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Panorama

09. Dezember 2016 | 05:00 Uhr

Kalifornien in Schleswig-Holstein : Von Brasilien bis England: So international sind die Ortsnamen in SH

vom
Aus der Onlineredaktion

Schleswig-Holstein hat viele Ortsnamen aus aller Welt. Wir sagen und zeigen wo. Und erklären warum.

Mit dem Auto von Kiel nach Kalifornien in einer halben Stunde? Kein Problem. Denn Kalifornien liegt  nicht an der amerikanischen Westküste, sondern in Schleswig-Holstein, 30 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt in Schönberg  im Kreis Plön. Herzstück Kaliforniens ist ein Campingplatz am Strand, eingekauft wird beim Edeka und auf den Tisch kommt Fisch vom Kutter.

Von Kalifornien führt der Weg gen Süden nach Brasilien. So weit, so richtig. Nur ist der Weg gerade mal ein Kilometer lang, nennt sich Deichweg und führt entlang der Ostseeküste. Denn auch Brasilien hat sich die Gemeinde zu eigen gemacht.  Ostseestrand  statt Copacabana. Bungsberg statt Zuckerhut. Cola-Korn statt Caipirinha.

Aus diesem Grund hat auch das  ARD-Morgenmagazin während der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien  aus Schönberg gesendet –  quasi „Vor-Ort-Berichterstattung“ von der Ostseeküste. Und auch der Getränkehersteller Coca Cola ist anlässlich der Namensgleichheit auf den Zug aufgesprungen und  hat im Brasilien-Check die schleswig-holsteinischen Brasilianer auf ihre WM-Tauglichkeit geprüft. Doch das war nicht das erste Mal, dass Schönberg wegen seiner prominenten Ortsteile im Fokus der Öffentlichkeit stand, weiß Bürgermeister Dirk Osbahr. Schon vor der WM waren Brasilien und Kalifornien deutschlandweit bekannt. „Immer wieder kommen Medienvertreter und berichten über den Ort.“ Die Einwohner störe das bisher nicht.

Das „Morgenmagazin“ zu Gast in Brasilien bei der WM 2014 mit Gerald Asamoah (v.l.) , Moderator Peter Großmann und Kommentator Arnd Zeigler.

Das „Morgenmagazin“ zu Gast in Brasilien bei der WM 2014 mit Gerald Asamoah (v.l.) , Moderator Peter Großmann und Kommentator Arnd Zeigler.

Foto: dpa/Carsten Rehder
 

Dass der Gemeinde diese Aufmerksamkeit zuteil wird, hat sie einem Fischer zu verdanken. Vor etwa 300 Jahren entdeckte er Wrackteile eines Segelbootes vor dem Schönberger Strand treiben und hievte die Planken aus dem Wasser. Auf einem der Bretter war „California“ – vermutlich der Name des Schiffes – geritzt. Der Fischer dekorierte voller Stolz über diese exotische Errungenschaft seine Hütte mit dem Brett und nagelte es über seinen Eingang. Ein besonders neidvoller Nachbar tat es ihm gleich und schrieb „Brasilien“ über seine Fischerhütte. Aus diesem Scherz entwickelten sich schließlich die Namen der Ortsteile. Heute leben in Kalifornien 426, in  Brasilien 19 Einwohner.

England eine „enge Wiese“?

Überschaubar ist auch die Bevölkerung Englands. Etwa Hundert Einwohner zähle der Ortsteil  auf der Halbinsel Nordstrand an der Nordseeküste, schätzt André Wilckerling, der dort das „Hotel-England“ betreibt.  „Während der Weltmeisterschaft war auch das Fernsehen bei uns“, erinnert er sich. Hin und wieder komme auch mal Post über Groß Britannien zu den Engländern auf der anderen Seite der Nordsee. Zur Herkunft des Namens kennt auch Wilckerling nur die wagen Überlieferungen. Vermutlich wurde der Ortsteil in der wiesenreichen Gegend im übertragenen Sinne als England (dänisch „eng“ für „Wiese“) bezeichnet.

Foto: Grafik: Yalim

Die Botanik war es auch, die  Sommerland im Kreis Steinburg  den Ortsteil  Grönland  bescherte.  Der Name ist den  satten, grünen Wiesen in der Marsch gewidmet (plattdeutsch „grön“ für grün). Das habe schon zu allerhand Verwirrung geführt, erzählt Bürgermeisterin Helga Ellerbrock und berichtet ebenfalls von fehlgeleiteten Briefen an das dänische Grönland und Einwohnern ihrer Gemeinde, die andernorts auf dänisch begrüßt wurden. Das Land zwischen den Meeren flankiert von England im Westen und Brasilien im Osten – was nach topographischem Wirrwarr klingt, ist im echten Norden Realität.

