorama

05. Dezember 2016 | 11:38 Uhr

Circus Krone : Zirkus und Tierschützer an einem Tisch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Streit um Wildtiere in der Manege zieht mit dem Circus Krone durch ganz Schleswig-Holstein. Politiker versuchen zwischen Artisten und Tierschützern zu vermitteln.

Dürfen Wildtiere im Zirkus gehalten werden? Darf überhaupt ein Tier in der Manege auftreten? Um diese Fragen ging es jetzt beim ersten von der Kieler Landtagsfraktion der Piraten initiierten Runden Tisch mit Vertretern von Tierschutz und Circus Krone in Kiel. Seit Mitte Juli gastiert das europaweit größte Unternehmen mit seinen fast 200 Tieren in Schleswig-Holstein, zehn Spielstätten von Kaltenkirchen bis Flensburg stehen auf dem Plan. Doch Gastspiele von Zirkussen ziehen längst nicht mehr nur Fans an, auch dieses Jahr wurde Circus Krone durch Proteste von Tierschützern begleitet. Jene fordern ein Verbot von Wildtieren – oder sogar aller Tiere – im Zirkus. Begründung: Transporte, Unterbringung, Dressur und Auftritte seien für sie eine Qual. Der Zirkus selbst bestreitet dies vehement, wirft der Gegenseite Ahnungslosigkeit sowie ein Beharren auf Vorurteilen vor.

Die Fronten sind verhärtet. Allein in den vergangenen Wochen kam es immer wieder zur Beschädigung oder Zerstörung von Werbeplakaten von Circus Krone, zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Zirkusbesuchern vor Ort und sogar zu offenen Gewaltandrohungen im Internet. Der Zirkus selbst bezeichnet in seiner Internet-Präsenz die Protestler pauschal als sektenartig, unseriös, fanatisch und kriminell. Zirkus-Unterstützer benennen die Demonstranten in Rundmails als „kranke Typen“, verglichen sie bei Gegenprotesten auf einem Plakat auch schon einmal indirekt mit Nazis.

Eine artgerechte Haltung von Wildtieren in Zirkussen sei grundsätzlich nicht möglich – so eröffnete der Landesvorsitzende des Deutschen Tierschutzbunds Holger Sauerzweig-Strey die Debatte im Landeshaus. Vorstandsmitglied Gaston Prüsmann schlug vor, die vorhandenen Tiere sollten in den Zirkussen verbleiben, danach müsse jedoch Schluss sein.

„Unsere Tiere sind keine Wildtiere mehr, sondern in menschlicher Obhut geboren und aufgezogen worden“, bemühte sich Frank Keller, Tierschutzbeauftragter im Circus Krone, um eine Differenzierung. Löwen würden dort bereits seit 16 Generationen aufwachsen. Die Zeiten, als wilde Tiere mit dem Lasso eingefangen wurden, seien längst vorbei. „Die paar Elefanten und Nashörner, die es noch gibt, sind ohnehin Auslaufmodelle.“ Nachwuchs züchte man nicht, Tiere aus der Nachzucht dürften von Zoos nicht an Zirkusse weitergegeben werden, so sehe es das Washingtoner Artenschutzabkommen vor. „Wenn diese Tiere nicht mehr da sind, dann ist damit Schluss.“ Es gebe in Zukunft aber noch Pferde, Zebras, Lamas, Kamele, Papageien und Seelöwen.

Als die Vorsitzende des Schleswiger Tierschutzvereins, Yvonne Wiegers-von Wegner, Keller vorwarf, Elefanten seien bei Circus Krone innerhalb ihrer Gehege einzeln mit Stromdrähten so eingefasst, dass sie kaum Bewegungsmöglichkeiten hätten, drohte die ansonsten fast durchweg sachliche und konstruktive Diskussion zu kippen. Keller bestritt dies vehement und forderte Beweise. Die konnte Wiegers-von Wegner nicht liefern, warf ihm trotzdem die Leugnung von Tatsachen vor.

Der Zirkus liebe seine Tiere, sorge hervorragend für sie, die Kunststücke würden ihnen großen Spaß machen, sagte Keller und betonte die pädagogische Aufgabe von Zirkussen, den Menschen die Tiere nahe zu bringen. Dass Tiere durch die Transporte unter Stress stünden, sei nur ein Gerücht: „Studien haben gezeigt, dass das Reisen eben kein Stress ist. Einsteigen, Aussteigen, Transport, das wird mit den Tieren von klein auf geübt“, so Keller.

Auf die Frage, wieso Circus Krone nicht wie andere erfolgreiche Zirkusse sein Programm ohne Tiere gestalte, verwies Keller auf die Besucher, die auf deren Auftritte in den Vorstellungen nicht verzichten wollten. „Das Publikum will die klassischen drei Säulen: exotische Tiere, artistischen Nervenkitzel und die Clowns.“

Es gebe gut funktionierende regelmäßige Kontrollen durch Veterinäre, im Zirkuszentralregister werde alles dokumentiert, so Keller. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Tierschützer gebe es bei Krone keine Beanstandungen. „Ich bestreite nicht, dass es unter den Zirkussen auch schwarze Schafe gibt. Aber wenn sich einige Autofahrer nicht an die Regeln halten, kann man ja nicht den Führerschein abschaffen.“

Eine Überraschung gab es, als Sauerzweig-Strey das neue Säugetiergutachten von 2014 ansprach, welches sehr weit reichende Verbesserungen in der Haltung von Wildtieren vorsieht. Auf die an Keller gerichtete Frage, ob Circus Krone bereit sei, diese Regeln auf die mit wesentlich niedrigeren Standards verbundene Zirkustierrichtlinie zu übertragen, antwortete Keller achselzuckend: „Warum nicht?“

„Ich bin erstaunt und vermute, Herr Keller kennt die Anforderungen des Säugetiergutachtens nicht“, sagte Sauerzweig-Strey im Anschluss an die Runde. „Das wäre ein großer Schritt nach vorne.“ Allgemein hätten Tiere im Zirkus allerdings nichts zu suchen. Doch zunächst nahmen die Teilnehmer des Runden Tisches die Einladung von Frank Keller an, sich diese Woche beim Kieler Gastspiel von Circus Krone selbst vor Ort ein Bild von den Gegebenheiten zu machen.

Ein positives Fazit zog Angelika Beer, tierschutzpolitische Sprecherin der Piratenfraktion und Initiatorin der Runde. Sie hoffe, dass Circus Krone die Chance ergreife, in der öffentlichen Diskussion eine Vorreiterrolle zu übernehmen. „Ich bin überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Wildtiere nicht mehr zur Bespaßung der Menschen in Zirkussen gehalten werden.“

 

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erstellt am 31.Aug.2015 | 09:53 Uhr

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