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Gorch-Fock-Film in der ARD : Regisseur: „Man hätte Jenny Böken nicht an Bord nehmen dürfen“

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Ein Drama und eine Doku beleuchten das Schicksal der Kadettin. Dabei geht es auch um das Versagen der Marine. Ein Interview.

Kiel | Die 2008 ums Leben gekommene „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken hätte nach Ansicht des Filmregisseurs Raymond Ley nicht an Bord des Segelschulschiffes der Marine gehört. Ley hat für den Film detailliert recherchiert. Im Interview verweist er darauf, dass Böken gesundheitliche Einschränkungen hatte und zudem nach einer Beurteilung eine Eignung zum Offizier nicht erkennbar gewesen sei. „Warum Sie an Bord gekommen ist, kann nur die Marine beantworten.“ Die ARD zeigt an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) das Drama „Tod einer Kadettin“ und im Anschluss eine TV-Dokumentation des Autorenpaares Ley.

Der Regisseur und Drehbuchautor Raymond Ley und die Drehbuchautorin Hannah Ley haben für die Dreharbeiten auch eng mit den Eltern der verstorbenen Kadettin Jenny Böken zusammengearbeitet.
Der Regisseur und Drehbuchautor Raymond Ley und die Drehbuchautorin Hannah Ley haben für die Dreharbeiten auch eng mit den Eltern der verstorbenen Kadettin Jenny Böken zusammengearbeitet. Foto: dpa
 

Wollten Sie mit dem Film vor allem das System Marine entlarven oder mehr das tragische Schicksal einer Kadettin nachzeichnen?

Raymond Ley: Uns ging es nicht darum, der Marine Unmenschlichkeit nachzuweisen, sondern hinzuschauen: Wie eine junge Frau von der Gesamtschule kommend, zum kritischen Widerwort erzogen, in eine männerdominierte Welt gerät. Jenny Böken, die auf der Schule sogar eine Klasse übersprungen hatte, wollte den Dienst auf der „Gorch Fock“ nutzen, um Ärztin im Auslandseinsatz bei der Bundeswehr zu werden. Und dann trifft sie auf eine Ordnung an Bord, die Widerspruch erst einmal nicht positiv bewertet. Das kann gut gehen, muss es aber nicht.

Wie haben Sie, Hannah Ley, als Frau das System Marine empfunden?

Hannah Ley: Die Marine ist ja eher konservativ ausgerichtet, pflegt einen seemännischen Machismo, welcher sich nur langsam auf Frauen in ihrer Gemeinschaft einstellt. Für mich ebenfalls schockierend war der Fall der ums Leben gekommenen „Gorch Fock“-Kadettin Sarah Seele, die 2010 im Hafen von Salvador da Bahia in Brasilien aus der Takelage aufs Oberdeck stürzte - ein Beispiel, wie eine auf Befehl aufgebaute Hierarchie Menschen über ihre Grenzen hinaustreibt. Die Kadettin wurde meiner Meinung nach unsinnig immer wieder in die Takelage hochgeschickt.

Hat die Marine mit Ihnen kooperiert?

Raymond Ley: Wir hätten gerne auf der „Gorch Fock“ gedreht (lacht), aber die Marine - das unterstelle ich einfach mal - hätte dann auch gern ins Drehbuch geschaut. Wir hatten mehrere Interviewanfragen - unser Kollege Jan Lerch hat mit Kapitän Norbert Schatz, unser Produzent Nico Hofmann später sogar mit Verteidigungsministerin Frau von der Leyen über ein Gespräch verhandelt, aber letztlich entschied die Marine, niemanden „in Unform“ mit uns sprechen zu lassen. Eine offene, selbst konfrontative Pressearbeit sieht anders aus.

Haben Sie Einschüchterungsversuche erlebt?

Raymond Ley: Wir hatten eine Marineangehörige gefunden, die auf der „Gorch Fock“ war und weiß, wie Frauen dort ausgebildet wurden. Ich wollte unbedingt jemanden beim Dreh dabei haben, der die Befehlsstruktur und die Abläufe an Bord kennt. Als die Soldatin Urlaub bei ihrem Dienstherrn beantragte, wurde ihr vom Marine-Presseamt untersagt, mit uns zu arbeiten. Man rief uns entrüstet an: „Was macht ihr da? So geht das nicht.“ Uns wurde nahegelegt, weitere Kontaktaufnahmen zu unterlassen. Einschüchterung gab es also nicht direkt, aber das geht schon sehr weit.

Wie haben Sie dann fachlichen Rat bekommen?

Raymond Ley: Die Kandidaten für die militärische Beratung fielen ein wenig wie die Blätter vom Baum. Erst als die Ufa in ihrem Pressetext andeutete, dass wir nicht von einem Mord an Bord der „Gorch Fock“ ausgehen, sondern die verschiedenen, denkbaren Varianten, wie auch Unfall- oder Freitod zeigen, tauchte auf einmal ein freundlicher, kompetenter Seemann auf, der lange auf dem Segelschulschiff war und zum Freundeskreis der „Gorch Fock“ gehört. Der Kapitän sagte „Jetzt haben wir das gelesen, jetzt helfe ich euch mal“.

Warum haben Sie alle Möglichkeiten, wie Jenny Böken zu Tode gekommen sein könnte, aufgezeigt, sich aber für keine entschieden?

Hannah Ley: Wir hätten auf Mord „spielen“ können. Diesen konnten wir aber in der Recherche nicht beweisen - genauso wenig wie einen Freitod Jenny Bökens oder einen tragischen Unfall. Ohnehin war es für uns interessanter und dramaturgisch wertvoller, die verschiedenen Varianten im Film durch den an Bord anwesenden Journalisten filmisch gegeneinander zu stellen.

Wer hat für Sie am meisten Schuld am Tod von Jenny Böken?

Raymond Ley: Auf der Marineschule Flensburg-Mürwik hat man Jenny Böken bescheinigt, eine Eignung zum Offizier sei bei ihr nicht zu erkennen. Sie hatte auch mehrere gesundheitliche Einschränkungen. Man hätte dieses Mädchen nicht mit an Bord nehmen dürfen. Warum Sie an Bord gekommen ist, kann nur die Marine beantworten.

Zur Person: Hannah und Raymond Ley

Hannah Ley, Jahrgang 1970, Schauspielerin und Drehbuchautorin, und Raymond Ley (58), Regisseur und Drehbuchautor, stehen für anspruchsvolle TV-Produktionen. Zu den Erfolgen des mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Adolf Grimme Preis ausgezeichneten Autorenpaares gehören „Die Nacht der großen Flut“ (2005), „Eichmanns Ende“ (2010) oder „Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ (2016). Zeithistorische Themen sind ein Markenzeichen der Leys.

 
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erstellt am 03.Apr.2017 | 17:13 Uhr

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