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Nordkirche in Ahrensburg : Sexuelle Freizügigkeit schuld an Missbrauch

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Der Zwischenbericht über die Missbrauchsfälle von Ahrensburg liegt vor. Darin wird die Nordkirche aufgefordert, klare Regeln aufzustellen.

Hamburg | Die seit dem Jahr 2010 in Ahrensburg bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs sind "eindeutig bestätigt". Das geht aus dem Zwischenbericht der "Unabhängigen Kommission zur Untersuchung von Missbrauchsfällen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland" hervor, der Freitag in Hamburg der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Der Bericht erhebt schwere Vorwürfe an die Adresse der ehemaligen Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. In der Kirche hätten Seelsorger "unter dem Deckmantel einer fortschrittlichen Sexualität oder der Ausnutzung der emotionalen Bedürftigkeit junger Menschen" sexuelle Beziehungen zu Jugendlichen begonnen, um ihre sexuellen Fantasien auszuleben. "Die ehemalige Nordelbische Kirche hat sich immer als progressiv und modern verstanden", so Kommissionsmitglied Dirk Bange. Dies haben einzelne Täter ausnutzen können, um sich hinter einer "Maske der Liberalität" zu verstecken.

Sexueller Übergriff und Alkoholkonsum waren Normalität

Dass in der Jugendarbeit "sexuelle Libertinage" gepredigt wurde, habe den Boden für die Missbrauchstaten bereitet. Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs sprach von einem "Nimbus der reformpädagogischen Freiheit, der den sexuellen Übergriff und den grenzenlosen Alkoholkonsum zur Normalität erhob".
Mit den Verweisen auf sexuelle Freiheit und Reformpädagogik stellten die Vertreter der unabhängigen Kommission und der Nordkirche die Missbrauchsfälle in Ahrensburg in eine Reihe mit den Vorfällen an der reformpädagogisch orientierten Odenwaldschule und der Debatte um eine Arbeitsgemeinschaft der Grünen, die in den 80er Jahren Pädophile unterstützte.

Keine Regelung untersagt sexuelle Kontakte

Der Bericht stellt jedoch auch klare Forderungen an die heutige Nordkirche: Bis heute fehle ein "konsequenter Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Seelsorge und der Jugendarbeit", heißt es in dem Text. "Ebenso fehlt eine klare kirchenrechtliche Regelung, die sexuelle Kontakte im Rahmen der Seelsorge der Jugendarbeit strikt untersagt."
Nötig sei auch eine neue Debatte um die seelsorgerliche Schweigepflicht. Die Kommission kündigte an, im weiteren Verlauf ihrer Arbeit Empfehlungen zu erarbeiten, ob und wann die Schweigepflicht der Geistlichen hinter den Schutz des Wohls von Kindern und Jugendlichen zurückzutreten hat. Die deutsche Strafprozessordnung sieht für Geistliche ein Recht zur Zeugnisverweigerung vor, wenn ihnen Informationen "in ihrer Eigenschaft als Seelsorger anvertraut wurden". "Wer unter der Schweigepflicht steht, muss klären, ob er nicht aktiv werden muss, wenn er von einer Straftat hört", sagte auch Bischöfin Fehrs. Dies sei nötig, "damit er nicht die Sprachlosigkeit, in die der Täter sein Opfer zieht, weiter unterstützt".

Initiative "Missbrauch in Ahrensburg" löst sich auf

Der Sprecher der Initiative "Missbrauch in Ahrensburg", Anselm Kohn, begrüßte die Zwischenergebnisse der Kommission. Nach deren Veröffentlichung kündigte er die Selbstauflösung seines Vereins zum 22. Juni an. Der Verein habe in den letzten drei Jahren viel erreicht. Allerdings hätten sich auch Probleme gezeigt, die entstünden, wenn Menschen ihre persönlichen Missbrauchserfahrungen der in einem Verein vorgeschriebenen Demokratie unterwerfen müssten.
Hierarchien zwischen den einzelnen Missbrauchsfällen brächten nicht konstruktiv weiter. "Jetzt ist es irgendwie gut, und die Kraft ist auch strapaziert genug."

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erstellt am 03.Jun.2013 | 04:23 Uhr

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