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Panorama

28. Juli 2016 | 10:32 Uhr

Videoaufnahmen : Webcams in SH: Touristen fühlen sich verfolgt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mehr als 160 Kameras sind in Schleswig-Holstein installiert. Die Beschwerden von Bürgern nehmen zu. Experten: Menschen dürfen nicht zu identifizieren sein.

Scharbeutz/Kiel | Die Bilder im Internet sollen mit der Schönheit Schleswig-Holsteins weltweit eigentlich durchweg Laune verbreiten – doch nicht immer finden Urlauber und Einheimische die Aufnahmen gut: Beim Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz (ULD) mehren sich die Beschwerden über Videoaufnahmen per Webcam. „Pro Jahr beschäftigen uns mittlerweile um die 30 Fälle – Tendenz steigend“, sagt Sven Polenz, in der Weichert-Behörde Referatsleiter für Datenschutz in der Privatwirtschaft.

An Stränden, Promenaden, in Häfen, Lokalen oder auf Campingplätzen ist die Zahl der Kameras in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen, um mit bewegten Bildern Lust auf einen Besuch zu machen. Allein das Internet-Portal „Webcam Galore“ listet für Schleswig-Holstein 161 Kameras an größtenteils prominenten Orten auf. „Nicht alle, aber doch die meisten“ der beim ULD eingegangenen Meldungen führen laut Polenz zum Verfahren wegen Verstößen gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Bild. Die sind immer dann berührt, wenn, so Polenz, „eine konkrete Person identifizierbar ist“. In der Lübecker Fußgängerzone etwa hatte ein Restaurant den Betrieb auf der Außenterrasse zu dicht gefilmt. Auf einer Nordseeinsel zeigte ein Hotel nicht nur den Blick aufs Wasser, sondern nahm auf dem Strandabschnitt vor dem Haus zugleich Gäste beim Umziehen auf – und zeigte die Bilder auf einem Monitor im eigenen Frühstücksraum. Problematisch seien auch ständige Aufnahmen von Hausfassaden, weil Einbrecher anhand von Licht hinter den Fenstern Rückschlüsse auf die Anwesenheit der Bewohner ziehen könnten.

In durchschnittlich fünf Fällen pro Jahr führt die Intervention der Datenschützer dazu, dass die Technik abgebaut wird. Meistens wird schlicht die Einstellung verändert: also ein größerer Ausschnitt, ein anderer Winkel oder eine geringere Auflösung gewählt.

Polenz wünscht sich, dass Tourismusorganisationen ihre Mitglieder stärker bei richtigen Einstellungen beraten und für das Thema sensibilisieren. „Wir sind nicht gegen Webcams an sich“, betont ULD-Vizechefin Marit Hansen. „Es gibt Möglichkeiten für touristisch schöne Bilder, ohne dass dadurch Rechte verletzt werden.“ Aus Gründen der Transparenz pochen die Datenschützer auch auf eine sichtbare Beschilderung. Die Menschen sollten wissen, dass gefilmt wird und durch wen.

Der Sprecher der Tourismusagentur (Tash), Marc Euler, sieht Webcams als einen „netten Weg für den Gast, um zu gucken, was ihn erwartet“. Klar sei aber auch aus touristischer Sicht, dass die Privatsphäre gewahrt bleiben müsse. Denn: „Wenn ein Gast sich beobachtet fühlt, ist er bald nicht mehr unser Gast.“

Dennoch: Webcams sind beliebt. Schon über 217.200 Internetnutzer haben die Kamera in Scharbeutz über das Portal „webcams.travel“ angesteuert. Etwa 700 Besucher sind es täglich, berichtet der Betreiber Björn Lüth stolz. Doch die Webcam sorgte in der Vergangenheit auch für Unmut. Über das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz gab es nachdem die Kamera 2012 installiert wurde eine Beschwerde.

Die Datenschützer monierten, dass über die Kamera Gesichter zu erkennen sind, berichtet Lüth, der die Aufnahmen auf seinem Buchungs-Portal My-Ostsee überträgt: „Dahinter steckte keine böse Absicht. Wir haben die Einstellungen herausgezoomt und uns entschuldigt. Seitdem haben wir Ruhe.“

Die Kamera fällt auf, weil Nutzer die Einstellungen aktiv steuern können. So lässt sich die Kamera auf verschiedene Strandabschnitte oder Cafés schwenken. „Wir haben dafür eigens ein Programm entwickeln lassen, erklärt Lüth. Viele Touristen würden Webcams wie diese nutzen, um sich über das Wetter zu informieren. „Für Vermarkter ist das wichtig, weil Spontanbuchungen im Tourismus immer wichtiger werden“, so der Portalbetreiber. Viele Gäste würden zuerst in das Internet gehen und die Wettervorhersage über solche Webcams überprüfen und sich dann entscheiden. Etwa 50 bis 60 Euro kostet der Unterhalt einer normalen Webcam im Monat, schätzt Lüth.

Anbieter sollten trotzdem vorsichtig sein. „Personen dürfen auf Webcam-Aufnahmen nicht identifizierbar sein. Niemand muss dulden, dass Aufnahmen von sich im öffentlich im Internet übertragen werden“, mahnt Stefan Dirks, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht in Kiel. Auch Hauseingänge dürfen nicht gefilmt werden, wenn sich die Bewohner durch die Aufnahmen überwacht fühlen könnten.

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erstellt am 10.Aug.2014 | 18:45 Uhr

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