Verwirrt sein wird auch, wer glaubt, dass Schweden und Norwegen nur zu Skandinavien gehören. In Mohrkirch nördlich von Kappeln im Kreis Schleswig-Flensburg wurden zwei Straßen nach den Ländern benannt. Warum, das ist bisher nicht überliefert. Vom Norden geht’s wieder in den Süden des Landes. Genau genommen nach Kamerun. Jedoch liegt Kamerun nicht in Afrika am Atlantik, sondern weitaus nördlicher  in Emkendorf im Kreis Rendsburg-Eckernförde etwa 40 Kilometer von der Ostsee entfernt. 

Bali gleich „Batterie Lilienthal“

Als die drei Kilometer entfernte und 100 Hektar große Fläche 1934 besiedelt wurde, haben sich die Namensgeber an der ehemaligen Kolonie in Afrika orientiert. „Die Siedlung war ja quasi eine Kolonie für die Gemeinde“, weiß Hans-Jürgen Lorenzen, der sich ehrenamtlich mit der Geschichte seiner Heimatgemeinde beschäftigt hat. „Gebräuchlich war der Name aber wohl schon vorher“, vermutet  Lorenzen.  Diese Art der Nachbenennung hiesiger Ortschaften nach ehemaligen Kolonien begegnet einem öfters.

Die Siedlung Bali in der Gemeinde Dobersdorf im Kreis Plön gehört jedoch nicht dazu. Weder war die Insel im Indischen Ozean jemals eine deutsche Kolonie, noch hat die Siedlung in Dobersdorf etwas mit ihr zu tun. Der Name ist eine Abkürzung der Flakstellung „Batterie Lilienthal“, die dort während des zweiten Weltkriegs angesiedelt war.

Das flächenmäßig größte Land der Erde, Russland, ist hierzulande gerade mal ein Straßenzug und liegt in Holzdorf auf der Halbinsel Schwansen. Woher der Name stammt, weiß auch Bürgermeister Dirk Radeck nicht aus dem Stegreif. „Ein zugezogener Russe war der Namensgeber“, vermutet er. Ein Blick in die Chronik der Gemeinde gibt ihm Recht: Ende des 18. Jahrhunderts gab es drei Katen an der Stelle, die heute Russland heißt und damals Großes Moor hieß. Eine der Katen wurde von einem Mann names Nippart bewohnt, der von der Insel Ösel (früher Russland, heute Estland) stammte und das Gehöft auf den Namen seiner Heimat taufte.  Die drei Katen stehen noch heute dort.

Einheimische sind es vermutlich auch gewesen, die Elmshorn um den Ortsteil Sibirien bereichert haben. Der Name stammt aus dem Volksmund und bezeichnet ein vor 100 Jahren einsames Grundstück mit Moor-, Wald- und Heideflächen und einem Bauernhof mit einem kleinen Teich.

Die Weitewelt liegt bei Segeberg

Nicht nur bei Ländernamen hat  sich Schleswig-Holstein großzügig in der Welt bedient, sondern auch bei Städtenamen: Jerusalem und Belgrad oder Berlin und Augsburg. Die Weitewelt ist zuhause in Schleswig-Holstein – nicht nur im übertragenen Sinne. Gemeint ist der Ortsteil Seedorfs im Kreis Segeberg. Wer also glaubt, Brasilien oder Kalifornien seien die weite Welt, hat weit gefehlt. Von Weitewelt etwa drei Kilometer  entfernt liegt  Berlin. Nicht die Bundeshauptstadt, sondern ein weiterer Ortsteil Seedorfs. 1215 wird das schleswig-holsteinische Berlin erstmals urkundlich erwähnt und ist damit älter als das politische Zentrum der Republik, das erst 1244 in Urkunden Beachtung findet.

Von Berlin ist es nicht weit nach Augsburg – etwa 120 Kilometer sind es nur. Auch führt der Weg nicht vom Osten in Süden nach Bayern, sondern vom Kreis Segeberg nach Nordfriesland in  die Gemeinde Schwesing bei Husum. Zwei Katen westlich der Flensburger Landstraße haben dem Ortsteil seinen Namen gegeben. Vermutlich waren es auch hier Zugezogene, die ihrer neuen Heimat den Namen ihrer Herkunft gaben.

 
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erstellt am 02.Aug.2016 | 06:46 Uhr

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