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Panorama

04. Dezember 2016 | 03:02 Uhr

Tod von Jenny Böken : Online-Hohn gegen tote „Gorch Fock“-Kadettin: Ehemaliger Marine-Angehöriger vor Gericht

vom

Acht Jahre nach dem tragischen Tod von Jenny Böken muss sich ein ehemaliger Kapitänleutnant vor Gericht verantworten. Er hatte die Tote im Internet verhöhnt.

Schleswig | Die Worte klingen zynisch und verletzend - und doch standen sie jahrelang im Internet unter einem Text auf shz.de. Der ehemalige Kapitänleutnant nutzte offenbar das Leserforum, um seine Kritik an den Eltern der verstorbenen „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken loszuwerden. Die junge Frau starb einen Tag vor ihrem 19. Geburtstag an Bord des Ausbildungssschiffs. Bei einer Nachtwache im September 2008 stürzte sie in die Nordsee und ertrank.

Für den Kommentator war ihr Tod offenbar selbst verschuldet: Er kommentierte mit einer großen Ladung Hohn, die so verletzend wirkte, dass sich die Eltern juristisch wehren. Wegen öffentlicher Verunglimpfung der toten jungen Frau muss er sich jetzt vor dem Amtsgericht Schleswig verantworten. Die Anzeige hatten die Eltern von Jenny Böken erstattet.

Zum Hintergrund: Die Eltern versuchten in den Jahren nach dem tragischen Tod ihrer Tochter verzweifelt, die Hintergründe aufzuklären. Sie hatten Zweifel daran, dass es sich um ein bloßes Unglück handelte. Nachdem die Eltern 2012 angekündigt hatten, vorm Bundesverfassungsgericht klagen zu wollen, berichtete der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag darüber, auch online. Der Kommentator schrieb daraufhin im Leserforum: „Da sind sie wieder, die Bökens: Mit einem Sammelsurium absurder Hirngespinste betreffs des Todes ihrer Tochter vergeuden sie seit mehreren Jahren das Geld anständiger Steuerzahler.“ Und: Die Eltern leugneten, „dass ihre Tochter schlicht und ergreifend in Darwin-Award-fähiger Weise von der Back der ,Gorch Fock‘ gestürzt ist“. Der Darwin Award ist ein Negativpreis, der seit 1994 an Menschen verliehen wird, die sich versehentlich selbst töten oder unfruchtbar machen und dabei ein besonderes Maß an Dummheit zeigen.

Die Umstände von Jenny Bökens Tod konnten nicht geklärt werden. Von einem Darwin Award zu sprechen, hat die Eltern aus Geilenkirchen (Nordrhein-Westfalen) tief getroffen. Vater Uwe Böken sagte nach Veröffentlichung des Kommentars: „Solche Äußerungen bestätigen mir, welche Haltung innerhalb der Marine herrscht.“ „Ich war fassungslos“, sagte Mutter Marlis Böken.

Die Marine verneinte auf Anfrage nicht, dass der Schreiber aus ihren Reihen stammte. Marine-Sprecher Fregattenkapitän Uwe Rossmeisl sage damals: „Die hier zur Rede stehenden Kommentare spiegeln nicht die Meinung der Deutschen Marine wider. Unabhängig davon hat die Marine eine Prüfung des Vorgangs veranlasst und wird für den Fall, dass sich Anhaltspunkte für eine dienstrechtliche oder strafrechtliche Würdigung ergeben, die erforderlichen Schritte einleiten.“

Auch in Marine-Foren im Internet sei der Ton laut Uwe Böken scharf gewesen. Die Bökens sollten endlich Ruhe geben sei der Tenor gewesen. Marlis Böken sagte dazu: „Jenny hat ihr Leben verloren. Mehr kann man im Dienst nicht geben. Und wir haben gute Gründe, weiter Fragen zu stellen.“

Nach Anklageverlesung vor dem Schleswiger Amtsgericht erklärte der Verteidiger des Angeklagten, dass vor dem Landgericht Aachen in einem Zivilverfahren in dieser Angelegenheit ein Vergleich geschlossen worden sei: „Darin hat mein Mandant sich verpflichtet, die Äußerung nicht zu wiederholen.“ Auf die Internet-Seiten, auf denen er sie veröffentlicht habe, habe er allerdings keinen Zugriff. Wegen des in Aachen geschlossenen Vergleichs regte der Staatsanwalt an, dass Strafverfahren einzustellen. Alle Beteiligten stimmten zu. Marlies und Uwe Böken, die Eltern der ertrunkenen Gorch-Fock-Kadettin, waren nicht anwesend. Der ehemalige Kapitänleutnant ist mittlerweile nicht mehr bei der Marine und lebt in Hessen.

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erstellt am 25.Jul.2016 | 14:55 Uhr

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