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Meeresverschmutzung : Todesursache Plastikmüll

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Verstopfte Mägen, strangulierte Vögel: An der Nordsee hat ein Verein den Kampf gegen die Verpackungsflut aufgenommen.

Helgoland | Verheddert in den Schnüren alter Fischernetze hängen tote Vögel mit langen Hälsen in den roten Klippen und baumeln im Wind. Plastikmüll im Meer – wohl nirgendwo sind die Folgen so schaurig sichtbar wie auf Helgoland. Der Hamburger Wolfgang Schlegel hat das Massensterben auf der Nordseeinsel dokumentiert und die Bilder ins Internet gestellt. „Friedhof der Baßtölpel“ heißt seine Seite. „Die Vögel bauen ihre Nester nicht mehr aus Seetang und Gräsern, sondern aus den Resten von Fischernetzen“, erklärt der Rentner. „Wenn sich die Baßtölpel oder Lummen dann bei bei der Balz oder sonstwie darin verstricken, gibt es kein Entkommen.“

So traurig die Fotos sind, sie zeigen nur einen Teil der Misere. Über eine Million Seevögel und rund 100.000 Meeressäuger verenden laut Umweltbundesamt jedes Jahr, weil Menschen Plastikmüll ins Meer werfen: Er verstopft ihre Mägen. Das Kieler Umweltministerium hat tote Eissturmvögel an der deutschen Nordseeküste untersuchen lassen: 97 Prozent hatten Müll im Bauch, durchschnittlich 26 Plastikstücke.

Die bedrohlichen Entwicklung will eine Gruppe Schleswig-Holsteiner nicht länger hinnehmen. Auf Eiderstedt (Kreis Nordfriesland) hat sich jetzt der Verein „Küste gegen Plastik“ gegründet. Ziel der bislang zwölf Mitglieder: die Plastik- und Verpackungsflut zu stoppen. Vorsitzende Jennifer Timrott von der Hallig Hooge: „Uns an der Küste fällt das Problem ja buchstäblich vor die Füße, da kein Tag vergeht, an dem man am Wasser nicht über Verpackungen, Tüten, Kanister oder Netzreste stolpert.“ Das Meer aber bedeute vielen Menschen etwas. „Es schafft Identifikation und Motivation, und das wollen wir nutzen, um Impulse zu geben.“ Eine der Ideen: Kunden könnten beim Einkauf Produkte mit roten Zetteln markierten, die ihrer Meinung nach nicht in Plastik verpackt sein sollten. „Händler und Hersteller müssen wahrnehmen, dass andere Verpackungen gewünscht werden“, sagt Timrott. „Und es wäre schön, wenn wir mit Partnern im Handel Alternativen einführen könnten.“ Gleichzeitig will der Verein Gäste und Einheimische über diese Art der Meeresverschmutzung informieren und als Plattform dienen: Wo gibt es plastikfreie oder plastikarme Produkte? „So wollen wir die Recherchezeit für alle verkürzen, die beim Einkauf Plastik vermeiden möchten.“

Seit über 20 Jahren kontrollieren Freiwillige der Schutzstation Wattenmeer, was an die Nordseestrände gespült wird. Sprecher Christof Goetze: „Bis zu 70 Prozent sind Kunststoffteile. Aufdrucke und Art der Gegenstände zeigen, dass sie oft von Schiffen über Bord geworfen wurden.“ Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) bestätigt: Hauptverursacher sind die kommerzielle Schifffahrt und die Fischerei. „Flächendeckende Flüge über der deutschen Nordsee zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Mülldichte und Schifffahrtsrouten“, so Meeresschutzreferent Kim Detloff. Offenbar wird der Unrat einfach über Bord geworfen.

Umweltminister Robert Habeck (Grüne) nennt die Hohe See außerhalb der 200-Seemeilen-Zone daher einen „Raum der Verantwortungslosigkeit“, der als Müllkippe missbraucht werde. In Hamburg versuchen die Grünen derzeit, die Müllgebühren im Hafen abzuschaffen, damit der Anreiz für die illegale Entsorgung auf See entfällt. Auch in Schleswig-Holstein müssen Reeder eine Entsorgungsabgabe leisten. Sie wird immer fällig, egal ob Müll abgegeben wird oder nicht. „Insofern ist Schiffen, die unsere Häfen anlaufen, der Anreiz genommen, Abfälle illegal über Bord zu werfen“, argumentiert das Kieler Wirtschaftsministerium. Der Haken: Es sind Extra-Gebühren möglich, wenn ein bestimmtes Kontingent überschritten wird oder Abfälle nur aufwendig zu entsorgen sind – was Kapitäne zum Nachrechnen verleiten dürfte. Die Versuchung bleibt. Die Umweltorganisation „The Ocean Conservancy“ macht aber nicht nur die Schifffahrt, sondern auch den Tourismus für Plastikmüll an den Stränden verantwortlich. Bei Strandsammlungen, dem Spülsaum-Monitoring, sind von 2008 bis 2012 an der deutschen Nord- und Ostseeküste durchschnittlich 154 Abfallteile pro 100 Meter gefunden worden. Rund 35 Prozent der identifizierbaren Teile waren Netzreste, 28 Prozent Verpackungen wie Tüten oder Flaschen.

Kiels Umweltminister hat dem Müll im Meer bereits vor einem Jahr den Kampf angesagt. Ein Baustein, der damals Wellen schlug: Die Öko-Abgabe von 22 Cent pro Plastiktüte wie in Irland, wo der Verbrauch daraufhin pro Kopf und Jahr von 328 auf 16 Stück sank. Einen Vorstoß auf Bundesebene kündigte der Minister an. Daraus geworden sind vier Anträge Schleswig-Holsteins beim Umweltausschuss des Bundesrates, als der sich mit der Änderung der europäischen Verpackungsrichtlinie beschäftigte. „Mehr war politisch nicht zu erreichen“, sagt Habeck. „Es gab erhebliche Widerstände aus der Wirtschaft.“

Der Plastikmüll wird die Menschen an Nord- und Ostsee noch viele hundert Jahre beschäftigen. Ulrike Kronfeld-Goharani, Ozeanographin an der Kieler Universität, hat berechnet, dass Plastiktüten und -flaschen sich erst nach 450 Jahren durch Reibung, Salzwasser und UV-Strahlung in Kleinstteile zerlegen. Verschwunden ist das Problem damit allerdings nicht. Die Mikropartikel werden von den Meeresbewohnern mit Plankton verwechselt und gefressen. So landen sie wieder auf dem Tisch.

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erstellt am 22.Jun.2014 | 18:19 Uhr

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