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Panorama

25. Mai 2016 | 09:12 Uhr

Füsing : Sensation: Wikingerstadt ausgegraben

vom

Wissenschaftler haben in Füsing eine Wikinger-Siedlung aufgespürt, die noch älter ist als Haithabu. Etwa 100 Häuser haben dort einst gestanden.

schleswig | Der Laie erkennt nur Sand, egal, wohin er blickt. Andres S. Dobat hingegen sieht vor seinem geistigen Auge die exakte Raumaufteilung, wenn er mit seinem Zeigestock zwischen den zwei Dutzend Pflöcken herumspaziert, die auf einer Länge von 20 Metern die Umrisse eines vor über 1000 Jahren entstandenen Langhauses markieren. Der Archäologe von der Universität Århus erkennt trotz des zeitlichen Abstands, wo überall Trennwände eingezogen waren, ja sogar, wo sich Sitzbänke befanden. Zwei Wochen nach Grabungsbeginn mit Bagger und Schaufel öffnet sich den Forschern auf einem abgeernteten Roggenacker bei Füsing vor den östlichen Toren Schleswigs ein sensationelles Fenster in die Wikingerzeit. Die Wissenschaftler haben eine Siedlung aufgespürt, die bereits um das Jahr 700 bestand und damit ein Jahrhundert älter als Haithabu ist. Mit bis zu 100 Häusern besaß sie zudem eine für die damalige Epoche herausragende Größe. Deutlich kleiner als Haithabu zwar, aber das war seinerzeit auch das Maximum im ganzen Ostseeraum. Und so spricht Dobat denn auch von der bedeutendsten wikingerzeitlichen Ausgrabung in Schleswig-Holstein seit 25 Jahren.
Dass sich die bis ums Jahr 1000 bewohnte Fundstätte für Handwerk und Handel eignete, erklärt der Grabungsleiter zum einen mit der Mündung der Füsinger Au. Schiffbar bis nach Mittelangeln, war sie in einer Zeit ohne Chausseen ein bedeutender Transportweg. Außerdem gibt die plateauartige Lage einen weiten, auch strategisch wertvollen Blick auf die Schlei frei: Sumpfgürtel boten zum Landesinneren hin gute Verteidigungsmöglichkeiten.
Langhaus und kleinere Grubenhäuser
Anders als beim stattlichen, nach Dobats Deutung von einem "regionalen Häuptling" bewohnten Langhaus handelte es sich bei den übrigen Bauten um kleinere Grubenhäuser: oft nur sechs bis acht Quadratmeter groß, in Kuhlen eingepasst, weil man sich damit den Bau von Wänden sparen und die Wärmespeicherung verbessern konnte. Dass sich eckige mit runden, eigentlich für das nördlichere Jütland typischen Grundrissen vermischen, interpretieren die Experten als Hinweis darauf, dass bei Füsing Menschen unterschiedlicher Herkunft lebten - ein Fingerzeig auf überregionale Verbindungen des Platzes. Durch schwarze Flecken in der Erde sind die Ausgräber den Grundrissen auf die Schliche gekommen: "Dort standen einst Pfähle", so Dobat. Als diese verrotteten, blieben zunächst Löcher im Boden - in die dunklere Ackererde nachgerutscht ist.
Der Fund einer Handvoll Keramikscherben und von etwas Schlacke lieferte in den 1960er Jahren einen ersten Verdacht, dass in der Tiefe von Füsing Geheimnisse schlummern. Er erhärtete sich, als 2003 bei Suchgängen mit dem Metalldetektor reichlich Schmuck aus Bronze, Blei und Silber auftauchte. Geophysikalische Untersuchungen der Kieler Uni bestätigten einen historischen "Hot Spot". Das überzeugte die dänische Carlsberg-Stiftung, gespeist aus dem Vermögen des gleichnamigen Brauerei-Gründers, die aktuellen Grabungen durch eine Forschungsgemeinschaft von Archäologischem Landesamt und Landesmuseum sowie der Uni Århus zu finanzieren. Der Betrag reicht für eine zweimonatige Rückkehr der Archäologen im nächsten Sommer aus. In diesem Jahr wollen sie bis in die zweite Septemberhälfte bleiben. "Dann werden wir erheblich mehr Aussagen über die Hintergründe treffen können", so Dobat. Insbesondere interessiert ihn das Zusammenspiel zwischen der Füsinger Au-Siedlung und der Metropole Haithabu. Hochspannung löst in Fachkreisen auch das frühe Gründungsjahr 700 aus. Der englische Chronist Beda, der über die Auswanderung der Angeln aus der Schleiregion nach England schrieb, bezeichnete nämlich deren Heimatregion zu der Zeit wegen der Emigration noch als entvölkert. Dobat: "Jetzt haben wir einen Hinweis, dass dies offenbar gar nicht stimmt."

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erstellt am 20.Aug.2010 | 05:04 Uhr

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