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Panorama

28. September 2016 | 17:22 Uhr

Schädlingsbefall : Pilze bedrohen Reetdachhäuser in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Massive Schädlinge: Pilzbefall durch intensive Landwirtschaft gefährdet traditionelle Reetdächer auf norddeutschen Bauernhäusern.

Flensburg | Mehr als 100.000 Reetdachhäuser gibt es nach Schätzungen in Deutschland, sie prägen weite Regionen in Schleswig-Holstein. Doch dieses Landschaftsbild scheint gefährdet: Hielt ein Reetdach bisher im Schnitt 30 bis 40 Jahre, so verrotten gerade neu gedeckte Dächer heute in wesentlich kürzerer Zeit. „In Regionen mit intensiver Landwirtschaft stellen wir fest, dass drei Viertel der Reetdächer, die in den letzten 15 Jahren gedeckt wurden, innerhalb von zehn Jahren verrotten“, sagt Professor Gunter Schlechte, Inhaber des Sachverständigen- und Forschungsbüros für Angewandte Mikrobiologie in Bockenem bei Hildesheim. Er beobachtet diese Entwicklung seit sieben Jahren – seitdem wird durch Massentierhaltungsställe oder durch überdüngte Felder in besonderem Umfang lufttransportiertes Ammoniak freigesetzt. In von Tiermast geprägten Regionen wies er zum Teil eine zehnfach höhere Stickstoffkonzentration im Dachreet als in anderen Gegenden nach, auch in den Regionen Cuxhaven, Stade sowie im Bremer Raum stellte er ähnlich hohe Belastungen fest. Die Folge: Braun- und Weißfäulepilze verbreiten sich durch das hohe Stickstoffangebot auf den Dächern und führen häufig dazu, dass das Reet aufweicht und zerbröselt.

„Es gibt Hausbesitzer, die wegen der starken Stickstoffbelastung keine Zukunft für ihr Reetdach sehen und deswegen auf ein Hartdach umsteigen“, sagt Schlechte. Das ist allerdings zunächst mit hohen Kosten verbunden, denn dafür muss erstmal ein neuer Dachstuhl gebaut werden, weil Ziegel schwerer sind. Andere Betroffene halten an ihrem traditionellen Dach fest und achten stärker als bisher auf die Reet-Qualität bei einer Neueindeckung. „Mit Premiumqualitäten hat man auch in belasteten Regionen die Chance, dass das Reetdach 20 Jahre hält“, sagt Schlechte. Zu einer Diskussion über die Intensivlandwirtschaft und ihre Auswirkungen habe die frühzeitige Verrottung der Reetdächer allerdings nicht geführt: „Es gibt kein Umdenken, das Problem wird durch die starke Landwirtschaftslobby verschleiert. Und die meisten betroffenen Hauseigentümer trauen sich nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, weil sie Angst vor dem Druck durch Landwirte in ihrer Nachbarschaft haben.“

Jürgen Bathel, Sachverständiger der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade, hat pro Jahr zehn bis 20 Schadensfälle zu begutachten. „Es gibt immer häufiger Streitfälle wegen gravierender Schäden nach kurzer Zeit. Dabei geht es meist um Summen zwischen 10.000 und 50.000 Euro“, sagt der Dachdeckermeister aus Drage an der Elbe. Er betont dabei die handwerklichen Mängel bei der Ausführung der Arbeiten. „Die Handwerksordnung wurde verwässert, oft fehlen die nötigen Fachkenntnisse. Dennoch bekommen diese Betriebe meist die Aufträge, weil sie ihre Leistungen bis zu 30 Prozent günstiger anbieten. Man sollte sich als Kunde Referenzen zeigen lassen“, empfiehlt Bathel.

Katrin Jacobs, Geschäftsführerin des Reetdach-Kontors Ostholstein aus Oldenburg, hat gut zu tun - nach ihren Angaben wächst die Nachfrage nach Reetdächern, gerade für neu gebaute Ferienhäuser an Nord- und Ostsee. Gleichzeitig sinkt nach ihrer Überzeugung die Gefahr der vorzeitigen Verrottung von Reetdächern. „Ich bin als Sachverständige für Reet tätig und habe in diesem Jahr mit weniger Fällen als in den Vorjahren zu tun. Das liegt auch daran, dass heute mehr auf die Reetqualität geachtet wird„, sagt Jacobs, die auch Vorsitzende der Bundesfachgruppe Reetdachtechnik im Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks ist. Allerdings musste sie in diesem Jahr vier Dächer begutachten, die keine fünf Jahre lang gehalten haben.

„Bisher gibt es keine das Reetdach schützenden Mittel, die entstandene Schäden eindämmen oder beheben können“, sagt Klaus Püttmann, Konservator und Reetexperte beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Zehn Prozent des in Deutschland eingesetzten Reets stammt aus heimischer Ernte, aus Ostfriesland, Dithmarschen und der Region an Wümme und Weser. Es fällt wegen zu geringer Halmwanddichte allerdings nicht selten durch die Zertifizierung. Hauptlieferanten sind Ungarn, Rumäninen, die Türkei und China. Im Designer Outlet Center Soltau kann man heute schon einen Eindruck von der möglichen Zukunft des Reets bekommen. Dort gibt es zahlreiche Gebäude mit einem Reetdach – aus Plastik.

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erstellt am 04.Jan.2014 | 16:13 Uhr

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